Bundeswehr-Debatte

Wehrmachtsposting auf Facebook: Niebel klagt und kneift

Der frühere Bundesminister Dirk Niebel löst Empörung mit einem Bild im Wehrmachtsstil aus. Ein Fachmann erklärt Hintergründe dazu.

Reserveoffizier und Ex-Minister Dirk Niebel hatte auf seiner Facebookseite von Freitagabend an ein neues Profilbild – den Fallschirmjäger aus der Wehrmachtszeit mit der Durchhalteparole aus dem Zweiten Weltkrieg.

Reserveoffizier und Ex-Minister Dirk Niebel hatte auf seiner Facebookseite von Freitagabend an ein neues Profilbild – den Fallschirmjäger aus der Wehrmachtszeit mit der Durchhalteparole aus dem Zweiten Weltkrieg.

Foto: Imago/Screenshot Facebook

Berlin.  Die FDP hat sich von einem Bild im Wehrmachtsstil auf dem Facebook-Profil ihres Ex-Entwicklungsministers Dirk Niebel distanziert. Im Internet hatte es zuvor heftige Empörung gegeben. Es gibt immer wieder Debatten um das zu dem Bild gestellte Motto „Klagt nicht, kämpft“. Teile der Fallschirmjäger haben es sich zu eigen gemacht, es wird aber auch in rechtsextremen Kreisen gerne genutzt.

Im Profil von Niebel, inzwischen für den Rüstungskonzerns Rheinmetall tätig, fand sich am Freitagabend das neue Profilbild: Das gezeichnete Schwarz-Weiß-Bild zeigt die Konturen eines grimmig dreinblickenden Soldatenkopfs mit Fallschirmjägerhelm und in Frakturschrift den Spruch „Klagt nicht, kämpft“. Es war offenbar Niebels Art, sich über die Haltung von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen zu beklagen. Später tauschte er das Bild wieder aus und antwortete nicht auf Nachfragen.

Doch da war bereits eine Debatte in den Netzwerken entbrannt: Niebels Unterstützer reklamieren Traditionspflege und befürchten Hexenjagd, Kritiker sehen darin NS-Glorifizierung oder finden das Bild geschichtsvergessen. Der Grünen-Abgeordnete Volker Beck schrieb auf Twitter von einer „absoluten Fehlleistung“.

Karl Veltzé, Autor zweier dokumentarischer Bücher über Fallschirmjäger im Zweiten Weltkrieg und selbst ehemaliger Fallschirmjäger, kennt das Bild aus seinen Recherchen zur nationalsozialistischen Zeit nicht. Im Netz hat es unsere Redaktion nur bis ins Jahr 2008 zu einem Shop zurückverfolgen können, auf einer heimatkundlichen Seite ist es zudem mit dem Hinweis zu sehen, es habe in den 90ern in einer Falllschirmjäger-Kaserne in Saarlouis gehangen.

„Fast zweifelsfreie Wehrmachts-Fallschirmjäger“

Veltzé sagt: „Nach meiner Einschätzung ist das ein Werk derer, die gerne dabei gewesen wären und es nicht mehr durften.“ Das Bild übertreibe NS-Propaganda. Zu sehen sei aber fast zweifelsfrei ein Fallschirmjäger der Wehrmacht, eher aus der frühen Zeit des Krieges. „Das ist am Helmbezug zu erkennen.“

Der Spruch „Klagt nicht, kämpft“ sei aber kein besonders unter den Fallschirmjägern des Dritten Reichs verbreitetes Motto gewesen. „Das wurde eher kurz vor dem Untergang als Propaganda ausgegeben wie auch an Hauswände ,Der Sieg ist unser´ geschrieben wurde.“

Ihm ist nicht klar, auf welche Tradition sich Fallschirmjägerverbände bei diesem Spruch beziehen. Zu seiner Dienstzeit im Fallschirmjägerbataillon 252 in Nagold habe er den Spruch auch nie gehört.

Unmut über von der Leyen Auslöser?

Auf Niebels Seite dürfte das Bild gelandet sein als trotziges Zeichen gegen das Verhalten von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Die hat gerade ein Bundeswehr-Gesangbuch mit „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ und dem „Westerwaldlied“ stoppen lassen. Zudem lässt sie die Truppe darauf überprüfen, ob die Wehrmacht dort unkritisch dargestellt wird.

