Am Freitagnachmittag, kurz vor 15 Uhr, ist die Einkaufsstraße am Kaufhaus „Åhléns City“ mitten in Stockholm wie so oft sehr belebt. Es ist Schwedens KaDeWe. Manche tragen Einkaufstaschen, andere sitzen im Café oder begeben sich von der Arbeit auf den Heimweg. Dann rast ein Lastwagen in die Fußgängerzone.

Der Fahrer steuert den Lkw durch die Passage und rammt eines der Geschäfte in dem Kaufhaus. Die Zugmaschine verschwindet hinter dem Beton und Glas der Kaufhaus-Fassade, das Heck ragt bis auf die Straße hinaus. Dunkler Rauch steigt auf. Auf dem Asphalt vor dem Kaufhaus mischt sich Blut mit Reifenspuren.

Ein Augenzeuge schildert kurz nach der Tat: „Ich bin die Hauptstraße entlanggegangen, als der große Lastwagen wie aus dem Nichts auftauchte. Ich konnte nicht sehen, ob jemand am Steuer saß. Aber der Lkw war völlig außer Kontrolle. Mindestens zwei Menschen lagen am Boden, überfahren“, sagt der Zeuge der schwedischen Zeitung „Aftonbladet“. Dann sei er nur noch gerannt. Wie so viele andere Menschen. Manche verlassen nur langsam den Tatort, tragen noch ihre Einkaufstaschen oder Kaffeebecher in der Hand. Andere tragen Verletzte. „Ich habe Menschen gesehen, die gestorben sind“, sagt Sandra Japundzic Lindquist dem Radiosender Ekot.

Schweden sei angegriffen worden, sagt Premier Löfven

Auch der Schwede Jan Granroth ist zur Tatzeit vor Ort. „Wir waren in einem Schuhgeschäft. Plötzlich hörten wir ein Geräusch – und dann fingen die Leute an zu schreien. Ich sah nach draußen und sah einen großen Laster.“ Eine gute halbe Stunde nach der Tat steht Ministerpräsident Stefan Löfven vor die Fernsehkameras. „Schweden ist angegriffen worden“, sagt er. Alles deute auf einen Terroranschlag hin. Am Abend spricht Löfven seinen Landsleuten Mut zu. Schweden lasse sich nicht durch diese „abscheulichen Mörder“ einschüchtern.

In der ersten Stunde nach dem Attentat ist die Lage in der Stadt unübersichtlich. Zunächst berichten Medien von fünf Toten und Verletzten, am Abend bestätigt die Polizei vier Tote und 15 Verletzte. Zudem teilen die Ermittler mit, nördlich von Stockholm sei eine Person wegen des Verdachts auf Beteiligung an dem Angriff festgenommen worden. Er stimme mit Beschreibungen einer Person überein, die sich in der Nähe des Tatorts aufgehalten haben soll. Ob es sich um den Täter handelte, blieb zunächst unklar.

Sofort springen die Parallelen zu den terroristischen Angriffen von Nizza, Berlin und London ins Auge: Ein Fahrzeug rast in eine Menschenmenge. Die nordeuropäische Metropole schaltet an diesem Freitag in den Terror-Modus: Polizisten sperren Regierungsgebäude und das Königsschloss ab, Kinos und Theater schließen. Beamte riegeln die zentralen Straßen ab, der gesamte Bahn-Verkehr wird eingestellt. Mehrere Medien berichten von Schusswechseln an drei verschiedenen Orten in der Stockholmer Innenstadt. Die Polizei sagt dazu zunächst nichts, warnt aber auf ihrer Homepage davor, dass Meldungen darüber bei ihr eingegangen sind. Unsicherheit beschleunigt die Gerüchte. Bis zum späten Abend bestätigen sie sich nicht, es bleibt laut Polizei bei einem Vorfall.

Nur wenige Informationen über die laufenden Maßnahmen der Sicherheitsbehörden dringen nach außen. Mehrere Szenarien sind nach einer solchen Tat denkbar: Der Angriff mit dem Lastwagen könnte der Terrorakt eines Einzeltäters sein. Doch die Vergangenheit hat gezeigt, dass Terroristen auch an mehreren Orten zuschlagen: sogenannte „Hit-Teams“. Bislang deutet nichts auf ein regelrechtes Terror-Kommando hin. Was bleibt, ist vor allem das Bild des Lastwagens in der Kaufhaus-Fassade.

Früher am Tag meldet die Brauerei Spendrups den Lastwagen als gestohlen. „Während der Getränkelieferung an ein Restaurant sprang jemand in die Fahrerkabine und fuhr mit dem Lkw davon“, erklärt ein Sprecher der Brauerei. Der Fahrer sei überrascht worden, als er gerade Ware ausgeladen habe.

Europa hat mit Stockholm einen weiteren Tatort auf der Landkarte des Terrorismus: nach Paris, Brüssel, Nizza, Würzburg, Ansbach, Berlin und London – alles islamistisch motivierte Angriffe. In Paris und Brüssel waren es Terror-Kommandos, in Berlin und London Einzeltäter. In mehreren Fällen hatten die Täter direkte oder lose Verbindungen zur Terrororganisation „Islamischer Staat“. Verbindungen des oder der Täter in Schweden sind bisher nicht bekannt.

Bundesregierung bekundet Solidarität mit Schweden

Das Auswärtige Amt in Berlin rät kurz nach der Tat deutschen Reisenden in Schweden, bis auf Weiteres in ihren Unterkünften zu bleiben. Die Bundesregierung bekundet ihre Solidarität mit Schweden. „Wir stehen zusammen gegen den Terror“, schrieb Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag auf Twitter. „Unsere Gedanken gehen zu den Menschen in Stockholm, zu Verletzten, Angehörigen, Rettern und Polizisten.“ Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte: „Schon wieder hat uns eine entsetzliche Nachricht erreicht, diesmal aus Stockholm.“ Noch sei unklar, ob es Bezüge zum internationalen Terrorismus gebe, auch wenn erste Bilder diesen Gedanken aufkommen ließen.