Terror-Ermittlungen

Fall Amri wirft Fragen auf: Was wir wissen – und was nicht

| Lesedauer: 7 Minuten
Bei dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche starben zwölf Menschen, mehr als 50 wurden zum Teil schwer verletzt.

Bei dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche starben zwölf Menschen, mehr als 50 wurden zum Teil schwer verletzt.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Nach dem Berliner Anschlag kommen die Ermittler voran, aber längst nicht alles ist geklärt. Viele Fragen bleiben offen. Ein Überblick.

Berlin.  Eineinhalb Wochen nach dem Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin fehlen in dem Fall noch wichtige Erkenntnisse. Monatelang hielt der am 23. Dezember getötete mutmaßliche Attentäter, Anis Amri, deutsche Behörden zum Narren, benutzte Aliasnamen, stellte mehrere Asylanträge, lebte mal in Nordrhein-Westfalen, mal in Berlin. Schließlich entzog sich der 24-jährige Tunesier der Überwachung der Behörden. Gesicherte Informationen gibt es wenige, dafür umso mehr Gerüchte. Das ist bekannt:

• Wie lebte Amri vor dem Anschlag in Deutschland?

Amri kam im Juli 2015 nach Deutschland. Nach Erkenntnissen der Behörden tauchte er erst in Freiburg auf, dann in Nordrhein-Westfalen und schließlich in Berlin, wo er von Februar 2016 bis September überwiegend gelebt haben soll.

Er war auch an anderen Orten wie Karlsruhe und Hildesheim, verwendete sieben Identitäten und beantragte mehrfach Asyl, zuletzt im Mai in Oberhausen. Kurzzeitig saß er in Baden-Württemberg in Abschiebehaft, wurde aber wieder freigelassen, da zur Abschiebung nötige Papiere aus Tunesien fehlten.

• Amri war als sogenannter Gefährder eingestuft. Wurde er überwacht?

Ja, er stand im Fokus der Sicherheitsbehörden. In Berlin wurde vom 5. April bis 21. September Amris Kommunikation per Handy und Internet überwacht, weil der Verdacht bestand, er wolle sich in der Islamisten-Szene Frankreichs Schusswaffen für einen Anschlag besorgen. Die verdeckte Überwachung habe lediglich Hinweise geliefert, dass Amri als Kleindealer für Drogen in einem Park tätig sein könnte, erklärte die Generalstaatsanwaltschaft. Daher sei sie beendet worden.

Weil Amri als abgelehnter Asylbewerber und „Gefährder“ aus dem Visier der Behörden verschwunden war, kommen aus der Politik Rufe nach schärferen Gesetzen.

• War Amri ein Terrorist der Miliz „Islamischer Staat“ (IS)?

Kurz nach dem Tod Amris in Italien veröffentlichte das IS-Sprachrohr Amak ein Video, in dem Amri zu sehen ist. Auf der knapp dreiminütigen Aufnahme schwört er dem IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi die Treue. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass es authentisch ist, wie eine Sprecherin am Donnerstag sagte.

• In den Fokus rückt nun auch wieder Nordrhein-Westfalen. Warum?

Nordrhein-Westfalen war einer der Hauptaufenthaltsorte Amris, in dem Bundesland liegt auch die für ihn zuständige Ausländerbehörde im Kreis Kleve. Die Opposition im Düsseldorfer Landtag wirft den Behörden deshalb schwere Fehler bei der Überwachung des Tunesiers vor.

Auf Antrag der Oppositions-Fraktionen von CDU, FDP und Piraten wird sich der Innenausschuss des Landtags NRW in einer Sondersitzung am 5. Januar mit dem Fall auseinandersetzen.

• War auch in NRW bekannt, dass Amri verschiedene Namen nutzte?

Ja, es ist sicher, dass die Behörden schon früh wegen unterschiedlicher Identitäten gegen Amri ermittelten. Im April eröffnete die Staatsanwaltschaft Duisburg ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugs gegen den Tunesier. Darüber hatte zuvor auch bereits „Spiegel Online“ berichtet.

Nach Angaben eines Sprechers der Staatsanwaltschaft hatte Amri im November 2015 unter zwei Namen Sozialleistungen in Emmerich und in Oberhausen beantragt. Im November sei das Verfahren eingestellt worden, weil nicht bekannt gewesen sei, wo sich Amri aufhalte.

• Warum wurde der Lkw erst am Tag nach der Terrorfahrt untersucht?

Die Polizei begründet das mit einem planmäßigen Vorgehen bei der Spurensicherung. So brachten die Ermittler den Anschlags-Lkw erst in die Halle einer Kaserne, ehe er genau untersucht wurde. Im Fahrerhaus fanden sie schließlich eine Geldbörse, in der sich die Duldungspapiere des Asylbewerbers Amri mit einem Foto fanden.

