Reportage

Die Flüchtlingskrise ist zu einer stillen Krise geworden

Nach einem Jahr Flüchtlingspakt mit der Türkei hat sich die Lage in Griechenland beruhigt. Die eigentliche Arbeit beginnt aber erst.

Lesbos Mitte März 2017: Hunderte gebrauchte Rettungswesten liegen am Strand nahe der Stadt Molyvos.

Lesbos Mitte März 2017: Hunderte gebrauchte Rettungswesten liegen am Strand nahe der Stadt Molyvos.

Foto: Thanassis Stavrakis / dpa

Athen/Lesbos.  Die Krise ist in ihrem Klassenzimmer angekommen. Eva Karavgousti wirft Rechenaufgaben an die elektronische Tafel. Zehn plus drei. Fünf plus acht. Zwei plus neun. "Lilas", ruft sie. Das Mädchen springt vom Stuhl auf und läuft nach vorne. Mit dem Finger zeichnet sie die Ergebnisse auf das Smartboard. Gemeinsam zählen sie bis fünf. Auf Griechisch. "Bravo!", sagt Lehrerin Karavgousti. Momentaufnahmen der Integration.

Lilas ist aus Syrien geflohen. Sie ist sechs Jahre alt und malt gerne Herzen in ihr Schulheft. Neben ihr sitzt Hadil, auch sie kommt aus Syrien. Helfer haben an diesem Märztag 16 Kinder aus dem nahen Camp in die Grundschule im Athener Stadtteil Haidari gefahren. Jeden Nachmittag kommen sie hierher, oft sind es fast 30 Schüler. Seit einem Monat lernen sie in der Flüchtlingsklasse für ein paar Stunden Griechisch, Englisch, Mathe und Kunst. "Wir reden nicht über den Krieg in ihrer Heimat", sagt Karavgousti. "Sie sollen wieder in ihr normales Leben als Kind finden."

Alltag im Ausnahmezustand

Die Fluchtkrise lieferte sehr lange sehr laute Bilder von der Adriaküste: Boote strandeten auf den griechischen Inseln, Leichen trieben ans türkische Ufer. Helfer trugen Decken und stapelten Essenspakete. Trecks an Menschen zogen weiter über den Balkan Richtung Deutschland. Hunderttausende.

Jetzt zeichnet die Krise Stillleben. Menschen leben in Lagern, ihre Anträge auf Asyl stapeln sich in den Behörden, in Schulen wie in Haidari richten sie ihren Alltag im Ausnahmezustand ein.

Lehrerin Karavgousti hat sich freiwillig beworben für die Flüchtlingsklasse. Ihre Großeltern seien einst selbst aus der Türkei geflohen, erzählt sie. "Ich sah die Bilder der gestrandeten Boote im Fernsehen. Da wollte ich helfen." Mit dem, was sie kann: unterrichten. Laut griechischer Regierung bieten 90 Schulen im ganzen Land diese Klassen an, 2500 Kinder lernen dort. Doch die Behörden rechnen mit 18.000 geflohenen Jungen und Mädchen im Schulalter.

60.000 Menschen harren in Griechenland aus

Seit einem Jahr gilt das Abkommen zwischen der EU und der Türkei, die Balkanroute ist dicht. EU-Offizielle feiern den Pakt als Erfolg. Es gab Tage im Krisenjahr 2015, da kamen auf der Insel Lesbos fast 10.000 Menschen in Schlauchbooten an. Im ganzen Jahr 2017 waren es bisher 3600. Doch insgesamt harren in dem Land gut 60.000 Menschen aus. Griechenland ist jetzt nicht mehr Transitstation gen Westen. Es ist Europas Krisenpuffer.

Und die Behörden straucheln seit Monaten mit der Versorgung. Für die Schulkinder aus Syrien gibt es keine Bücher, für die Asylverfahren nicht genug trainierte Interviewer und Dolmetscher, für die derzeit etwa 12.500 Migranten auf den Inseln offiziell nur knapp 9000 Plätze. Lange Zeit gab es im "Hotspot" Moria nicht einmal einen Lagerleiter. Das alles hat Polizisten und Politiker auf der Insel frustriert und Anwohner wütend gemacht. Vor allem aber landeten Menschen aus Kriegsgebieten im Chaos. "Ich denke manchmal, ich bin noch immer im Irak", sagt ein Flüchtling, der schon elf Monate mit seiner Familie auf Lesbos in einem Camp lebt.

Bisher ist noch kein EU-Geld auf Lesbos angekommen

Die griechische Regierung sagt, dass von den zugesagten 400 Asylbeamten aus den anderen EU-Staaten erst ein Bruchteil angekommen sei. Von den 66.000 Flüchtlingen, die Europa den Griechen abnehmen wollte, sind noch nicht einmal 10.000 verteilt. Die EU half Griechenland seit 2015 nach eigenen Angaben mit mehr als einer Milliarde Euro. Doch der Bürgermeister von Lesbos sagt, bisher sei bei der Gemeinde kein Geld aus Athen angekommen.

Langsam werde es besser, sagen nun Politiker, Grenzbeamte und Anwälte vor Ort. Fortschritte seien sichtbar: in den Camps, in den Asylverfahren, in den Schulen. Ordnung tastet sich vor in das Chaos. "Aber dafür mussten erst Menschen sterben", sagt die Helferin einer Organisation, die auf der Insel Lesbos im Einsatz ist.

