Altkanzler

Die Nacht der Einheit war die Sternstunde von Helmut Kohl

Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl gilt als Vater der Deutschen Einheit. Die Wiedervereinigung wird für immer mit ihm verbunden bleiben.

Der frühere Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl.

Der frühere Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl.

Foto: Daniel Biskup/BOEHMEDIA.de

Berlin.  Wenn der Tod einen wirklich Großen aus der Politik holt, steht das Land für einen Moment still. Politischer Streit, Ressentiments, Links-Rechts-Schablonen – das alles spielt plötzlich keine Rolle mehr, wenn man auf die Lebensleistung von Menschen blickt, die sich in außergewöhnlichem Maße verdient gemacht haben.

Helmut Kohl war eine solche Ausnahmepersönlichkeit. Deshalb berührt die Nachricht vom Tod des Altbundeskanzlers nicht nur die politische Klasse oder die Anhänger der CDU. Sie berührt auch den politischen Gegner und jeden Demokraten, der politisch denkt und für den das Wählen keine lästige Pflicht, sondern ein Feiertag ist.

Helmut Kohl war es nicht vergönnt, im hohen Alter sanft und schnell zu sterben. Der Altbundeskanzler musste nach seinem schweren Sturz vor sieben Jahren eine lange, quälende Krankheitsgeschichte durchleiden, bis er gestern Vormittag in seinem Ludwigshafener Privathaus starb. Die letzte Zeit ertrug er mit großer Geduld bei wachem Geist gefangen in einem Körper, aus dem die Kraft lange gewichen war. Intensiv betreut von seiner zweiten Ehefrau Maike Kohl-Richter (51), über die er vor Jahren schon sagte: „Ohne sie, wäre ich nicht mehr am Leben“.

Bodenständig, bieder und das Gespür für den Moment

Helmut Kohl starb dort, wo sein Leben – auch das politische – begann. In der Pfalz, einer Gegend, die man kennen muss, wenn man sich der Persönlichkeit von Helmut Kohl wirklich nähern will. Sie ist geprägt durch römische Feldherren, Bauernkrieger, Tagelöhner, lebensfrohe Winzer, herausragende Ingenieure, große Wirtschaftsführer und politische Intellektuelle. Hier trugen die deutschen Urdemokraten erstmals Schwarz-Rot-Gold auf dem Weg zum Hambacher Schloss. Hier ist Frankreich, der frühere Erbfeind und heutige Freund, schicksalhaft nah. Vielleicht am prägendsten ist jedoch die Bodenständigkeit der Menschen, die mit großstädtischem Chic fremdeln und auch heute noch gerne zum Dorfmetzger gehen, wenn am Schlachttag die Schweinsblase vor der Tür hängt.

Helmut Kohl hat seine ganze Kraft aus dieser Bodenständigkeit geschöpft und in seiner späten Kanzlerschaft die Schmähungen links-intellektueller Kreise nicht nur an sich abperlen lassen. Das Biedere, ja das Spießige in ihm wurde ungewollt zu seinem Markenkern und machte seinen Herausforderern - außerhalb und innerhalb der Partei - das Leben schwer. Helmut Kohl, der auf Auslandsreisen am liebsten mit allen im Bus fuhr. Der Strickjacken und Leberwurst liebte. Der CDU-Chef, der sich beim Partei-Abend zu Franz Lambert an die Hammond-Orgel setzte und die rote Sonne von Capri besang. Hans-Jochen Vogel, Johannes Rau, Oskar Lafontaine, Björn Engholm und Rudolf Scharping – alle sind an ihm gescheitert. „Ich bin einer von Euch“ war in der Person Helmut Kohls die fleischgewordene Botschaft an die Wähler. Und – trotz größter politischer Rauflust – am Ende mit einer tiefen Sehnsucht nach Harmonie, nach „Famillje“ bei gleichzeitig größtem Misstrauen gegenüber politischen Extremen von links wie rechts.

