Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen.

Pilotin in der digitalen Welt

Die Barfrau im „Schleusenkrug“ serviert den Chai-Tee und liest den Sinnspruch vor, der auf den Beutel gedruckt ist. „Schätze Dich selbst und ehre Deine Seele.“ Das klingt fast wie ein Segen. „Na denn. Wenn das kein Motto für den Tag ist“, antwortet Gesche Joost und nimmt ihre Tasse. Ein schöner Einstieg für ein Gespräch mit einer Frau, die den digitalen Menschen in einer ebensolchen Gesellschaft in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt hat.

Eigentlich wollten wir von der Universität der Künste am Einsteinufer, wo Gesche Joosts Lehrstuhl und ihr Design-Lab angesiedelt sind, zum Einstein Center in Mitte spazieren. Dessen Gründung ist zu einem großen Teil ihr Verdienst. Doch wir haben uns zu viel vorgenommen für diesen regnerischen Junimorgen. Und so sitzen wir eine Viertelstunde nach dem Start unter dem großen Schirm im Biergarten „Schleusenkrug“.

„Design-Lab“ – das klingt geheimnisvoll. Man denkt an schöne Möbel oder Mode. Doch damit hat das nichts zu tun. „Das Lab ist mein Versuchslabor für Digitalthemen“, sagt Joost. Alles, was sie mache, werde dort geboren und genährt. „Wir sehen Design als Relation zwischen Mensch und Technik.“

Sie und ihr Team erforschen zum Beispiel, wie Menschen mit einer vernetzten Jacke interagieren. Das ist eine vollkommen neue Frage. Beim Computer weiß man, wozu Tastatur und Maus dienen. Aber bei einer Jacke? Die knöpft man zu oder auf. „Wir haben viel mit Demenz- und Schlaganfallpatienten gearbeitet und überlegt, welche Benefits eine solche Jacke haben könnte.“ Sie kann Körperfunktionen wie den Puls oder die Hauttemperatur messen. Intelligente Orthesen können bei der Rehabilitation zeigen, wie sich der Neigungswinkel eines Beins ändert und so Verletzungen verhindern. „Das Problem ist, dass Textilhersteller keine Elektrotechniker sind und umgekehrt“, bedauert Joost.

Auch die digitale Bildung ist für Gesche Joost eine Herzensangelegenheit, ein Garant für das Gelingen des digitalen Wandels. „Bei Veranstaltungen wie der Code Week sind tolle Sachen entstanden.“ Aber die sind in den Schulen nicht angekommen, die sie die letzten Horte des Analogen nennt. Viele europäische Nachbarn sind da weiter. In Großbritannien etwa arbeiten alle Siebtklässler mit dem Minicomputer Microbit.

Ein Kleincomputer fürDritt- und Viertklässler

Das können wir auch, dachte sich Joost und setzte sich mit Designern, Wirtschafts- und Computerfachleuten an einen Tisch. So entstand Calliope mini, ein Kleincomputer zum Preis von 20 Euro, mit dem Achtjährige erste Schritte in die digitale Welt wagen können. 25.000 dieser Kleincomputer werden dank Sponsoren wie Google und Bosch gerade gratis an Dritt- und Viertklässler verteilt. Calliope ist auch ein Projekt gegen die Angst. „Viele Eltern und Lehrer fürchten sich vor der Digitalisierung, weil sie das nicht verstehen und die Konsequenzen nicht überblicken können.“

Und wie digital ist sie selbst?, frage ich die Professorin, für die Arbeiten ohne Internet undenkbar ist. „Ich bin kein Nerd, der immer sofort die neuesten Tools haben muss.“ Sie sei da pragmatisch. Mit ihren 42 Jahren hat sie die analoge Welt noch kennengelernt. „Ich bin immer mit gemieteten Autos oder Fahrrädern unterwegs. Die buche ich über mein Smartphone.“ Die aktuellsten Informationen bezieht Joost über Twitter, die anderen über Online-Nachrichten.