Nicht alle Anträge scheinen gleich behandelt zu werden

Der 36 Jahre alte Kurde Salah aus dem Irak ist seit sechs Monaten im Hotspot Moria auf Lesbos. Hier registrieren EU-Beamte und griechische Polizisten alle neu ankommenden Flüchtlinge. Und hier bleiben die Menschen, bis ihr Antrag auf Asyl in der EU entschieden ist. Wer einmal runter ist von den Inseln, darf nicht mehr zurück in die Türkei. Auch das ist Teil des Deals.

Die EU-Staaten haben mittlerweile rund 60 Asylentscheider geschickt und 90 Scanner für Fingerabdrücke finanziert. Wie schnell die Verfahren nun laufen, darüber gibt es allerdings keine offiziellen Zahlen. Spricht man mit den Flüchtlingen, ist vielen nicht klar, warum sie so lange warten müssen – und warum ein Iraker und ein Afghane manchmal länger ausharren müssen als ein Syrer oder Kongolese. Obwohl sie im selben Monat auf der Insel ankamen.

Hungernde Flüchtlinge strömen aus ehemaligen IS-Bezirken in Mossul

Das Vorrücken der irakischen Regierungstruppen gegen die eingeschlossenen Kämpfer der Extremistenmiliz Islamischer Staat in Mossul hat eine Flüchtlingswelle losgelöst.
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Mehrere Hundert erfolgreiche Klagen

Die Asylentscheider in den Hotspots wie Moria prüfen seitdem zuerst, ob ein Geflüchteter aus der Türkei überhaupt zugelassen wird für das Asylverfahren in Europa – oder ob ein Leben in der Türkei sicher für sie oder ihn ist. Ausgenommen sind Kinder, Schwangere und Traumatisierte. Bisher haben mehrere Hundert Menschen erfolgreich vor griechischen Gerichten gegen diese Prüfung geklagt. Die EU-Kommission erhöht den Druck auf das Land, die Abgelehnten in die Türkei abzuschieben.

Nach Angaben der Regierung in Athen wurden bisher gut 900 Menschen mithilfe der EU-Grenzschutzagentur Frontex in die Türkei abgeschoben. Mehr als 5600 gingen freiwillig zurück in ihre Heimatländer, weil sie sich keine Chance auf Asyl in Europa ausrechnen. Oder nach Monaten vor Staub und Stacheldraht der Insellager fliehen. Wer freiwillig geht, kann von der EU eine Starthilfe von bis zu 1000 Euro bekommen. Andere sagen: Was soll ich mit 1000 Euro, wenn ich kein Zuhause mehr in meiner Heimat habe.

Unklarheiten über Regeln und Ausnahmen der Verfahren

Die Entscheidung über einen Asylantrag bleibt bei den Griechen. Wird er abgelehnt, gehen viele Flüchtlinge mithilfe von Anwälten in ein Widerrufverfahren. Das kostet Zeit. Die EU will mehr Einfluss und für ihre Beamten vor Ort mehr Mitsprache. "Manchmal stört mich, dass viele EU-Politiker nur auf die Zahlen schauen. Aber wir haben es mit Menschen zu tun", sagt der Staatssekretär der griechischen Regierung für die Fluchtkrise, George Florentis.

Vor Ort bleiben Widersprüche und Unklarheiten über Regeln und Ausnahmen der Verfahren. Mit dem Abkommen hat sich ein System auf den griechischen Inseln etabliert, das zwischen Drohungen oder Druck und dem Recht auf Asyl und Einzelfallprüfungen hin und her pendelt.

Das Abkommen mit der Türkei ist aus einem Kontrollverlust über die Krise entstanden – doch es ist mittlerweile auch zu einem Testlabor für eine EU-Asylpolitik in Zeiten von mehr als 60 Millionen Flüchtlingen weltweit geworden. Ein Test für Abkommen, die manche EU-Politiker gern mit nordafrikanischen Staaten starten wollen, um Migranten von der Fahrt über die zentrale Mittelmeerroute nach Italien abzuhalten. Nur wie lange hat Europa noch Zeit, sein System krisenfest aufzubauen?

"Vielleicht sendet Erdogan ein erstes Signal"

Marios Andriotis schaut auf die Zahlen am Computer und sagt, dass er beunruhigt sei. "Es kamen in den vergangenen Tagen wieder mehr Menschen auf Schlauchbooten aus der Türkei auf die Inseln", sagt er. Andriotis ist Sprecher des Bürgermeisters auf Lesbos. 300 an einem Wochenende allein in Chios, mehr als 50 pro Tag auf Lesbos. Das sei immer noch wenig. "Aber vielleicht sendet Erdogan ein erstes Signal."

Der türkische Staatschef Erdogan hatte zuletzt gedroht, das Abkommen platzen zu lassen. Bei der Regierung in Athen und auf Lesbos sieht man für ein Ende des Paktes derzeit aber keine Hinweise. Die gestiegene Zahl der neuen Flüchtlinge könne auch am wärmeren Wetter und der ruhigeren See liegen. Und dennoch sagt auch Staatssekretär Florentis: "Noch eine Ausnahmesituation wie 2015 würden die griechischen Inseln nicht mehr verkraften."

Allein auf Lesbos ist der Tourismus um 75 Prozent eingebrochen Die Gehälter der Lehrer, von denen manche nun auch Flüchtlingskinder unterrichten, wurden gekürzt. Die Arbeitslosenquote liegt bei 23 Prozent. Vor dem Supermarkt unweit einer Flüchtlingsunterkunft auf Lesbos steht eine ältere Frau neben einem Einkaufswagen. Sie trägt eine Weste des Roten Kreuzes. Jeder, der einkaufe, könne Lebensmittel spenden, sagt sie. Nudeln, Kekse, Brot. Die Organisation wolle damit 300 Familien unterstützen. Nicht die Flüchtlinge. Sondern Griechen auf der Insel.

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