Für viele Politiker ist der Posten des Parlamentarischen Staatssekretärs in einem Bundesministerium das Ende der Karriere. Sie haben ein großes Amtszimmer, einen Dienstwagen und die Möglichkeit, ab und zu den Minister zu vertreten – das ist es dann oft schon. Nur wenige Parlamentarische Staatssekretäre werden tatsächlich später auch Minister. Brigitte Zypries, die nun Sigmar Gabriel im Amt des Bundeswirtschaftsministers nachfolgen soll, ist da eine Ausnahme, und das in mehrfacher Hinsicht.
Die 1953 in Kassel geborene SPD-Politikerin ist nicht nur Staatssekretärin, sie war selbst schon einmal Bundesministerin – von 2002 bis 2009 im Justizressort. Damals war Zypries eine der wenigen Ministerinnen, die sowohl in der rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder (SPD) dienten als auch in der folgenden ersten großen Koalition unter Angela Merkel (CDU). Damals erwarb sie sich in ihrer Partei, der Koalition und außerhalb der Politik viel Anerkennung.
Zypries tritt zur Wahl nicht an
Jetzt nimmt Zypries also ein zweites Mal auf dem Ministersessel Platz. Für die 63-Jährige kommt die Berufung überraschend. Sie wollte ihre politische Karriere eigentlich beenden. Zur Bundestagswahl im Herbst tritt sie in ihrem Heimatwahlkreis im hessischen Darmstadt nicht mehr an. Drei Mal war sie in diesem Wahlkreis angetreten und hatte ihn jedes Mal direkt gewonnen, das erste Mal 2005 mit deutlicher Mehrheit, anschießend nur noch mit hauchdünnem Vorsprung vor den jeweiligen Kandidaten der CDU.

Dass sie den neuen Posten ausfüllen kann, daran zweifelt niemand. Der frühere SPD-Kanzlerkandidat und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück nannte Zypries einmal einen „hidden champion“, also eine verborgene Größe des Bundeskabinetts. Zypries ist seit Dezember 2013 im Wirtschaftsministerium, sie kennt das Haus. Schon jetzt hat sie Gabriel bei wichtigen Anlässen vertreten und ihm so den Rücken frei gehalten.
Erfolgreich ins fremde Thema eingearbeitet
Dabei kümmerte sie sich insbesondere um das Thema Digitalisierung, den technologischen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch um Unternehmensgründer und die Mittelstandspolitik. Daneben koordinierte Zypries die Luft- und Raumfahrtpolitik der Bundesregierung, einen Bereich, der von dem deutsch-französischen Konzern Airbus bestimmt wird. Sie selbst hab einmal zu, dass sie sich in den Bereich erst einarbeiten musste. Inzwischen bescheinigen ihr Beobachter gute Sachkenntnis.
Von Haus aus ist Zypries Juristin, studiert hat sie in Gießen. Zunächst war sie an der hessischen Staatskanzlei und am Bundesverfassungsgericht tätig. Erst 1991 trat sie in die SPD ein und wechselte in die Staatskanzlei in Hannover, als Gerhard Schröder Ministerpräsident in Niedersachsen war. Schröder, Gabriel, Frank-Walter Steinmeier, Thomas Oppermann – Zypries kennt die aktuelle Spitze der SPD aus ihrer Zeit in Niedersachsen gut. Dort war sie Ender der 90er Jahre bereits Staatssekretärin im Arbeits- und Sozialministerium.
Zypries gilt als exzellente Verwaltungsmanagerin
In die Bundespolitik wechselte Zypries, als sie 1998 Staatssekretärin im Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) wurde. Damals erwarb sie sich den Ruf als exzellente Verwaltungsmanagerin, als sie nach der Flutkatastrophe 2002 in Bayern und Sachsen die Hilfe der Bundesregierung koordinierte. Nach ihrem Wechsel in das Justizressort – ihre Vorgängerin Hertha Däubler-Gmelin war wegen umstrittener Äußerungen über US-Präsident George W. Bush zurückgetreten – bot Zypries ihrem ehemaligen Chef Schily im Kabinett selbstbewusst Paroli: „Wir sind hier keine Unterabteilung des Innenministeriums“, sagte sie damals.
Als Justizministerin sprach sich die ledige und kinderlose Politikerin für die völlige Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften mit der Ehe aus und für eine Stärkung der Adoptionsrechte gleichgeschlechtlicher Ehen. Eine Kontroverse löste Zypries 2003 aus, als sie liberale Regeln bei der Stammzellenforschung befürwortete.
In ihrer knapp bemessenen Freizeit, so heißt es, geht Zypries auf Flohmärkte, sammelt Antiquitäten, reist gern und pflegt einen Freundeskreis aus Juristen und Literaten.


