Politik

Wie man Neues wagt

Gründung der Freien Universität macht Mut, unkonventionelle Wege zu gehen und geistige Freiheit zu leben

Stellen Sie sich vor: Eine Gruppe von Studenten ist verärgert über die an ihrer Universität herrschenden Arbeitsbedingungen. Sie vermissen Toleranz gegenüber kritischen Meinungen, beklagen Fälle von Bespitzelung, Zensur, staatlicher Überwachung und offener Unterdrückung Andersdenkender. Als die Situation für sie unerträglich geworden ist, beschließen sie, den Schritt zur Selbsthilfe zu tun. Sie sprechen Professoren an und erkunden deren Bereitschaft, sich von ihrem bisherigen Dienstherrn zu trennen und eine gemeinsame Initiative zur Gründung einer neuen Universität zu ergreifen. Schnell werden private Spender und Förderer gefunden. Mitten im kalten Winter ist es so weit: An einem frostigen Dezembertag versammeln sich Studenten und Professoren in einem Kinosaal, um eine neue Universität ins Leben zu rufen. Nach wenigen Jahren gehört die noch junge Hochschule zu den bedeutendsten ihres Landes. Sie ist stolz darauf, dass die akademische Freiheit hier wirklich gelebt und nicht nur in Festreden beschworen wird.

Ein Phantasma? Keineswegs. Das hier Beschriebene geschah vor 68 Jahren im Westteil Berlins. Am 4. Dezember 1948 wurde im Steglitzer Titania-Palast die Freie Universität (FU) ins Leben gerufen. In den Monaten zuvor mussten regimekritische Studierende der Universität Unter den Linden im sowjetischen Sektor der Stadt massive Repressionen erfahren. Man hatte sie disziplinarrechtlich gemaßregelt und vom Studium ausgeschlossen; manche wurden in Untersuchungshaft gesteckt. In dieser Situation entstand eine starke Allianz aus Professoren und Studierenden, die einen neuen Anfang suchten. Der Student Otto Hess hatte in einem Gründungsmanifest betont, dass die geplante Hochschule sich von „überlebten Traditionen“ lösen und den Mut zeigen müsse, noch unerschlossene Wege zu beschreiten.

Die FU begeht ihren 68. Gründungstag am 4. Dezember mit berechtigter Zufriedenheit. Ihre Geschichte zeigt, wie aus individuellem Engagement eine große Bewegung für geistige Unabhängigkeit und akademische Selbstbestimmung werden kann. Diese Werte haben auch heute ihre Bedeutung; fast scheint es, als seien sie wichtiger denn je. Aber der Rückblick auf die sehr ungewöhnliche Universitätsgründung macht auch nachdenklich. Könnten wir heute in ähnlicher Dynamik Veränderungen herbeiführen und neue Wege beschreiten? Unsere soziale Wirklichkeit ist sperrig und für mutige Projekte wenig förderlich. Rechtsbestimmungen und Verwaltungsregeln errichten Mauern oder zumindest Säulen. Wir leben in einer administrierten, allseits vermessenen Welt, in der nichts dem Zufall überlassen werden soll. Wer etwas wagen will, stößt häufig auf Barrieren aller Art. Viele Gesetze wurden geschaffen, um uns ein sicheres Leben zu ermöglichen. Sie gewährleisten, dass Regeln entstehen, die Risiken minimieren. Aber zugleich wächst die Wahrscheinlichkeit, dass so mutige Vorhaben unterdrückt werden. Die Gründungsstudenten von 1948 hätten heute vermutlich mehr Pro­bleme als damals, ihr Projekt zu verwirklichen. Wer weiß, ob es nicht im Dschungel der Verwaltungsvorschriften verloren gegangen wäre.

Das Beispiel der FU erinnert uns nicht nur an etwas historisch Vorbildliches. Es sollte auch Mut machen für unkonventionelle Wege, intellektuelle Courage und den Willen, für die eigene Freiheit entschlossen einzutreten. Der erste Student, der sich im Dezember 1948 ins Verzeichnis der FU einschrieb, war Stanislaw Kubicki. Sein Vater wurde in Polen von der Gestapo ermordet, weil er zum kommunistischen Widerstand gehörte. Für den jungen Medizinstudenten Kubicki war akademische Freiheit mehr als nur die Lizenz zum unabhängigen Denken. Sie bedeutete auch, dass man wegen seiner Ideen und Wertvorstellungen nicht bedroht und verfolgt werden durfte. Mit Stanislaw Kubicki, der im Juli dieses Jahres seinen 90. Geburtstag feierte, begeht die Freie Universität auch 2016 ihr Gründungsfest. Sie tut das in der Hoffnung, dass das historische Beispiel ihrer Entstehung jungen Menschen Mut macht, unkonventionelle Wege zu gehen und geistige Freiheit zu leben.

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