Sie zieht eine klare Linie zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre. Es gibt keine Instagram-Fotos von ihr im Netz. „Wen interessiert das und warum sollte ich das machen. „So etwas teile ich nur mit meinen privaten Kreisen.“ Deshalb sei sie auch so wenig auf Facebook unterwegs. Und Plattformen wie Snapchat? „Das ist mir zu schnell. Meine Güte. Da merkt man dann, wie schnell man im Digitalen altert.“

Dann blickt sie zurück: In den 90er-Jahren dachten viele, das Internet sei einfach nur ein neues Medium. „Dann kam eine Euphorie auf und wir haben angefangen zu begreifen, dass man im Netz neue Freiheiten generieren kann und dass auch neue Formen der Demokratie möglich sind.“

Darum geht es bei ihrem wichtigsten Ehrenamt. Seit 2014 ist sie digitale Botschafterin der Bundesrepublik bei der EU-Kommission. Ihre Aufgabe ist es, die europäische Regierung in Digitalisierungsfragen zu beraten.

Ihr Wunsch für die digitale Zukunft: „Ein Ministerium für Innovation und Digitalisierung gäbe einen unglaublichen Schub.“ In Großbritannien könne man sehen, wie sinnvoll das ist: „Dort wurden die Start-up-Förderung, Innovationskultur und Digitalisierung viel stärker angeschoben.“ In Deutschland dagegen fühlen sich drei bis fünf Ministerien für diese Themen verantwortlich. „Das ist unglücklich. Da fällt viel zwischen die Ressorts.“

Es gibt Nachholbedarf. Gesche Joost ist schon etwas neidisch auf einige europäische Botschafterkollegen – etwa aus Estland. „ Da ist alles online und papierlos. Die wählen sogar online“, sagt sie. Oder in Dänemark: Bürger haben dort eine Karte und können am Rechner mit einer Transaktions-PIN Dienste der Verwaltung abrufen.

„Und wir in Berlin müssen noch Termine beim Bürgeramt machen“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Natürlich hätten Bürger auch Ressentiments und Angst vor Datenmissbrauch. „Aber Datenschutz – das können wir ja alles. Wir schaffen es nur nicht, solche Technologien auf die Straße zu bringen und haben nicht den politischen Willen, das durchzudrücken.“ Sie habe Sorge, dass Deutschland da abgehängt werde.

Eines ihrer Projekte ist ein Bündnis für digitale Arbeit. „Es wird auf dem Arbeitsmarkt fundamentale Veränderungen geben. Natürlich fallen durch die Digitalisierung Jobs weg. Es werden aber auch viele neue entstehen. Wenn wir das nicht richtig adressieren, wird die Digitalisierung gesellschaftspolitisch zu Verwerfungen führen.“

Wie schnell das geht, hat Gesche Joost in der eigenen Familie erlebt. „Meine Eltern sind Schriftsetzer aus Familienbetrieben mit einer hundertjährigen Tradition.“ Sie wurden von der Digitalisierung in den 80er-Jahren kalt erwischt, als von Bleisatz auf Fotosatz umgestellt wurde, und mussten mit Anfang 50 umlernen. Das seien harte Jahre gewesen. „Aber sie haben es hingekriegt.“ Viele Familienunternehmen sind in dieser Zeit untergegangen. „Jeder Job hat in Zukunft mit Digitalisierung zu tun. Ich buche ja sogar meinen Friseurtermin online“, sagt Gesche Joost.

Sie nutzt ihre Arbeit auch, um im Digitalen neue Ansätze für ein besseres Miteinander in der Gesellschaft zu finden. Bürger sollen mithilfe des Internets stärker an der Politik teilhaben können. Ein Pilotprojekt gibt es schon: in Brandis, einer Stadt in Sachsen bei Leipzig. „Wir haben Bürger befragt, was ihnen der Ort bedeutet und wie sie das Stadtleben verändern möchten.“ Ihre Antworten – zum Beispiel wie der Marktplatz gestaltet werden solle – werden auf einem Blog, auf Facebook und auf der Website der Verwaltung gepostet.

