Berlin

Familie und Beruf: Es geht einfach nicht

Manuela Schwesig (SPD) stellt Studie des Berliner Wissenschaftszentrums vor

Berlin.  Lena Hipp hat ein Experiment gemacht. Die Berliner Soziologin hat rund 400 fiktive Bewerbungen auf Stellenausschreibungen losgeschickt, um herauszufinden, ob es Vätern und Müttern schadet, wenn sie in ihrer Laufbahn eine Pause für die Familie gemacht haben.

Das Ergebnis der Forscherin vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB): Bei Männern machte es keinen Unterschied, ob sie zwei Monate oder zwölf Monate Elternzeit genommen hatten. Mütter, die nur zwei Monate pausiert hatten, wurden hingegen seltener zu Bewerbungen eingeladen als Mütter, die ein ganzes Jahr zu Hause geblieben waren. Hipps Deutung: „Frauen, die nur kurz zu Hause bleiben, gelten als kaltherzig und hart.“

Es geht auch um Rollenmodelle und Wertvorstellungen

Das Experiment zeigt, dass es bei der Frage, wie Männer und Frauen Job und Familie unter einen Hut bringen können, nicht nur um genügend Kitaplätze und passgenaue Teilzeitregelungen geht. Es geht immer auch um Rollenmodelle und Wertvorstellungen. In den Betrieben, aber auch bei den Müttern und Vätern selbst. Im Auftrag von Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) haben die Forscher des WZB neben dem Bewerbungsexperiment jetzt auch in einer großen Studie mehr als 800 Paare mit Kindern unter zwölf Jahren befragt, bei denen mindestens einer der beiden Partner berufstätig war. Sie wollten wissen: Wie möchtet ihr Lohnarbeit und Familienarbeit aufteilen und welche Unterstützung bekommt ihr dafür von eurem Arbeitgeber?

Die Antwort der Eltern muss der Politik zu denken geben: Zwar wünschen sich 35 Prozent der Frauen und 42 Prozent der Männer eine partnerschaftliche Aufteilung von Job, Haushalt und Kinderbetreuung. Umgekehrt aber heißt das: Die Mehrheit der Eltern wünscht sich das nicht, sondern arrangiert sich mit traditionellen Familienmodellen, bei denen einer Vollzeit, der andere Teilzeit oder gar nicht arbeitet.

Für Schwesig, die sich für mehr Partnerschaftlichkeit einsetzt, ist das kein Grund zu politischen Selbstzweifeln: „Viele haben den Wunsch danach einfach abgehakt“, so die Ministerin. Nach einigen Jahren als berufstätige Eltern in der Arbeitswelt wüssten sie: „Es geht praktisch nicht und es geht finanziell nicht.“ Solange Frauen oft deutlich weniger verdienen als Männer, können sich Paare es schlicht nicht leisten, wenn Väter Stunden reduzieren, damit Mütter aufstocken können.

Doch es geht nicht nur ums Geld allein. Besonders Väter fürchten berufliche Nachteile, wenn sie mehr Zeit für die Familie wollen. Nach Analyse der WZB-Forscher arbeiten nur rund 20 Prozent der Eltern kleiner Kinder in Deutschland in Betrieben, die Familienfreundlichkeit mit Gleichstellung verbinden und in denen Frauen wie Männer Vollzeit- und Teilzeitmodelle ohne Karrierenachteile flexibel nutzen können. „80 Prozent der Betriebe haben keine ausreichenden Bedingungen für gute Vereinbarkeit“, beklagt Schwesig.

Laut WZB gibt es Schwerpunkte: In der öffentlichen Verwaltung, im Bildungswesen, in Gesundheits- und Sozialberufen sind die Chancen, einen familienfreundlichen Arbeitgeber zu finden, groß. Im Bereich Handel, Gastgewerbe und Verkehr dagegen haben es Mitarbeiter schwer, ihre Bedürfnisse als Mütter und Väter anzumelden. Nur wer Privates hintanstellt, gilt als leistungsbereit. In der Industrie finden sich viele Unternehmen, die sich zwar um Vereinbarkeit kümmern, dabei aber nur Mütter im Blick haben: Teilzeitangebote richten sich vor allem an Frauen, selten an Männer und fast nie an Führungskräfte. Gerade diese Unter-nehmen hätten oft den Ein-druck, sie machten doch schon viel, räumt Schwesig ein.

Doch ihr reicht das nicht: Vereinbarkeit soll kein Frauenthema mehr sein, sondern auch die Väter miteinbeziehen. Zehn Jahre nach Einführung der Elternzeit scheitern jedoch laut WZB-Studie immer noch viele Väter selbst an einer vergleichsweise kleinen Herausforderung wie der zweimonatigen Familien-Auszeit. Nur jeder dritte Vater nimmt sein Recht in Anspruch. Viele sorgen sich um finanzielle Einbußen, vier von zehn Vätern fürchten berufliche Nachteile. Eine Sorge, die oft unbegründet ist: 87 Prozent der Väter, die bereits pausiert haben, sagten nachher, es habe keine Auswirkungen gehabt. Elf Prozent sagten sogar, es habe ihnen beruflich genutzt.