Proteste

Ureinwohner der USA bejubeln den Stopp der Dakota-Pipeline

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Dirk Hautkapp
Demonstranten haben am Sonntag den Bau-Stopp der Öl-Pipeline in North Dakotag gefeiert. Sie fürchteten eine Verunreinigung ihres Wassers.

Demonstranten haben am Sonntag den Bau-Stopp der Öl-Pipeline in North Dakotag gefeiert. Sie fürchteten eine Verunreinigung ihres Wassers.

Foto: STEPHANIE KEITH / REUTERS

Der Protest der Indianer vom Stamm der Sioux hat Erfolg: Präsident Obama stoppt den Bau einer umstrittenen Öl-Pipeline in North Dakota.

Washington.  Was mit bangen Gebeten und der Furcht vor Zusammenstößen mit der Polizei begann, endete mit Freudentänzen in der Eiseskälte von North Dakota. Nach monatelangem Protest gegen den Bau einer gewaltigen Öl-Pipeline in der Nähe des Standing Rock-Indianer-Reservats nahe Cannon Ball haben die Nachfahren der Ureinwohner, die um die Reinheit ihrer einzigen Wasserquelle fürchten, einen unerwarteten Sieg eingefahren.

Unmittelbar vor der für Montag von der Polizei geplanten Räumung des von mehreren tausend Demonstranten bewohnten Protest-Camps hat die scheidende Obama-Regierung dem Stammesführer der Sioux, David Archambault II, einen großen Gefallen getan.

Streckenführung auf Eis gelegt

Das zuständige „Army Corps of Engineers“, eine Einheit von Bauingenieuren der Armee, hat die bisherige Streckenführung der insgesamt 1900 Kilometer langen Röhre, durch die ab 2017 täglich 500.000 Barrel Rohöl aus dem ergiebigen Bakken-Feld von der kanadischen Grenze bis nach Chicago geschleust werden sollen, mit sofortiger Wirkung auf Eis gelegt. „Wir werden nach alternativen Routen suchen“, erklärte Army-Corps-Ministerin Jo-Ellen Darcy.

Die Indianer hatten das insgesamt vier Milliarden Dollar teure Infrastruktur-Projekt von Beginn an abgelehnt. Es drohe die Wasserläufe des Missouri River zu verunreinigen und werde die heiligen Stätten in der Umgebung entweihen, hatte Archambault mehrfach betont. Der Bauherr „Energy Transfer Partners“ lehnt eine Überarbeitung des letzten Teilstücks des Projekts aus Kostengründen ab.

Regierung rechnet mit Einspruch der Republikaner

Störversuchen der Obama-Regierung begegnete die Firma in der Vergangenheit mit Gerichtsverfahren. Auch diesmal rechnen Beobachter damit, dass die Texaner mit Rückenwind der Republikaner im Kongress von Washington gegen den Bescheid der Armee-Ingenieure Einspruch einlegen.

In den vergangenen Wochen gab es immer wieder brutale Einsätze von Nationalgardisten und Polizei, die in Kampf-Montur mit Schlagstöcken, Pfefferspray, Dumdum-Geschossen, Lärmkanonen, bissigen Hunden und Hubschraubern gegen die Demonstranten vorgegangen sind, die mit den harten Winterbedingungen (-20 Grad) zu kämpfen haben. An einem Tag wurden über 150 Protestler verhaftet. Viele davon waren tausende Kilometer weit angereist. Via Facebook hatten Hunderttausende weltweit die hässlichen Szenen in Echtzeit mitverfolgt.

Ungeduld der Investoren gewachsen

Weil die konservative Regierung des Bundesstaates, allen voran Gouverneur Jack Dalrymple, uneingeschränkt hinter der Pipeline steht, wuchs zuletzt die Ungeduld der Investoren. Die Behörden setzten den Umweltschützern eine Frist zum freiwilligen Verlassen des Areals, die gestern (Montag) ablief. Danach müsse mit einer Räumung, sprich mit weiterer Eskalation gerechnet werden, schrieb die Zeitung „Bismarck Tribune“.

Am Wochenende trafen fast 2000 Militär-Veteranen im Lager am Oahe-See ein. Ihre Absicht war es, zwischen Polizei und Protestierenden als Schutzschild zu fungieren und das Ansinnen der Indianer zu unterstützen.

Trump unterstützt den Bau der Pipeline

Blutige Szenen zwischen Polizei auf der einen und den Nachfahren der Ureinwohner sowie ehemaligen Irak- und Afghanistan-Soldaten auf der anderen Seite wollte das Weiße Haus unbedingt vermeiden. Mit der Entscheidung der Armee-Ingenieure ist nun Moratorium entstanden. Wie lange es reicht, ist ungewiss.

Präsident Obama verliert in sechs Wochen die Entscheidungsgewalt. Sein designierter Nachfolger ist völlig anderer Meinung. Donald Trump unterstützt den Bau der Pipeline. Sein Firmen-Konsortium hält Aktien an der Betreiberfirma „Energy Transfer Partners“. Trump kann den Baustopp mit einem Federstrich aufheben. Ob die „schwarze Schlange“ (Indiander-Slang für die Pipeline) endgültig besiegt ist, steht darum noch in den Sternen.

Größte indianische Aufbäumen seit 1973

Stammesführer Archambault und seine Mitstreiter, darunter Führungsfiguren traditionell verfeindeter Stämme, will das Momentum nutzen. „Wir wollen nicht mehr betrogen werden“, sagt er, „wirtschaftliche Interessen dürfen nicht mehr wichtiger sein als wir.“ Die Gründe liegen weit zurück.

In den beiden Abkommen von Fort Laramie, unterzeichnet 1851 und 1868, hatte Amerika den Indianern die riesigen Weiten westlich des Missouri „für alle Zeiten“ als Heimat versprochen. Der Goldrausch in den Black Hills von South Dakota und der Druck der Siedlerströme legten den Grundstein für einen historischen Wortbruch. Vom großen Reservat blieben nur kleine, oft unbrauchbare Landfetzen übrig. Das Bewusstsein um diese kolossale Täuschung war rund um die Öl-Pipeline die eigentliche Triebfeder für das größte indianische Aufbäumen in den USA seit der militanten Besetzung von Wounded Knee 1973.

Hunderte Nachfahren der Indianer überglücklich

Tausende Indianer kamen seit Frühjahr per Auto, Pferd oder pedes nach Standing Rock. In Zeltdörfern hielten sie Wache. „Dass wir hier zusammen sind, gibt mir den Stolz zurück, unsere Geschichte kommenden Generationen weiterzugeben“, sagte Retha Henderson, die per Anhalter anreiste.

Die Enkelin eines Oglala Lakota-Indianers war am Sonntagabend wie Hunderte andere überglücklich. „Wir sind unserem Ziel ein Stück näher gekommen.“ Das Ziel heißt „Mni Wiconi“. Übersetzt: Wasser ist Leben. Weil sie nicht abschätzen kann, wie Donald Trump nach der Amtseinführung Ende Januar entscheiden wird, bleibt Retha Henderson, trotz der unwirtlichen Temperaturen, wo sie ist. „Ohne Geduld und Ausdauer werden wir nicht bekommen, was uns zusteht.“