Serie

Helmut Kohl, Machtmensch und Partner

Früh profiliert sich Helmut Kohl als Mann mit Stehvermögen. Und ebnet den Weg zur deutschen Einheit. Serie, Teil 1.

Helmut Kohl bei der Vereidigung zum Bundeskanzler

Helmut Kohl bei der Vereidigung zum Bundeskanzler

Foto: dpa Picture-Alliance / SVEN SIMON / picture-alliance / Sven Simon

Berlin.  In seiner politischen Karriere habe er „viel Prügel“ einstecken müssen, hat Helmut Kohl einmal eingeräumt. Obwohl er in allen wichtigen Ämtern und auf allen Posten immer der Jüngste war, sei es ein „Gerücht“, dass seine Kariere ungewöhnlich schnell und komplikationslos verlaufen sei. Wie sollte das auch möglich sein bei einem „Homo Politicus“, der selbst kräftig austeilen und dessen politisches Denken sich schon als Schüler in den Kategorien von Freund und Feind bewegt.

Dass er dabei Aufstieg und Karriere immer fest im Blick hat, versteht sich von selbst. Als Mittdreißiger gilt er als parteiinterner Revolutionär. Mit ein paar jugendlichen Getreuen, unter ihnen damals schon Heiner Geißler und Bernhard Vogel, begehrt er gegen die Altvorderen der zur Honoratiorenpartei degenerierten pfälzischen CDU auf. Mit dem Ziel, den doppelt so alten Ministerpräsidenten Peter Altmeier zu beerben. Der machtpolitischen Coup gelingt im Mai 1969. Kohl profiliert sich zum Modernisierer des rückständigen Wein- und Rübenlandes Rheinland-Pfalz. Er schafft die Religionsschulen ab, fortschrittliche Kindergarten- und Krankenhausgesetze und eine tiefgreifende Gebietsreform weisen ihn als reform- freudigen Landesvater aus. Mit dem Anwerben Richard von Weizsäckers für sich und die CDU setzt Kohl zudem sein erstes bundespolitisches Signal: Habe – anders als noch die überwiegende Mehrheit der CDU – keine Berührungsängste mit Persönlichkeiten, die die Ost- und Deutschlandpolitik Willy Brandts wohlwollend begleiten.

Legendäre Trinkrunden im Mainzer Weinkeller

Das alles macht Kohl weit über Mainz hinaus interessant. Er wird für die überregionalen Medien zu einem gern aufgesuchten Gesprächspartner. Legendär die Gesprächs-, Tafel- und Trinkrunden im Weinkeller der Mainzer Staatskanzlei. Doch all das zählt nicht mehr, als der Pfälzer die Bonner Bühne betritt. Als Kanzlerkandidat holt er 1976 für CDU und CSU mit 48,6 Prozent der Wählerstimmen zwar das zweitbeste Ergebnis aller Zeiten für die Unionsparteien (1957 gewann Adenauer 50,3 Prozent). Doch es reicht nicht. Die sozialliberale Koalition mit Helmut Schmidt und FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher behaupten mit zehn Mandaten mehr eine knappe Mehrheit.

Dennoch sind Wahlkampf und Ergebnis für Kohl entscheidende Etappenziele hin zur Erfüllung seines Lebenstraums vom Einzug in das Kanzleramt. Er hat die Union wieder zur stärksten politischen Kraft im Land gemacht nach der bitteren Niederlage 1972 gegen Willy Brandt und die mit dessen Namen verbundene Euphorie zugunsten der SPD. Damit hat er, allen unionsinternen Demontageversuchen zum Trotz, auch seine Position als Partei- und Fraktionsvorsitzender auf Jahre gefestigt.

Schmidt kanzelt ihn als einfältigen „Provinzler aus der Pfalz“ ab

Es sind aber auch die Jahre, in denen sich Helmut Kohl seitens der Opposition und linksliberaler Medien schärfster, hin bis zu verächtlich machender Kritik ausgesetzt sieht. Der Hanseat Schmidt kanzelt ihn als einfältigen „Provinzler aus der Pfalz“ ab, meinungsbildende Magazine verhöhnen ihn als „Birne“. Jetzt, da er ein ernst zu nehmender Konkurrent um die Macht im ganzen Land geworden ist, ist das wohlwollende Interesse der einstigen Pilger in Kohls Mainzer Weinkeller erloschen. Natürlich wurmen ihn die herablassende Attitüde des „Weltökonomen“ Schmidt und die tief ins persönliche reichende Polemik allzu vieler Medien. Äußerlich trägt er es gelassen, schlägt allenfalls mal sarkastisch, bisweilen zynisch zurück. Und wartet ab, bis seine Stunde kommt.

