"Amok im Kopf"

US-Autor Langman nach Amoklauf in München bestürzt

Langman hatte das Sachbuch „Amok im Kopf – Warum Schüler töten“ verfasst, das der Attentäter von München gelesen haben soll.

Nach der Bluttat von München hat die Polizei im Zimmer des Amokläufers Zeitungsartikel über andere Amokläufe gefunden – und das 2009 erschienene Buch „Amok im Kopf – Warum Schüler töten“. Im Interview mit der Berliner Morgenpost zeigte sich der Autor des Buchs, der US-amerikanische Psychologe Peter Langman, bestürzt.

Berliner Morgenpost: Herr Langman, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie hörten, dass der Amokläufer von München offenbar ihr Buch gelesen hat?

Peter Langman: Das fühlt sich sehr merkwürdig an, zumal es das zweite Mal ist. 2013 gab es einen Amoklauf in Colorado, und auch dort hatte der Täter wohl mein Buch gelesen. Ich weiß natürlich nicht, warum. Generell ist es aber nicht ungewöhnlich, dass sich Amokläufer intensiv mit anderen Amokläufen befassen. Sie schauen ins Internet. Andere gehen aber offenbar darüber hinaus und recherchieren noch intensiver zu dem Thema. Ob der Amokläufer von München ein Vorbild für seine Tat gesucht hat oder sich selbst und seine Psyche verstehen wollte, um eben nicht zum Mörder zu werden, weiß ich nicht.

Erkennen Sie Parallelen zu anderen Fällen, die Sie untersucht haben?

Auf den ersten Blick kaum. Einen Vorfall gab es in den USA allerdings doch. Das war der Amoklauf von Jaylen Fryberg.

... ein 15-jähriger Schüler, der im US-Bundesstaat Washington fünf seiner Mitschüler erschossen hat.

Da gibt es Parallelen. Der Amokläufer von München wollte ja offenbar Menschen an den Tatort locken, indem er im Internet versprach, in einem Schnellrestaurant Essen auszugeben. Fryberg hat zwar nicht wildfremde Menschen eingeladen. Er schickte seinen Freunden aber Nachrichten, sich mit ihm zum Mittagessen in der Schulkantine zu treffen. Dort hat er sie dann erschossen.

Der Amokläufer von München litt offenbar unter psychischen Problemen. Das haben Sie auch bei Ihren Fällen festgestellt.

Ja, Amokläufer sind gestörte Individuen. Es sind nicht ganz normale Jugendliche, die sich nur rächen wollen, weil sie gemobbt wurden. Sie morden auch nicht, weil sie zu viele Computerspiele gespielt haben, oder ausschließlich, weil sie berühmt sein wollen. Die psychischen Störungen werden in der Berichterstattung über Amokläufe aber oft übersehen.

Bei der Schießerei von München dachten viele erst an einen Terroranschlag.

Es ist verständlich, dass das erwogen wird. Aber viele solcher Schießereien werden von Leuten begangen, die keiner Verbindungen zu Terrororganisationen haben, sondern einfach gestört sind.

Lassen sich potenzielle Amokläufer, bevor sie tatsächlich losschlagen, erkennen?

Ja, es gibt Warnzeichen. Oft spielen sie das, was sie planen, in ihrer Fantasie durch. In Zeichnungen, aber auch in selbst aufgenommen Videos. Sie fotografieren sich und zeigen sich dabei gern mit Waffen. Und sie identifizieren sich mit den Gewalttätern ihrer Geschichten. Diese Warnzeichen sollte man erkennen, etwas unternehmen und wissen, an wen man sich wenden kann.

In den Medien wird jetzt ausführlich und mit Foto über den Amokläufer berichtet.

Ja, und das kann gefährlich sein. Denn potenzielle Täter berauschen sich an der Vorstellung, nach einem Amoklauf endlich mal im Mittelpunkt zu stehen. Es sollte daher eher über die Opfer und ihr Leiden gesprochen werden. Zumindest sollte es keine großformatigen Fotos des Täters auf der Titelseite geben. In den USA gab es einen Mann, Chris Harper Mercer, der in seinem Blog nach dem Mord eines anderen Attentäters fasziniert darüber schrieb, wie dieser durch die Medien auf einen Schlag berühmt wurde. Danach hat Mercer in seinem College neun Menschen erschossen.

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