Dadurch ist eine Dynamik entstanden: Sogar der Musikverein ist inzwischen dabei, auch das Gymnasium macht mit. „Es sind ganz unterschiedliche Leute, die mit ihren sehr konkreten Fragen ankommen.“ Die Menschen erkennen, was man als Bürger bewegen kann und wie man auf Augenhöhe mit der Verwaltung agiert. Es gibt auch eine Geschichten-App, mit der Bürger ihre Storys erzählen und auf einer Karte verorten können. „Das ist wichtig, weil man den Menschen damit Gehör schenkt.“

Ein ähnliches Projekt betreibt Joosts Design-Lab in Nordrhein-Westfalen. Dort gibt es 15 Bürgerwerkstätten, in denen viele Initiativen aktiv sind – darunter ein Mehrgenerationenhaus, eine Flüchtlingsinitiative und ein Senioren-Computerklub. „Sie vernetzen sich und betrachten sich als Keimzellen der Demokratie“, sagt Joost. Sie wollen zivilgesellschaftliches Engagement stärken und verstehen sich als die Pflanze, aus der sich die Gesellschaft erneuert und die Politik inspiriert. Inzwischen kommt ein Schneeballeffekt in Gang: Das gesamte Wissen ist online abrufbar. Im Internet gibt es auch ein Handbuch. „In Sachsen werden jetzt andere Kommunen eingeladen, das zu kopieren.“

Doch kann man die Digitalisierung des gesellschaftlichen Lebens sich selbst überlassen? „Der Staat muss regulieren“, sagt sie. „Erst haben alle Social Media umarmt. Wir haben erst spät erkannt, welche Gefahren und negativen Seiten es auch hat.“ Das hat uns mit Falschmeldungen und Hassbotschaften in den Netzen gerade in den letzten Monaten massiv eingeholt. „Wir sehen, dass wir Regeln brauchen – im Netz genauso wie im gesellschaftlichen Zusammenleben.“

In der analogen Welt war das einfacher. „Als ich in Kiel aufgewachsen bin, gab es Regulative – die Eltern, die Lehrer, aber auch die Gemeinde. Wenn jemand unangemessene Kommentare losgelassen oder sich unangemessen verhalten hat, dann gab es ein Regulativ von dieser Community.“ Das gebe es im Netz zu wenig. „Da würde ich mir mehr Einmischen wünschen.“

Das Strafrecht ist für Joost hier die letzte Option. „Strafrechtlich relevante Inhalte müssen innerhalb von 24 Stunden gelöscht werden.“ Google habe da eine ganz gute Quote. Facebook sei besser geworden. Twitter reagiere gar nicht. Allerdings dürfe nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werden. Der Gesetzgeber müsse in Ruhe noch mal sortieren, wie man Hasskommentare eindämmt und über softere Verfahren wie die Gegenrede nachdenken. „Da gibt es einen Kulturwandel, der gut ist“, sagt Joost. Dazu könnte auch das neue Internet-Institut beitragen, für das Berlin jetzt den Zuschlag erhalten hat. Gesche Joost hatte dafür zwei Jahre lang gekämpft. „Da ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen.“ Das Institut soll gesellschaftliche Entwicklungen analysieren, die durch die Digitalisierung aufkamen – also Fragen wie „Wem gehören meine Daten?“ oder „Was bedeutet digitale Souveränität?“

Die Wissenschaft aus ihren Eingrenzungen befreien

„Es ist wichtig, in Berlin einen zentralen Ort zu haben für Grundlagenforschung, angewandte Forschung und politische Aktivitäten.“ Die Wissenschaft soll dort aus ihren Zäunen und Eingrenzungen befreit werden. „Wir müssen da am aktuellsten Puls der Zeit sein und an vorderster Front interdisziplinär mitdiskutieren“, sagt Joost.

Was im Internet-Institut politisch analysiert wird, soll das ebenfalls von Joost mitgegründete Einstein Center technologisch aufarbeiten. Unter seinem Dach arbeiten 50 Professuren, die hauptsächlich von Unternehmen finanziert werden. Joost erwartet neue Impulse für die Forschung, aber auch Kooperationen mit Unternehmen. „Wir wollen grundlegende Fragestellungen nicht nur wissenschaftlich diskutieren, sondern mit Politik und Unternehmen zusammen.“ Da entsteht ein neuer Thinktank. Doch nicht nur das. „Digitale Zukunft zum Anfassen – das ist die Idee.“

Anderthalb Stunden später sitzen wir noch immer im „Schleusenkrug“. Es stürmt. Bis zum Einstein Center sind wir nur virtuell spaziert – den Teebeutel-Segen der Barfrau haben wir beachtet.