Ein Leben voller Superlativen

Das politische Leben Helmut Kohls war geprägt von Superlativen. Jüngster Abgeordneter in Rheinland-Pfalz, jüngster Ministerpräsident, am längsten amtierender CDU-Chef, Kanzler der Einheit, zahllose Ehren-Professuren und Doktorhüte, Rekord-Kanzler mit 16 Jahren Amtszeit – aber es gab auch den einen, schlimmen Negativ-Rekord, der mit dem Namen Helmut Kohls verbunden bleiben wird: Die Parteispendenaffäre 1999 stürzte den „schwarzen Riesen“ in Abgründe und seine Partei in eine historische Krise.

Er, der „Kanzler der Einheit“, hatte einen schweren Fehler gemacht. Erstmals musste Helmut Kohl um seine Ehre kämpfen. Er bezahlte mit seinem Ruf und 300.000 D-Mark Bußgeld einen hohen Preis dafür, dass die Partei undeklarierte Spenden in Millionenhöhe angenommen hatte. Die junge Angela Merkel, unter Kohls Auserwählten das größte Talent, nutzte die Gunst der Stunde, sicherte sich die Machtbasis in der Partei und eroberte später auch das Kanzleramt in Berlin. Die schneeweiße Trutzburg, die Helmut Kohl mit seinem Lieblingsarchitekten Axel Schultes geplant hatte. Vertragen hat man sich später öffentlich, vor den Kameras. Wirklich ausgesöhnt – das weiß man im engsten Kreise Kohls – haben sich Angela Merkel und Helmut Kohl nie.

Das Gesetz des Maßhaltens war ihm immer bewusst

Helmut Kohls Prägung begann im bescheidenen Elternhaus, als jüngstes von drei Kindern. Der Vater Finanzbeamter, die Mutter Hausfrau. In seinen Erinnerungen schreibt Kohl: „Was man hatte, schien verhältnismäßig sicher. Das Gesetz des Maßhaltens, des Einschränkens, des Verzichtens war aber immer gegenwärtig“. Die ersten eigenen Schuhe gab es für den jungen Helmut erst, als seine Füße länger waren als die des älteren Bruders. Auch in der dunkelsten Zeit Deutschlands blieb das Elternhaus – „tiefschwarz und christlich-katholisch“ (Kohl) – weitgehend intakt. Die Familie blieb es nicht.

Kohls älterer Bruder Walter starb mit nur 19 Jahren November 1944 bei einem Tieffliegerangriff in Westfalen. Der Verlust war prägend für den Mann, der wie die meisten Politiker seiner Generation, die Sehnsucht nach Frieden in Europa zum Lebensthema machte. Kohl erinnert sich in seinen Memoiren an die letzte Begegnung: „Ich hatte ihn sehr früh am Morgen noch zur Straßenbahnhaltestelle begleitet (…). Beim Einsteigen drehte er sich um und sagte plötzlich und ohne jede Vorwarnung: „Pass auf Dich auf, ich komme nicht wieder. Und kümmere dich vor allem um Mama“.

Mit 16 Jahren trat Helmut Kohl in die CDU ein, obwohl er – so gestand er später – damals Kurt Schumacher interessanter fand als Konrad Adenauer oder Theodor Heuss. Der erste SPD-Chef – KZ-Überlebender, bein- und armamputiert – faszinierte den jungen Kohl, der ihn 1947 in Mannheim persönlich erstmals erlebte. Ganz besonders gefiel ihm dessen Vision der deutschen Einheit. Auch später – nach Jahrzehnten harter Wahlkämpfe gegen die SPD - sollte Kohl die persönliche Nähe zu großen Sozialdemokraten suchen. Und er entsprach im Alter immer weniger dem von der Partei gepflegten Klischee des „SPD-Fressers“, der im Spaß angeblich seinen Schäferhund beim Wort „Soz“ knurren lassen konnte.