Der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels sagt, viele Soldaten seien unglücklich über die Verteidigungsministerin wegen ihrer als unverhältnismäßig empfundenen Kritik. „Die Probleme mit dem ganz offiziellen Anknüpfen an Wehrmachts-Traditionen liegen weitgehend hinter der Bundeswehr“, so Bartels zur „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Es gehe allenfalls um die Beseitigung von „ärgerlichen Devotionalienresten“.

Auch FDP-Chef Christian Lindner hatte kritisiert, dass sie „wegen dieser Extremisten und Terrorverdächtigen die ganze Bundeswehr unter einen Generalverdacht gestellt hat“. Das Haltungsproblem habe nicht die Bundeswehr, das habe eher die Ministerin.

Niebels Art des Protestes kam aber in der FDP nicht gut an. „Wir distanzieren uns (...). Niebel hat keine Funktion mehr in der FDP inne“, hieß es in dem Tweet.

Auf Niebels Seite war da das Profilbild schon wieder ausgetauscht – gegen einen Wahlaufruf für die FDP. Niebel lässt offen, ob er die Seite selbst betreut: Er habe sich seit Ende seiner Ministerzeit nicht mehr in den Medien geäußert und wolle das auch weiterhin so handhaben, teilte er der Deutschen Presse-Agentur mit.

Spruch ist nicht verboten

Der frühere Fallschirmjäger Niebel hat den Satz auf seiner Facebookseite schon mehrfach gepostet, er führt ihn als sein Lieblingszitat auf. In der Kombination mit der Zeichnung löste das Posting vom Freitagabend aber umgehend die heftige Kritik und viele Fragen aus.

In Kommentaren ist auch die Rede davon, dass der Spruch verboten sei – das ist er nicht, wie das Verteidigungsministerium 2013 noch einmal der Linke-Abgeordneten Inge Höger erklärte. Auf die Antwort stützen sich auch die, die Niebel beispringen. „Es ist – unabhängig von einer geschmacklichen Bewertung – nicht verboten.“

Debatten um den Satz gibt es dennoch immer wieder – zuletzt 2015. Da kursierte ein Foto im Netz, das einen Polizisten mit einem Anhänger mit dem Spruch in Frakturschrift zeigte. Nicht strafbar, aber die Polizeiführung ging dem nach, ohne den Mann ausfindig machen zu können.

Verteidigungsministerium hatte Motto 2006 bemängelt

Und auch das Verteidigungsministerium hatte 2006 im Bericht des Wehrbeauftragten eingeräumt: Der Verkauf von Feuerzeugen im Mannschaftsheim mit dem eingravierten Bild eines Wehrmachtssoldaten und dem Spruch sei „geeignet, dem Ansehen der Bundeswehr in der Öffentlichkeit zu schaden“. Das Ministerium hatte auch dem Soldaten zugestimmt, der sich an den Wehrbeauftragten gewandt hatte: Solche Angebote entsprächen nicht dem Traditionsverständnis der Bundeswehr. Die Mannschaftsheime durften die Feuerzeuge nicht mehr verkaufen.

2013 verschwanden Schlüsselanhänger mit diesem Spruch wieder aus einem Kiosk im Bundeswehrkrankenhaus in Berlin, nachdem der Verkauf öffentlich geworden war. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr intervenierte beim Krankenhaus, das Krankenhaus beim Kioskbetreiber – der nahm die Artikel freiwillig aus dem Sortiment.

Unerwünschte Münzen wieder eingeführt

In einem Forum erinnert sich ein Nutzer, dass Kameraden Anfang der 90er-Jahre das Porträt des Fallschirmjägers der Wehrmacht mit dem Spruch drei auf zwei Meter auf die Wand einer Kaserne gemalt hätten. „Nach ca. 4 Wochen wurde die politische Unkorrektheit höheren Ortes festgestellt und alles musste übermalt werden.“

Bei einem Fallschirmjäger-Bataillon in Oldenburg wurden einige Jahre lang geprägte Münzen mit dem Spruch von der Führung des Bataillons abgeschafft, obwohl der dort abgebildete Soldat nur ein Barrett der Bundeswehr trug. Das sei „mit Beginn der heiligen Inquisition“ entschieden worden, ist auf einer privaten Seite zu der zuvor in Iserlohn stationierten Einheit zu lesen. Nachhaltig war es nicht: Von 2009 an ließen die Soldaten offenbar wieder Münzen mit „Klagt nicht, kämpft“ prägen...

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