Kritiker meinen, durch den späten Fund der Papiere sei wertvolle Fahndungszeit verschwendet worden. Zunächst hatte die Polizei zudem einen falschen Verdächtigen festgenommen. Die Ermittler in Berlin weisen die Kritik zurück.

• Wie kam Amri nach dem Attentat nach Italien?

Am Freitag, 23. Dezember, wurde Anis Amri gegen 3.30 Uhr von Polizisten in der Nähe des Bahnhofs der italienischen Stadt Sesto San Giovanni im Großraum Mailand bei einem Schusswechsel erschossen. Zumindest ein Teil seines Weges dorthin ist bekannt: Er reiste über die Niederlande und Frankreich nach Italien, wie die Bundesanwaltschaft bestätigte. Darauf habe ein Zugticket hingewiesen, das bei Amri gefunden wurde. Zudem habe er eine SIM-Karte bei sich gehabt, die vor Weihnachten in den Niederlanden kostenlos ausgegeben wurde.

Kameras filmten Amri im niederländischen Nimwegen, im französischen Lyon sowie in Turin und Mailand in Italien. Das bestätigten die Behörden vor Ort, die deutschen bislang jedoch nicht.

Mutmaßlicher Berlin-Attentäter erschossen
Mutmaßlicher Berlin-Attentäter erschossen

• Was wir nicht wissen

Wann und wie Amri Berlin verlassen hat, ist bislang nicht genau geklärt. Auch dazu, wo sich Amri unmittelbar nach dem Anschlag aufhielt und wie er Deutschland verlassen hat, gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Noch vergangenen Freitag schien es Hinweise zu geben, dass sich der Attentäter in Berlin aufhalten könnte. Wie sich kurz darauf herausstellte, war er zu dem Zeitpunkt aber schon tot.

Wenige Stunden zuvor hatte der Berliner Fernsehsender rbb Bilder einer Videokamera veröffentlicht, die den Terrorverdächtigen wenige Tage vor und einige Zeit nach der Tat vom 19. Dezember vor dem Moschee-Verein „Fussilet 33“ zeigen sollten. Das Landeskriminalamt dementierte dies, der Mann auf den Bilder sei nicht Amri.

Auch bei Informationen zu Amris Überwachung gibt es Unklarheiten. Laut „Süddeutscher Zeitung“, NDR und WDR wurde im Gemeinsamen Terrorismus-Abwehrzentrum (GTAZ) in Berlin zwischen Februar und November 2016 mindestens siebenmal über Amri gesprochen. Die Journalisten berufen sich dabei auf Informationen aus Ermittlerkreisen.

Demnach suchte Amri im Internet Anleitungen für den Bau von Rohrbomben. Zudem suchte er im Februar offenbar Kontakt zur Terrormiliz Islamischer Staat und soll sich als Selbstmordattentäter angeboten haben.

Mindestens zweimal wurde dem Bericht zufolge im GTAZ die Frage diskutiert, ob Amri einen konkreten Anschlag in Deutschland plane. Beide Male wurde dies demnach als unwahrscheinlich eingestuft.

Gesicherte Informationen fehlen auch zu Kontaktpersonen, Mitwissern und Helfern. Amri soll nach WDR-Recherchen unter anderem im Ruhrgebiet bestens vernetzt gewesen sein, Moscheen besucht und sogar als Vorbeter aufgetreten sein. Vertreter mehrerer Moscheen bestreiten dies aber.

Da der mutmaßliche Terrorist nach Italien floh, wird auch dort nach Helfern gesucht. Ermittler durchsuchten mehrere Wohnungen, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtet. Nachdem Amri 2011 als Flüchtling in das Land gekommen war, hatte er dort mehrere Jahre im Gefängnis gesessen. Italiens Ministerpräsident Paolo Gentiloni zufolge gibt es bisher keinen Hinweis auf ein Netzwerk Amris.

Nur wenige Minuten vor der Tat in Berlin soll Amri laut Berichten von „Süddeutscher Zeitung“, NDR, WDR und „Focus“ aus dem Führerhaus des Lastwagens mit einem Glaubensbruder gechattet und ein Selfie verschickt haben. In Berlin war am Mittwoch ein tunesischer Landsmann Amris vorläufig festgenommen worden, weil der Verdacht bestand, er sei ein Kontaktmann Amris gewesen. Der Verdacht bestätigte sich nach Angaben der Bundesanwaltschaft nicht, der Mann wurde wieder entlassen. (dpa/jkali)

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