Drang zur Einheit schweißte Kohl und Brandt zusammen

Besonders zu Willy Brandt suchte Helmut Kohl im Alter die Nähe, obwohl gerade mit ihm die politische Auseinandersetzung besonders hart und unnachgiebig war. Der unbeirrbare Drang zur deutschen Einheit schweißte die beiden spät zusammen. Legendär bleibt der Besuch Kohls 1998 am Sterbebett des SPD-Kanzlers im Reihenhaus von Unkel. Brandt, vom Krebs gezeichnet, hatte sich für seinen Gast erhoben und angezogen. Auf Kohls Frage, warum er sich diese Mühe gemacht habe, antwortete Brandt: „Wenn mein Bundeskanzler kommt, bleibe ich nicht im Bett liegen“.

Die Partei-Karriere machte Kohl schnell, obwohl er dabei manchen Rückschlag verkraften musste. Jüngster Abgeordneter im Mainzer Landtag 1959, - der Doktortitel nach dem Studium in Heidelberg noch frisch - acht Jahre später Fraktionschef, Einzug in den CDU-Bundesvorstand, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Als „Aussitzer“ wurde Kohl später im Kanzleramt geschmäht, in Rheinland-Pfalz galt er noch als Polit-Rebell und reformierte mit Heiner Geißler das Land und das behäbige Partei-Establishment schwindelig.

Am 12. Juni 1973 wählten die CDU-Delegierten den Pfälzer nach Rainer Barzels schwerer Wahlniederlage mit 43 Jahren in Bonn zum Bundesvorsitzenden. Kohl hatte das Amt 25 Jahre inne und baute die Partei bis zur Übergabe an seinen Nachfolger Wolfgang Schäuble zur mitgliederstärksten Volkspartei Deutschlands aus. Aus dem engen Verhältnis zu Schäuble war durch die Parteispenden-Affäre am Ende eine Feindschaft geworden, das Verhältnis blieb zerrüttet bis zum Tode Helmut Kohls.

Kohl erkannte die einmalige Gunst der Stunde und nutzte sie

„Historisch viel gewichtiger als die Erfolge als Parteiführer“, so urteilt der Historiker und Kohl-Biograf Hans-Peter Schwarz, ist „die Leistung des Kanzlers der Einheit“. Es war tatsächlich DER politische Glücksfall im Leben Helmut Kohls, dass er es war, der im Wende-Herbst 1989 an der Spitze einer bundesdeutschen Regierung stand. Helmut Kohl erkannte die einmalige Gunst der Stunde und nutzte sie. Mit dem Instinkt des Historikers, der aus der Geschichte der Völker gelernt hat, machte Kohl fast alles richtig – auch wenn er erst spät die volle Einheit der Nation als umsetzbares Ziel erkannte.

Die USA mit George Bush Senior hielten den deutschen Kanzler schon lange für verlässlich, man hielt ihm den Rücken frei. Zu Michail Gorbatschow knüpfte Kohl schnell engen Kontakt und er verstand die besondere Situation des Russen, dessen Vertrauen er mit seiner Persönlichkeit aber auch mit teuren Versprechen gewann. Engländer und Franzosen – mit Maggie Thatcher und Francois Mitterrand – keine wirklichen Freunde eines neuen starken Deutschlands, lullte er ein, indem er den Riesen Deutschland noch stärker in ein europäisches Korsett zwängte und später sogar die D-Mark opferte.

Mit den Folgen der Währungsunion, die Kohl ohne eine echte gemeinsame europäische Wirtschafts- und Fiskalpolitik vorantreiben musste, hat Europa noch heute zu kämpfen. Auch das ist ein Erbe des Europäers Helmut Kohl, der als zweiter Mensch nach dem Franzosen Jean Monnet durch die Staats-und Regierungschefs der EU 1998 mit dem Titel „Ehrenbürger Europas“ ausgezeichnet wurde.

Kohl hörte in Polen vom Fall der Mauer

Kohls großes Verständnis der europäischen Geschichte brachte auch die Empathie für die kleinen, scheinbar weniger bedeutenden Staaten Europas, mit sich. Auch ihr Vertrauen brauchte Kohl, wenn er die deutsche Einheit erreichen wollte und es war kein Zufall, dass der Kanzler auf einem Staatsbesuch in Polen vom Fall der Berliner Mauer überrascht wurde.

