Einheitsfeier

Was sich die Pegida-Demonstranten in Dresden wünschen

Bei der Dresdener Einheitsfeier geht auch Pegida auf die Straße. Viele der Demonstranten wünschen sich einen autoritären Anführer.

Bei der Einheitsfeier in Dresden pfeifen viele Demonstranten die Politiker vor der Frauenkirche aus.

Bei der Einheitsfeier in Dresden pfeifen viele Demonstranten die Politiker vor der Frauenkirche aus.

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Dresden.  Christian Tiemanns Lächeln kann so leicht nichts zerstören, es hielt sogar, als Dieter Bohlen seinen Auftritt beim „Supertalent“ kritisierte. Heute steht der 32 Jahre alte Osnabrücker auf dem Theaterplatz in Dresden, auf seinem runden Kopf ein schwarz-rot-goldener Cowboyhut, und er lächelt immer noch. Gerade haben ihn drei Männer umringt und hätten ihn beinahe verprügelt. Die Polizei ging dazwischen und musste sich beinahe selbst prügeln. Die Männer zogen schimpfend ab. „Ich weiß auch nicht, was die Leute so aggressiv macht“, sagt Tiemann. „Ich finde, jeder darf doch seine Meinung sagen.“ Um seinen Hals hängt ein Pappschild mit der Aufschrift: „Wir schaffen das weiter“.

Szenen wie diese haben sich am Montag immer wieder abgespielt in der Innenstadt von Dresden. Zum 26. Tag der Einheit waren die Spitzenpolitiker Deutschlands zu einem Festakt gekommen, zum mittlerweile zweiten Mal nach Dresden. Das am Sonnabend eröffnete dreitägige Bürgerfest in der Innenstadt stand unter dem Motto „Brücken bauen“. Die Feiern finden unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen statt. Mit rund 1400 Betonsperren rund um die Innenstadt und 2600 Beamten im Einsatz sichert die Polizei die Veranstaltungen ab.

Polizeischutz für geladene Gäste

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) als Bundesratspräsident empfing die hochrangigen Gäste, darunter Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck, am Morgen vor dem Verkehrsmuseum mitten in der historischen Altstadt. Anschließend gingen sie in die Frauenkirche zum Ökumenischen Gottesdienst.

Doch weil beide Orte am Neumarkt liegen, wird schon der Gang zu diesen Veranstaltungen für einige der rund 1000 geladenen Ehrengäste ein Spießrutenlauf. Am Neumarkt haben sich rund 400 Mitglieder von Pegida und der Gruppe Festung Europa versammelt. Sie pfeifen die Ehrengäste aus und sie rufen abwechselnd „Volksverräter“, „Haut ab“ und „Merkel muss weg“. Einige der Gäste können die Menge nur mit Polizeischutz durchqueren, Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime wurde am Hauptbahnhof von Lutz Bachmann beschimpft. Die Frau des sächsischen Wirtschaftsministers Martin Dulig (SPD) weint. Einmal lässt sich ein Ehrengast auf ein Gespräch mit einem der Demonstranten ein und wird von mehreren niedergebrüllt.

Demonstranten wollen Putin und Orban

Am Rand steht Sabine T., eine ältere Frau im Mantel und einer Brille mit rotem Rand. Die Dresdnerin will ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen, da sie deutschen Medien nicht mehr traue. „Ich bin hier, weil ich nicht will, dass es so wird wie im Westen“, sagt sie. Dort gebe es so viele Asylsuchende. „Merkel und Gauck haben unser Land verunstaltet.“ Sie sei viel eher dafür, dass jemand wie Russlands Wladimir Putin oder Ungarns Victor Orban die Macht in Deutschland übernähmen. „Die würden unser Land wenigstens verteidigen.“

Wie sie reden viele in der Gruppe der Demonstranten. Sie sind stolz darauf, dass sich die Dresdner nicht alles gefallen lassen, und fühlen sich von den großen Parteien nicht mehr angesprochen. Sie haben Angst vor zu vielen Einwanderern oder generell vor Muslimen. Und wenn man sie auf die beiden Anschläge vor einer Woche in Dresden auf eine Moschee und auf das Kongresszentrum anspricht, wiegeln sie ab: „Das waren doch Linke oder die Muslime selbst.“ Einzig die AfD steht mitten unter den Demonstranten mit einem Plakat: „Die CDU ist keine Lösung, sondern das Problem.“

Merkel fordert Akzeptanz unterschiedlicher Meinungen

„Beschämt erleben wir, dass Worte die Lunte legen können für Hass und Gewalt“, sagt Regierungschef und Bundesratspräsident Stanislaw Tillich später beim Festakt. „Das ist menschenverachtend und zutiefst unpatriotisch. Dem stellen wir uns alle entgegen.“

„Für mich und die allermeisten Menschen ist dies nach wie vor ein Tag der Freude“, betont Merkel. 26 Jahre nach der Wiedervereinigung sehe sie aber, dass „neue Arbeit, neue Probleme auf uns warten. Und ich persönlich wünsche mir, dass wir diese Probleme gemeinsam, in gegenseitigem Respekt, in der Akzeptanz sehr unterschiedlicher politischer Meinungen lösen.“

Mehr Zuversicht, mehr Optimismus

Bundestagspräsident Norbert Lammert wendet sich in seiner Festrede direkt an die Demonstranten: „Diejenigen, die heute besonders laut pfeifen und schreien und ihre erstaunliche Empörung kostenlos zu Markte tragen, die haben offenkundig das geringste Erinnerungsvermögen daran, in welcher Verfassung sich diese Stadt und dieses Land befunden haben, bevor die deutsche Einheit möglich wurde“, sagt er unter dem Applaus der geladenen Gäste. Dann fordert er mehr Selbstbewusstsein, mehr Optimismus, mehr Zuversicht – in einem Land, das in einer internationalen Umfrage als „bestes Land“ bewertet worden sei. Deutschland könne sich „durchaus eine kleine Dosis Zufriedenheit“ erlauben – „wenn nicht gar ein Glücksgefühl“.