Krawalle

Konfliktforscher zu G20-Gewalt: Polizei allein reicht nicht

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Blick in ein geplündertes Geschäft in der Straße Schulterblatt im Schanzenviertel. Bei den Protesten gegen das Treffen der G20 war es zu schweren Auseinandersetzungen gekommen.

Blick in ein geplündertes Geschäft in der Straße Schulterblatt im Schanzenviertel. Bei den Protesten gegen das Treffen der G20 war es zu schweren Auseinandersetzungen gekommen.

Foto: Bodo Marks / dpa

Lust nach Eskalation trieb die Randalierer in Hamburg, meint ein Forscher. Bei solcher Gewaltbereitschaft seien auch Bürger gefragt.

Hamburg, Bielefeld.  Nach den Gewaltexzessen zum G20-Gipfel in Hamburg mahnt der Konfliktforscher Andreas Zick mehr Prävention in der Gesellschaft an. „Angesichts der Stärke der Gewalt in vielen gesellschaftlichen Bereichen, die wir immer mehr sehen können, muss sich die Gesellschaft viel besser aufstellen“, sagte Zick am Sonntag in Bielefeld dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Gewalt wie in Hamburg „kann man nicht in zwei Minuten verstehen und mit einer bestimmten Zahl an Polizei und Kameras bekämpfen“, unterstrich der Gewaltforscher. „Auf Polizei und reine Gefahrenabwehr zu bauen, wird nicht reichen.“ Auch die Bürgerschaft vor Ort müsse fähig sein, präventiv zu handeln. Die Gewalt habe in Hamburg versucht, den Raum zu erobern. Diese Räume müssten vorher gut vorbereitet werden.

Polizei in Hamburg war zahlenmäßig gut aufgestellt

Wichtig für eine frühzeitige Verhinderung sei es, die Szenarien im Vorfeld zu analysieren, Konfliktkompetenz zu stärken und eskalierende Propaganda einzuschränken, erläuterte Zick. Konflikte könnten durch Selbstregulationskräfte unter Demonstranten entschärft werden. Die habe es in Hamburg zwar gegeben, sie seien aber nicht deutlich genug geworden. Demonstrationen, die nicht eskalieren, könnten erlernt werden, ist Zick überzeugt.

Die Polizei in Hamburg sei zahlenmäßig gut aufgestellt gewesen und habe das vermittelt, erklärte der Konfliktforscher. Die Gefahrenabwehr und ihre Strategie transparent zu machen, sei richtig gewesen. Allerdings habe die Polizei zu früh versucht, bei der ersten Demonstration „Welcome to hell“, den schwarzen Block aus der Demo zu trennen. „Das hat den Block bestätigt und Teile der friedlichen Demonstranten verärgert, weil nun die erste legale Demonstration kaum stattfinden konnte.“

Politischer Protest spielt eine untergeordnete Rolle

Auch habe die Polizei nicht mit der massiven Gewalt gegen das Schanzenviertel gerechnet. Es habe zudem vereinzelte Polizeihandlungen gegeben, die friedliche Demonstranten an Sicherheit und Ordnung zweifeln ließen.

Für die Motivation der autonomen Randalierer spielt nach Worten Zicks der politische Protest nur eine untergeordnete Rolle. „Die Botschaft gerät in den Hintergrund.“ In der Konfliktsituation sei die einigende Identität und der Gruppendruck so groß, dass die Motive der Einzelnen keine Rolle spielten: „Man ist bereit zur Eskalation, und Gewaltausübung ist die Norm.“

Der „schwarze Block“ verabredete sich zu Guerilla-Aktionen

Extreme Gewalt gegen Menschen werde ausgeübt, wenn die Einstellung da sei: Jetzt kämpfen wir, egal ob alle zusammen untergehen. Zick: „Gewalt wird zum Gruppenerlebnis – und das Motiv ist, die Macht der Gruppe zu demonstrieren.“

Der „schwarze Block“ habe sich weit vorher formiert und dann zu den Guerilla-Aktionen verabredet, erklärte Zick, der Direktor des Interdisziplinären Institutes für Gewalt- und Konfliktforschung an der Universität Bielefeld ist. Der Block bestehe bei solchen Großdemonstrationen aus zumeist jungen Männern aus verschiedenen Ländern und unterschiedlichen Milieus.

Bei der Formierung dieses Blocks motivierten aggressive Botschaften, eine gemeinsame Identität herzustellen, sagte der Wissenschaftler. „Dann wird die Gewalt zur Norm, bevor es zur Aktion geht.“ Diese Gewalt auch gegen mögliche Sympathisanten habe gezeigt, „dass der schwarze Block diesmal die Lage komplett eskalieren lassen wollte“. (epd)