Weidel-Eklat

Wie die AfD gezielte Provokation zu ihrer Strategie macht

War der Abgang von Alice Weidel aus dem ZDF-Studio spontan? Wohl kaum. Gezielte Provokation gehört zum politischen Geschäft der AfD.

Warum die AfD nichts gegen die größte Angst der Deutschen tun will

Klimawandel: Laut einer repräsentativen Umfrage unserer Redaktion ist nicht die Zuwanderung, sondern der Klimawandel die größte Angst der Deutschen vor der Bundestagswahl. Wir haben den AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland gefragt, welche Lösungen seine Partei dazu anbietet.

Warum die AfD nichts gegen die größte Angst der Deutschen tun will

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Berlin.  Es war Björn Höckes großer Auftritt. Im Oktober 2015 saß der AfD-Mann in der ARD-Talkrunde bei Günther Jauch. „Wird der Hass gesellschaftsfähig?“ lautete das Thema. Am gleichen Tag war in Köln Henriette Reker zur neuen Kölner Oberbürgermeisterin gewählt worden – nachdem sie im Wahlkampf von einem 44-jährigen Attentäter mit einem Messer niedergestochen und schwer verletzt worden war.

Doch das war schnell Nebensache.

Denn nach wenigen Minuten zog Höcke eine Deutschland-Fahne aus der Sakko-Tasche und hängte sie über die Stuhllehne, wo sie für den Rest der Sendung verblieb. Er habe das „zentrale Symbol unseres Landes“ mitgebracht, um zu zeigen, dass die AfD die Stimme des Volkes sei, verkündete Höcke.

Weidel nennt Slomka intolerant

Dann schwadronierte Höcke noch darüber, dass die AfD „das Bewährte behalten“ wolle. Und bezogen auf Asylbewerber in Deutschland erklärte er: „Wir importieren uns sozialen Sprengstoff.“

Höckes Fahnen-Bekenntnis war der wohl spektakulärste TV-Auftritt eines AfD-Politikers – jedenfalls bis zu diesem Dienstagabend. Da verließ die Spitzenkandidatin der Partei zur Bundestagswahl, Alice Weidel, vor einem Millionenpublikum die ZDF-Diskutierrunde „Wie geht’s, Deutschland? “; angeblich weil ihr die Moderation von Marietta Slomka nicht passte.

„Sie hat sich mit der frechen Intoleranz und der plumpen Argumentation von SPD und Grünen gemein gemacht“, kritisierte Weidel nach der Sendung.

Provokation als Mittel zum Zweck

War Weidels spektakulärer Abgang also eine spontane Reaktion auf eine nicht genehme Journalistin? Wohl kaum. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Aktion, ebenso wie damals bei Höcke in der Jauch-Sendung, ein gezielter Tabubruch war, mit dem Weidel die eigene Klientel bedienen wollte. Es geht um Provokation als politisches Mittel zum Zweck. Und das Vorgehen hat Methode.

Anfang dieses Jahres berichtete der Südwestrundfunk (SWR) über ein internes Strategiepapier der AfD, eine Art Wahlkampfplan der Partei. Darin heißt es unter anderem, die AfD müsse „ganz bewusst und ganz gezielt immer wieder politisch inkorrekt sein“. Die Partei dürfe ausdrücklich „vor sorgfältig geplanten Provokationen nicht zurückschrecken“.

Negative Reaktionen sind einkalkuliert

Und weiter: „Je nervöser und je unfairer die Altparteien auf Provokationen reagieren desto besser. Je mehr sie versuchen, die AfD wegen provokanter Worte oder Aktionen zu stigmatisieren, desto positiver ist das für das Profil der AfD.“ Negative Reaktionen müssten daher „ganz bewusst“ einkalkuliert werden, so das Papier.

Nicht immer sind es Mätzchen bei TV-Auftritten wie bei Höcke und Weidel, mit denen AfD-Politiker diese Strategie verfolgen. Oft sind es gezielte, wohl kalkulierte Wortmeldungen mit denen AfD-Politiker die gleiche Taktik verfolgen.

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Gegen Boateng und Özoguz

Mal fordert Parteichefin Frauke Petry, man müsse bei der Zurückweisung von Flüchtlingen an der Grenze notfalls „auch von der Schusswaffe Gebrauch machen“, dann wiederum behauptet ihr Vize Alexander Gauland, viele Deutsche wollten den dunkelhäutigen Fußballnationalspieler Jerome Boateng „nicht als Nachbarn haben“.

Ähnlich war es auch, als Gauland kürzlich in einer Wahlkampfrede forderte, die SPD-Politikerin und Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, solle nach der Wahl „in Anatolien entsorgt“ werden.

Frauke Petry gab die Richtung vor

In allen Fällen ließen die empörten Reaktionen nicht lange auf sich warten. Doch das war – siehe oben – ganz im Sinne der AfD. Im Frühjahr schrieb AfD-Chefin Petry in einem Rundbrief an die Parteimitglieder, sie sei oft gefragt worden, ob es nicht einfacher wäre, ohne „verbale Provokationen beim Bürger anzukommen“. Petrys Meinung ist eine andere: „Pointierte, teilweise auch provokante Aussagen“ seien unerlässlich, um sich Gehör zu verschaffen.

Sie schloss ihren Rundbrief mit einem Zitat des früheren Bundeskanzlers Konrad Adenauer (CDU): „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen.“ Petry beruft sich auf Adenauer – die nächste Provokation.

Hier wettert Martin Schulz gegen die AfD

„Eine Schande“: So heftig urteilt SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz über die AfD. Brisant: Er hält seine Rede bei der Vorstellung eines Buches, dass das Schicksal der SPD-Reichstag-Abgeordneten in der Nazi-Zeit thematisiert.
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