Bundeskanzlerin Angela Merkel, Gastgeberin des G20-Gipfels in Hamburg, hatte neben den Problemen mit den schwierigen „Partnern“ Trump, Putin und Erdogan auch etwas Positives zu berichten. Die Weltwirtschaft befinde sich in einer ruhigen Phase, stellte sie in einer Zwischenbilanz am Freitag fest. Ein Grund dafür liegt auf der Hand: Die akute Eurokrise, die all die Jahre zuvor einen erheblichen Risikofaktor darstellte, ist vorbei. Von den fünf Euro-Ländern, die sich einem Hilfsprogramm unterziehen mussten, bleibt nur Griechenland ein Jahr noch in einem Memorandum.

Die hohen Schulden vieler Euro-Länder, allen voran Italiens, bleiben zwar für absehbare Zeit eine tickende Bombe, momentan aber scheint die Eurozone die Krise im Griff zu haben. Zum ersten Mal nach langer Zeit findet an diesem Montag eine Eurogruppen-Sitzung statt und Griechenland steht nicht auf der Tagesordnung. Das wird für eine Weile auch nicht mehr nötig sein nach dem Kompromiss vom Juni zum Verbleib des Internationalen Währungsfonds (IWF) im griechischen Hilfsprogramm. Das ist zwar ein fauler Kompromiss, denn die finanzielle Beteiligung des IWF ist bis zum Schluss überhaupt nicht gesichert. Doch das leidige Thema der griechischen Schulden wird den Wahlkampf in Deutschland nicht belasten, trotz der Bemühungen des FDP-Vorsitzenden Christian Lindner die von Schäuble „geklaute“ Idee eines vorübergehenden Grexit plus Schuldenschnitt noch einmal zu aktualisieren.

„Herr Lindner ist Herr Lindner“, antwortete der Bundesfinanzminister in einem Interview mit der griechischen Zeitung „Ta Nea“ vor Kurzem. Niemand in der Eurogruppe, insbesondere nicht Griechenland, habe ein Interesse daran, diese alte Debatte jetzt wieder zu führen, fügte Schäuble hinzu. Dazu gibt es wahrlich keinen Grund mehr. Griechenland diskutierte vergangene Woche am Jahrestag des denkwürdigen Referendums wieder einmal über die turbulente Zeit im Sommer 2015, über das „Nein“, welches Ministerpräsident Alexis Tsipras angesichts der drohenden Katastrophe für das Land kurzerhand zum „Ja“ umdeutete. Und der ehemalige Finanzminister Janis Varoufakis legte offen, dass er sehr weit die Einführung einer Parallelwährung mit Einverständnis von Tsipras vorbereitet hatte. Varoufakis hätte beinahe den Grexit-Plan Schäubles realisiert. All das scheint zwei Jahre danach für die Griechen wie ein Albtraum. Inzwischen nähert sich das Land dem Punkt, an dem es im Sommer 2014 schon einmal war und will demnächst den Marktzugang testen.

Gleichzeitung entwickelt sich Griechenland zum Schauplatz der Emanzipationsbestrebungen Europas von den USA. Merkels Satz, „die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei“, wurde beim G20-Gipfel in Hamburg vom isolationssüchtigen US-Präsidenten Donald Trump bestätigt. Dieser Prozess hat schon begonnen und wird bei der Zusammenarbeit mit dem von den Amerikanern dominierten IWF praktiziert.

Ironie der Geschichte: Es war Merkel, die mit dem ersten Programm für Griechenland 2010 den IWF in die Eurozone holte – gegen Schäubles Willen. Jetzt kündigt dieser das Ende dieser Epoche an. „Dieses dritte Griechenland-Programm wird das letzte sein, bei dem der IWF beteiligt ist“, sagte Schäuble der „Ta Nea“. „Für den Fall, dass wir wieder ein europäisches Rettungsprogramm brauchen, müssen wir den ESM zu einem Europäischen Währungsfonds weiterentwickeln“, fügte er hinzu. Die Regeln des IWF passten nicht auf ein Land, das Mitglied einer Währungsunion ist. Der IWF werde ja auch nicht für Kalifornien gerufen.

Die Eurozone ist dabei, ihre eigenen Instrumente für die Rettung schuldenbedrohter Mitglieder zu vervollständigen. Und Griechenland läuft Gefahr, noch einmal als Versuchskaninchen der erste Kunde des Europäischen Währungsfonds zu werden, falls die jetzige Regierung ihr investitionsfeindliches Verhalten nicht ändert. Aber eines ist klar: Die Eurozone emanzipiert sich vom IWF – und wird dadurch erwachsen.