TV-Duell

Nikolaus Brender: „Angela Merkel verweigert offene Debatte“

Am Sonntag trifft Angela Merkel im TV-Duell auf Martin Schulz. Der ehemalige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender kritisiert das Format.

Martin Schulz (SPD) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) duellieren sich am Sonntagabend.

Martin Schulz (SPD) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) duellieren sich am Sonntagabend.

Foto: Olivier Hoslet / dpa

Berlin.  Es ist der absolute Höhepunkt in einem bislang mäßig spannenden Wahlkampf: das TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Herausforderer Martin Schulz . Aber wie spannend kann das TV-Ereignis wirklich werden?

Ursprünglich hatten sich die Sender ein neues, aufgelockertes Format gewünscht. Das ist allerdings am strikten Veto Angela Merkels gescheitert. Der ehemalige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender hat die Weigerung der Kanzlerin scharf kritisiert. Tobias Bosse sprach mit Nikolaus Brender über das TV-Duell und die Rolle des Bundeskanzleramtes.

Herr Brender, das TV-Duell zwischen der Kanzlerin und ihrem Herausforderer ist die wichtigste Polit-Sendung im Wahlkampf. Warum lassen sich die Fernsehanstalten vom Bundeskanzleramt vorschreiben, welche Spielregeln für das TV-Duell zu gelten haben?

Nikolaus Brender: Angela Merkel lässt sich auf kein anderes Format als dieses ein. Es ist das einzige, in dem sie sich verpflichtet fühlt, mit ihrem Kontrahenten zu diskutieren. Wenn dies nun wegfallen würde, dann gäbe es überhaupt keine öffentliche Auseinandersetzung der Kandidaten. Die Demokratie lebt aber von der unmittelbaren Auseinandersetzung zwischen denen, die sich dem Bürger zur Wahl stellen. Das ist der Atem der Demokratie. Deshalb haben die Fernsehanstalten, mit geballter Faust in der Tasche, zugestimmt, obwohl sich das Kanzleramt auf keinerlei Diskussionen eingelassen hat. Damit der Wähler wenigstens einmal den unmittelbaren Vergleich hat.

Liefen diese Verhandlungen unter Ihrer Leitung damals genauso ab?

Brender: In der Offenheit des Duells war die CDU immer schon die Partei, die geblockt hat. Das erste TV-Duell fand erst 2002 statt. Denn der erste Kanzler, der einem TV-Duell zugestimmt hat, war Gerhard Schröder. Edmund Stoiber hat es gefordert und Schröder stimmte zu. Auch damals sprach Stoibers Berater Michael Spreng schon von einem „engen Korsett“, indem sich das Duell bewegen sollte. Diese Grundstrategie der Union hat sich fortgesetzt bis heute. Helmut Schmidt und Co. haben TV-Duellen zuvor jedoch nie zugestimmt. Jetzt könnte man sagen, das muss Merkel auch nicht, denn sie hat ja gute Vorbilder, aber Schmidt, Brandt und Kohl haben sich in anderen großen Runden stundenlang mit allen Spitzenkandidaten der Diskussion gestellt. Einer solchen Debatte verweigert sich Frau Merkel ohnehin, seitdem sie Kanzlerin ist.

Also ist Angela Merkel die konfliktscheuste Kanzlerin, die Deutschland jemals hatte?

Brender: Ja, denn in der unmittelbaren Auseinandersetzung scheut sie jeden Vergleich. Das liegt aber auch an ihrem Charakter, weil sie im Grunde selbst keine politische Position bezieht, sondern erst handelt, wenn die Realität sie dazu drängt wie bei der Energiewende.

Würden Sie dieses Verhalten als Charakterschwäche bezeichnen?

Brender: Ja, das kann man so sagen.

Welchen Themen will Angela Merkel denn aus dem Weg gehen?

Brender: Die Frage nach der Flüchtlingspolitik – wie sie dazu kam, diese Entscheidungen zu treffen. Auch die Frage nach ihrem Verhalten in der Finanzkrise könnte für den Gegenkandidaten von Interesse sein. Ebenso wie die Frage, weshalb es erst eine Atomkatastrophe gebraucht hat, damit sie die Energiewende einleitet. Solche Fragen möchte sie sicherlich nicht diskutiert haben.

Kann Martin Schulz bei dieser Art von TV-Duell überhaupt noch Boden gut machen?

Brender: Die Bandagen sind nicht so eng geknüpft, dass er es nicht schaffen könnte, aus dieser Zwangsjacke herauszukommen. Er muss versuchen, mit der Kanzlerin in den Dialog zu kommen. Dann kann er sich vielleicht freischwimmen.

Halten Sie dieses Format für geeignet?

Brender: Nein, es ist völlig ungeeignet. Ich habe dieses Format als Missgeburt bezeichnet und wenn die Fernsehanstalten nicht unter Druck stünden, würde man das in dieser Art und Weise gar nicht aufzeichnen. Das Format ist sehr klein gehackt. Sie gibt beiden Kandidaten nur wenig Zeit und Möglichkeiten zur Vertiefung. Da es vier Interviewer sind, wechseln die Gesprächspartner sehr häufig. Das heißt, aufgrund des Gesamtformats, ist ein Dialog eigentlich kaum möglich. Selbst den Mini-Veränderungswunsch der TV-Sender – jeweils zwei Interviewer für je 45 Minuten – wurde vom Kanzleramt abgelehnt, weil dies eine Vertiefung zulassen würde.

Setzen solche Maßnahmen den demokratischen Sinn eines TV-Duells außer Kraft?

Brender: Na ja, es findet ja statt, aber die Vorzeichen sind nicht schön. Und für eine Demokratie nicht gut.