Islamisten

Taliban-Kämpfer starten Angriff auf afghanische Stadt Kundus

Vor einem Jahr hatten die Taliban die afghanische Provinzhauptstadt Kundus für zwei Wochen in ihrer Gewalt. Nun greifen sie erneut an.

Afghanische Streitkräfte im Kampf gegen die Taliban in Kundus im September 2016.

Afghanische Streitkräfte im Kampf gegen die Taliban in Kundus im September 2016.

Foto: imago stock&people / imago/Xinhua

Kundus.  Die radikalislamischen Taliban haben in der Nacht zum Montag einen schweren Angriff auf die Hauptstadt der nordafghanischen Provinz Kundus begonnen und liefern sich mit Sicherheitskräften nun schwere Kämpfe am Stadtrand. Das bestätigte am Montag ein Provinzratsmitglied, Amruddin Wali. Gefechte seien in den Gegenden von Sakhil und Kahwakhana etwa 200 Meter von der Stadtgrenze entfernt im Gange. Auf beiden Seiten habe es Opfer gegeben.

Die Aufständischen seien in der Nacht zum Montag von vier Richtungen aus in die Stadt vorgedrungen, sagte ein Polizeikommandeur. Derzeit hielten die Kämpfe an.

Attacken auch in Südprovinz Helmand

Währenddessen ist in der wichtigen Südprovinz Helmand auch der Bezirk Nawa an die Islamisten gefallen. Das bestätigte am Montag ein Bezirksbeamter, der ungenannt bleiben wollte, sowie ein Senator der Provinz Helmand, Mohammad Haschem Alokosai.

Die Aufständischen hätten das gleichnamige Bezirkszentrum von Nawa in der Nacht attackiert. Am Morgen seien das Gebäude der örtlichen Regierung, die Polizeiwache und der Markt in ihre Hände gefallen. Die Gefechte dauerten an. Der Polizeichef des Bezirks, Ahmad Schah Salem, sei getötet worden. Nawa liegt nahe der Provinzhauptstadt von Helmand, Laschkargar.

Taliban verstärkt Angriffe

Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sie seit dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes 2014 massiv verschlechtert. Regierungstruppen haben schätzungsweise nicht mehr als zwei Drittel des Landes unter ihrer Kontrolle. Die Taliban stehen so gut da wie seit ihrem Sturz durch eine US-geführte Invasion 2001 nicht mehr und haben zuletzt ihre Angriffe in verschiedenen Landesteilen verstärkt. Vor einem Jahr hatten die Islamisten auch Kundus, wo die Bundeswehr bis vor gut zwei Jahren einen großen Stützpunkt betrieb, kurzfristig unter ihre Kontrolle gebracht.

Der Angriff auf Kundus kommt fast genau ein Jahr, nachdem die Taliban die Provinzhauptstadt zum ersten Mal erobert hatten. Ende September und Anfang Oktober 2015 hatten sie Kundus-Stadt fast zwei Wochen lang in ihrer Gewalt – es war der erste große territoriale Gewinn der Islamisten seit Beginn der internationalen Intervention in 2001 und ein Schock für ausländische und die afghanische Regierung.

Geberkonferenz startet in Brüssel

Zudem findet der neuerliche Angriff nur einen Tag vor einer Geberkonferenz für das Land statt. Ziel des zweitägigen Treffens ab Dienstag in Brüssel ist, Milliarden Dollar an Hilfszusagen zu vereinbaren.

Ein Polizeisprecher, Mahfosullah Akbari, sagte, der Angriff habe von vier Seiten aus gegen zwei Uhr morgens begonnen. Er wies Medien-Berichte über Talibankämpfer in der Stadtmitte zurück. Sie seien nahe der Stadt und hätten sich dort in Privathäusern verschanzt. Spezialkräfte seien nun im Einsatz, und es gebe Luftunterstützung. Die Taliban seien auf der Flucht.

Anwohner haben Angst

Ein Bewohner des Stadtzentrums, Mohammad Omid, sagte, alle Läden und Märkte seien geschlossen, die Menschen blieben zu Hause. Ein Anwohner, der näher an den Gefechten lebt und namentlich nicht genannt werden wollte, sagte: „Meine Familie und ich sind in einem Keller nur einen Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Die Taliban sind draußen vor unserem Haus und auf den Dächern der Nachbarn. Wir hören Schüsse und Jets und Helikopter. Wir haben Angst, rauszugehen.“

Talibansprecher Sabiullah Mudschahid ließ per Twitter verlauten, Kämpfer hätten bisher „vier Sicherheitsposten überrannt“. Die Angaben der Taliban sind jedoch oft übertrieben.

Bundeswehr bis 2013 in Kundus stationiert

Die Provinzhauptstadt ist seit Monaten von Aufständischen umzingelt. Die Taliban halten Gegenden in fast allen der sechs Bezirke der Provinz. Im Juli hatten die Hauptstädte von Kala-e Sal und Dascht-e Artschi erobert. Sicherheitskräfte haben sie seitdem teilweise wieder zurückerobert.

In Kundus war bis Ende 2013 auch die Bundeswehr stationiert. Seit März berät wieder eine kleine Gruppe deutscher Soldaten die afghanische Armee, um einen erneuten Fall der Provinz zu verhindern. Kundus ist mit der Nordprovinz Baghlan sowie den Südprovinzen Helmand und Urusgan Hauptziel der Talibanoffensiven im Jahr 2016.

In Helmand war bereits in den vergangenen Tagen die Provinzhauptstadt Laschkargar wieder unter schweren Druck geraten. Sicherheitskräfte kämpften nur wenige Kilometer von der Stadtgrenze entfernt mit Taliban. Anfang September hatten Taliban die Hauptstadt von Urusgan, Tirin Kot, angegriffen und waren kurz in die Stadt vorgedrungen. (dpa/rtr)