Die schlägt, als Helmut Schmidt am Ende ist. Weil die SPD ihm gleich auf zwei wichtigen Politikfeldern die Gefolgschaft verweigert. Sie lehnt angesichts überbordender Sozialausgaben haushaltspolitische Einschnitte ab. Vor allem aber positioniert sie sich, angeführt von Willy Brandt und Egon Bahr, gegen den eigenen Kanzler, der willens ist, auf die sowjetische Vorrüstung im Bereich der Europa bedrohenden Mittelstreckenraketen mit einer Nachrüstung der Nato zu antworten. Dieses Abrücken der Sozialdemokraten vom sogenannten Nato-Doppelbeschluss, einst übrigens von Helmut Schmidt erdacht mit dem Ziel, mit Moskau über die Abrüstung zu verhandeln und neue eigene Raketen nur zu stationieren, wenn sich der Kreml verweigert, stellt Verlässlichkeit und damit deutsche Bündnistreue grundsätzlich infrage. Damit, so nicht allein CDU und CSU, sondern auch FDP-Chef Genscher, würde die Sicherheit der Bundesrepublik gefährdet und die Beziehungen zum wichtigsten Partner Amerika schwerst belastet. Worauf Kohl all die Jahre in Bonn gewartet hat, trifft nun ein: Die FDP kündigt die Koalition mit der SPD auf und bietet sich der Union als Regierungspartner an. Nach erfolgreichem Misstrauensvotum gegen Schmidt ist der Weg ins Kanzleramt für Helmut Kohl am 1. Oktober 1982 frei.

Kohl repariert das gestörte Verhältnis zu Washington

Die Durchsetzung des Nato-Doppelbeschlusses ist nicht allein eine Frage militärischer Bedrohung und der Vertragstreue der Bundesrepublik gegenüber ihren Verbündeten, insbesondere gegenüber Washington und Paris. Sie wird jetzt auch zum Ausweis für das Stehvermögen des neuen Kanzlers und dessen politischen Mut, für richtig Gehaltenes selbst gegen stärksten Widerstand durchzukämpfen. Nicht nur die SPD und die bei der vorgezogenen Bundestagswahl im März 1983 erstmals ins Parlament eingezogenen Grünen unterstellen Kohl und allen anderen Befürwortern Kriegstreiberei. Auch die übergroße Mehrheit der West-Deutschen lehnt eine Nachrüstung ab. Vier Wochen vor der Abstimmung im Bundestag am 22. November 1983 demonstrieren mehr als 300.000 Menschen im Bonner Hofgarten gegen die Nachrüstung, gegen Kohl und gegen die westliche Führungsmacht Amerika. Doch weder Kohl noch die Koalition lassen sich dadurch umstimmen. Sie halten fest an dem, was die Bundesrepublik aus eigenem und im Sicherheitsinteresse aller Verbündeten zugesichert hat.

Weil es im Kern darum geht, eine tiefgreifende sicherheitspolitische Krise im westlichen Bündnis zu verhindern. Helmut Kohl hat damit das Wort eingelöst, das Helmut Schmidt einst den Verbündeten gegeben hat. Er hat das unter dem SPD-Kanzler ramponierte Vertrauensverhältnis insbesondere gegenüber Washington wieder in Ordnung gebracht. Helmut Kohl gilt fortan in Europa wie in den USA als verlässlicher Partner.

Nachrüstungsentscheid als politische Gesellenprüfung

Der Nachrüstungsentscheid in schwerster innenpolitischer Lage wird damit schon am Ende seines ersten Kanzlerjahres zur politischen Gesellenprüfung. Und der entscheidende Schritt zum Meisterstück sieben Jahre später. „Am Doppelbeschluss war am Ende nicht entscheidend, wo und wie viele amerikanische Mittelstreckenraketen in Europa stationiert würden. Entscheidend war, dass der Westen trotz der sowjetischen Kriegsdrohungen und der Versuche Moskaus, die ,Straße‘ zu mobilisieren, seine Sicherheitsinteressen wahrte und durchsetzte“, schrieb Kohls damaliger außenpolitischer Berater Horst Teltschik in einem Beitrag für die Berliner Morgenpost.

Wie richtig Kohl und der Westen liegen, bestätigt der damalige Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, in derselben Ausgabe in einem exklusiven Meinungsbeitrag für die Morgenpost. „Die ,Pershings‘ (das westliche Gegenstück zur sowjetischen SS 20, Anm. d. Red.) bedrohten den bevölkerungsreichsten Teil des Landes. Sie erreichten Ziele in nicht mehr als fünf Minuten. Einen Schutz gegen sie gab es praktisch nicht. Als wir 1987 den INF-Vertrag (Intermediate-Range Nuclear Forces, Anm.d. Red.) über den Abbau der Mittelstreckenraketen unterzeichneten, nahmen wir de facto die Pistole von der Schläfe unseres Landes. Der Vertrag war die erste reife Frucht der veränderten Situation, er war der Beginn eines Weges, der einen Ausweg aus dem ,Kalten Krieg‘ darstellte“, schreibt Gorbatschow in diesem Text.

Keine Frage: Kohls Festhalten am Nato-Doppelbeschluss und sein Nachweis als verlässlicher Partner des Westens hat beim Kremlchef Eindruck gemacht. Einen so starken, dass er bereit ist, das Tor zur deutschen Einheit aufzustoßen. Kohl hat sich in den letzten Jahren nicht mehr gegen all die wehren können, die einst die Nachrüstung zu verhindern suchten, sich später aber zu Mitvätern der Wiedervereinigung erklärten. Gewundert hat’s ihn nicht. Das politische Geschäft war ihm vertraut.

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