Wenn eine Pressemitteilung vom WJC, des „World Jewish Congress“, in der Inbox landet, hat es normalerweise mit Antisemitismus in Europa, sehr häufig auch in Deutschland, zu tun. Immer wieder wird daran erinnert, wie wichtig die deutsche Erinnerungskultur des „Nie wieder“ nach wie vor bleibt. Es sind aber nicht nur die großen, überregionalen jüdischen Organisationen wie der „World Jewish Congress“, die sich dazu berufen fühlen. Der Ausschuss für Auswärtige Beziehungen des US-Kongresses hat sich auch immer wieder mit den Thema Antisemitismus in Deutschland und Europa beschäftigt.
2015 hat der Ausschuss eine Resolution verabschiedet, in der er seine Besorgnis über wachsenden Antisemitismus in Europa äußert. Darin werden „mehr Forschung, Ausbildung, Ressourcen, Sensibilisierungskampagnen und Kommunikation im Rahmen des Kampfes gegen antisemitische Gewalt“ gefordert. „Wenn unsere Regierung ermutigt und mit unseren europäischen Verbündeten zusammenarbeitet, diese Dinge zu tun, wird es helfen, Leben zu retten“, heißt es da. Die Erwartung und Haltung der Resolution reflektiert die Pflicht, in der sich US-Amerikaner sehen, den europäischen Partnern zu helfen, Antisemitismus und religiösen Hass zu bekämpfen.
Nun erleben wir Tage, in denen Deutschland und sein Kampf gegen Antisemitismus nicht mehr im Vordergrund der Warnungen großer jüdischer Organisationen steht. Seit mehreren Monaten haben die Orte, an denen jüdische Friedhöfe geschändet werden und jüdische Einrichtungen Bombendrohungen erhalten, Namen wie Philadelphia, St. Louis, Atlanta, Orlando und Palm Beach Gardens.
Noch ist es zu früh, um belastbare Zahlen nennen zu können, die einen konkreten Anstieg von Antisemitismus in den USA seit letzten November belegen können. Doch die Fälle mehren sich. In den letzten Monaten hat die „Anti-Defamation League“ 70 verschieden Bedrohungen gegen jüdische Einrichtungen in Amerika, in denen Kindergärten untergebracht sind, gezählt. Der „World Jewish Congress“ hat innerhalb von zwei Wochen drei Fälle von Grabschändungen auf jüdischen Friedhöfen in den USA verurteilt. In Deutschland wird leider eher dürftig darüber berichtet. Noch weniger hört man, dass deutsche Spitzenpolitiker solche Vorfälle in den USA verurteilen.
Doch Achtung vor jüdischem Leben und gleiche Rechte für alle sollten die Lehre aus 70 Jahren deutscher Erinnerungskultur sein. Wer, wenn nicht die Deutschen, sollen davor warnen können, wohin es führt, wenn Antisemitismus salonfähig wird?
Das muss nicht heißen, dass hier im Lande dagegen nach wie vor gekämpft wird, wie die Äußerungen von Björn Höcke im Januar gezeigt haben. Die Reaktionen auf seine Rede, in der er die deutsche Erinnerungskultur infrage gestellt hatte und das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin in Zusammenhang mit einem „Denkmal der Schande“ gebracht hatte, aber zeigen, dass eine Sensibilisierung für solche Gefahren besteht. Es wurden 91 Strafanzeigen gestellt. Die Staatsanwaltschaft hatte auch von Amts wegen ermittelt.
Das Internationale Religionsfreiheitsgesetz von 1998 sieht die Unterstützung von Religionsfreiheit im Ausland als Bestandteil der US-Außenpolitik vor. Ein neuer Gesetzentwurf, der jetzt im Kongress debattiert werden soll, sieht vor, dass der jährliche Bericht über internationale Religionsfreiheit in Zukunft über die genauen Bedrohungen gegen Juden in jedem europäischen Land berichtet. Solch einen Entwurf zu debattieren – in Zeiten, wo die Berichte der in Amerika ansässigen jüdischen Organisationen voll sind mit Berichten über Untaten gegen Juden in den USA –, ist lächerlich.
Deutschland wird zunehmend auf der Weltbühne gefordert. Es soll angesichts des Brexits die EU stärken, es soll seinen Beitrag zur Nato erhöhen, es soll Afrika stärken und Antworten auf die Migrationskrise in Europa finden.
Es wäre aber angebracht, wenn Deutschland die Amerikaner daran erinnern könnte, dass Religionsfreiheit auch in deren eigenen Land gilt. Dass selbst dort gegen Antisemitismus gekämpft werden muss.

