Terrorangst

Terrorverdächtiger wollte sich von Landsleuten freikaufen

Der Terrorverdächtige al-Bakr wurde in Leipzig von Syrern überwältigt. Er soll ihnen auch Geld für seine Freilassung geboten haben.

Polizeibeamte durchsuchten im Rahmen der Terrorfahndung in Leipzig mehrere Wohnungen.

Polizeibeamte durchsuchten im Rahmen der Terrorfahndung in Leipzig mehrere Wohnungen.

Foto: Hendrik Schmidt / dpa

Dresden/Berlin.  Der in Leipzig unter Terrorverdacht festgenommene Syrer Dschaber al-Bakr soll schon am Samstag in einem Online-Netzwerk syrischer Flüchtlinge nach einem Schlafplatz in Leipzig gesucht haben. Der 22-Jährige habe geschrieben, er suche dringend eine Unterkunft und befinde sich am Leipziger Hauptbahnhof, berichtete der Syrer Mohammed A., der den Mann gemeinsam mit Freunden überwältigt hatte, der „Bild“-Zeitung (Dienstag).

„Wir sind dann hingefahren und haben ihn mitgenommen. Wir waren erst bei einem Freund in dessen Wohnung, haben dort Reis mit Lammfleisch gegessen. Dann sind wir zu einem anderen Kumpel gefahren, weil es dort mehr Platz gab. Dort hat der Terrorist übernachtet“, zitierte das Blatt den 36-Jährigen. Am Sonntag habe er Al-Bakr dann auf dessen Wunsch die Haare abgeschnitten.

Fahndungsaufrufe auf Facebook gesehen

Im Laufe des Tages sahen Mohammed A. und ein Freund den Schilderungen zufolge auf Facebook Fahndungsaufrufe nach dem flüchtigen Terroristen. Al-Bakr habe ihnen erzählt, er sei gerade erst aus Syrien angekommen, hätte in Leipzig Aussicht auf einen Job. Doch man habe ihm nicht mehr geglaubt.

Als Al-Bakr sich am Sonntagabend wieder schlafen gelegt habe, hätten sie ein Foto von ihm auf Facebook gepostet und mit anderen Syrern diskutiert, ob er der gesuchte Terrorist sei. Dann hätten sie ihn mit mehreren Verlängerungskabeln gefesselt.

Wie die „Bild“ schreibt, habe sich al-Bakr freikaufen wollen. „Er bot uns 1000 Euro und 200 Dollar an, wenn wir ihn freilassen. Die hatte er in einem Rucksack, zusammen mit einem Messer“, sagte Mohammed A. Die Syrer nahmen das Geld nicht an, sondern informierten die Polizei.

Verdächtiger sollte Infrastruktur angreifen

Am Montagabend hatte der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, in der ARD erklärt, dass al-Bakr offenbar im Auftrag des IS die Verkehrsinfrastruktur in Deutschland angreifen sollte. „Wir hatten nachrichtendienstliche Hinweise, dass er zunächst einmal Züge in Deutschland angreifen wollte. Zuletzt konkretisierte sich dies mit Blick auf Flughäfen in Berlin.“

Schon Anfang September habe es Hinweise gegeben, dass die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) einen Anschlag auf Infrastruktureinrichtungen in Deutschland geplant habe. „Wir haben bis Donnerstag letzter Woche gebraucht, um herauszufinden, wer dafür in Deutschland verantwortlich ist“, sagte Maaßen.

Am Freitag hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz den Hinweis auf Al-Bakr an die sächsische Polizei weitergegeben. Eine Festnahme am Samstagmorgen in Chemnitz war zunächst fehlgeschlagen. Durch die Ergreifung des 22-Jährigen am Montag in Leipzig wurde nach Angaben der Ermittlungsbehörden ein größerer Anschlag wie in Frankreich oder Belgien verhindert.

Union: Flüchtlinge besser durchleuchten

Unterdessen ist eine neue Diskussion um die geheimdienstliche Überprüfung von Flüchtlingen entbrannt. Während aus der Union weitergehende Befugnisse für Verfassungsschutz und BND gefordert wurden, warnten SPD- und Grünen-Politiker vor einem pauschalen Verdacht gegen geflüchtete Menschen.

Der CSU-Innenpolitiker Hans-Peter Uhl forderte einen Abgleich der Asylsuchenden „mit allen international verfügbaren Datenbanken über Terrorverdächtige“. Die Nachrichtendienste müssten „endlich vollautomatisch Zugang zur Kerndatenbank der Asylsuchenden bekommen“, sagte er der „Welt“. Der Unionsobmann im Bundestagsinnenausschuss, Armin Schuster (CDU), forderte im selben Blatt, dass „die polizeiliche Gefahrenabwehr im Asylverfahren eine größere Rolle spielen“ müsse.

Kritik von den Grünen

Die innenpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, Irene Mihalic, nannte die Forderungen aus der Union unverantwortlich. „Wilde Forderungen nach mehr geheimdienstlichen Kompetenzen“ führten nicht weiter „und vertiefen sogar die Gräben in unserer Gesellschaft“, sagte sie der „Berliner Zeitung“. (dpa/jha)