Als am Abend des 9. November 1989 die ersten Ost-Berliner nach der Pressekonferenz des SED-Bezirksvorsitzenden Günter Schabowski die Grenze passieren, sitzt Kohl mit Polens Regierungschef Mazowiecki beim Festbankett im Palast des polnischen Ministerrats. Noch während des Essens wird er diskret von Regierungssprecher Hans Klein über Unglaubliches unterrichtet. Über die offenen Grenzübergänge. Über die Abgeordneten, die im Bundestag spontan das Deutschlandlied sangen.

Kohl ruft nach dem Essen in Bonn seinen engsten Vertrauten Eduard Ackermann an. „Herr Bundeskanzler, im Augenblick fällt gerade die Mauer!“ ruft der begeistert ins Telefon. Kohl fragt ungläubig: „Ackermann, sind Sie sicher?“. „Ja“ lautet die Antwort. Kohl schreibt dazu verblüffend ehrlich in seinen Memoiren: „Es verschlug mir fast die Sprache. Wir alle hatten ja erwartet, dass bald etwas Entscheidendes in Sachen Reisefreiheit passieren würde, aber das es so schnell und vor Allem mit solchen Auswirkungen passieren würde, war kaum zu fassen“.

Eine Nacht, die allen, die dabei waren, unvergessen bleibt

Es war für Helmut Kohl wohl der glücklichste Moment in seiner Amtszeit, die Sternstunde aber kam nach den 329 Tagen, in denen Helmut Kohl – so urteilt der Historiker Schwarz, „ein innen- und außenpolitisches Meisterstück“ ablieferte, „das man keinem Bundeskanzler zugetraut hätte, auch Kohl nicht“: Am Ende eines historischen diplomatischen Großmanövers stand die Nacht der Wiedervereinigung in Berlin am 3. Oktober 1990. Die Wiedergeburt Deutschlands und das Ende des Kalten Krieges. Eine Nacht, die allen, die dabei waren, bis ans Lebensende unvergessen bleibt.

Über eine Million Deutsche aus Ost und West, die sich mit dem zwölften Glockenschlag weinend in den Armen lagen. Über ihren Köpfen ein gigantisches Feuerwerk, auf den Stufen des Reichstags der „Kanzler der Einheit“ umgeben von den Spitzen des Staates, dazu die Klänge des Deutschlandlieds, gespielt von den Berliner Philharmonikern. Nie war Helmut Kohls Triumph größer als in dieser Nacht der Deutschen.

Ehefrau Hannelore starb tragischen Tod

Persönlich tragisch blieb bis zum Tode für Helmut Kohl, dass er sein politisches Idealbild der Familie, nicht im Privaten leben konnte. Seine erste Frau Hannelore, die er als 15-Jährige beim Tanztee im Ludwigshafener Gasthaus „Zum Weinberg“ kennenlernte, starb im Juli 2001 tragisch nach über 40 Ehejahren durch Suizid mit einer Überdosis Schlafmittel. Eine rätselhafte Lichtallergie hatte sie über Jahre gequält und vom öffentlichen Leben nahezu ausgeschlossen.

Mit seinen Söhnen Peter und Walter hat sich Helmut Kohl nach dem Tod Hannelore Kohls überworfen – wer Schuld daran trägt, ist nicht einmal für enge Freunde gerecht zu beurteilen. Es ist Helmut Kohl zu wünschen, dass sie mit Enkeln und Schwiegertöchtern auf der Trauerfeier ihren Frieden mit dem Vater finden. Im Speyrer Dom, dem Wallfahrtsort Helmut Kohls, der ihn schon zu Lebzeiten magisch angezogen hat. In der größten romanischen Kirche der Welt wird die Bundesrepublik die wohl größte Trauerfeier ihrer 70jährigen Geschichte erleben. Politiker und Staatschefs werden einem Politiker gedenken, der Europa geprägt hat. Wahrscheinlich stärker als manch Salier-Fürst, tief unten in der Marmor-Gruft.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos

Beschreibung anzeigen