Extremismus

Wie Islamisten weiter gegen Lesben und Schwule hetzen

Bei Salafisten gelten Homosexuelle als Feindbild. Nach Orlando wettern sie wieder – und ignorieren dabei die Geschichte des Islam.

Mahnwache mit Schweigeminute für die Opfer des Terror-Anschlags von Orlando in Köln

Mahnwache mit Schweigeminute für die Opfer des Terror-Anschlags von Orlando in Köln

Foto: imago stock&people / imago/Future Image

Berlin.  Flammen fressen sich durch das Grün, Blau, Gelb und Rosa. Die Regenbogenfahne, das weltweite Symbol der Bewegung für die Rechte von Homosexuellen, brennt. Zumindest in der Propaganda radikaler Islamisten, die das Bild in den sozialen Netzwerken bei Facebook und Twitter verbreiten. In einem IS-nahen Kanal der Messenger-App „Telegram“ hetzen sie: „Werden die ‚moderaten Muslime‘ nach ‚Je suis Paris‘ usw. Solidarität mit den Getöteten in Orlando bekunden? Hier ein Vorschlag für die Heuchler: I am gay“. Ich bin schwul – für Islamisten eines der schlimmsten Schimpfwörter.

Noch immer ermitteln Justiz und Polizei die Hintergründe des Anschlags auf den Nachtclub in Florida. Der Attentäter Omar Mateen hatte nach allem, was bislang bekannt ist, keine Verbindung zur Führungsebene des „Islamischen Staates“ (IS) in Syrien und dem Irak. Er radikalisierte sich selbst, er handelte als „einsamer Wolf“. Auch über Mateens Motive wird noch spekuliert. Er inszenierte sich selbst zu einem IS-Kämpfer, warf mit weiteren radikalen Organisationen um sich, als er sich zu dem Attentat bekannte. Obwohl diese Gruppen teilweise untereinander verfeindet sind. Das wirft Fragen auf: Wie stark war Mateen in der Ideologie verwurzelt?

Fest steht vor allem: Der Täter war im höchsten Maße gewaltbereit. Und hochgradig homophob. 49 Menschen starben, als Omar Mateen mit einer Schnellfeuerwaffe den Club für Schwule, Lesben und Transsexuelle stürmte. Einen LGBT-Club, den auch Mateen laut Zeugen häufiger besucht haben soll. In dessen Biografie und Person mischen sich mehrere Identitäten und mehrere Konflikte. Das muss kein Widerspruch sein – im Gegenteil, Radikalisierungsbiografien sind vielfältig. Es gibt häufig nicht die Suche nach dem einen Motiv für eine Gewalttat.

Islamische Gedichte erzählen von Liebe zwischen Männern

Und: Islamismus und Homophobie – das geht oft Hand in Hand. Extremisten feinden Homosexuelle an. Auch der IS zeigt Videos, wie Menschen aufgrund ihrer Sexualität von Häuserdächern in Syrien gestürzt werden. „Für Islamisten ist Homosexualität genauso eine Todsünde wie die Gleichberechtigung der Frau“, sagt Professorin Katajun Amirpur, stellvertretende Direktorin an der Akademie der Weltreligionen in Hamburg, im Gespräch mit unserer Redaktion. Wer sich nur einen Millimeter neben der Ideologie bewege, gelte als Abweichler. „In der Propaganda der Islamisten wird Homosexualität als Import des Westens in die muslimische Welt diffamiert. Das ist Blödsinn.“ In der Geschichte des Islam gebe es eine jahrhundertelange Tradition gleichgeschlechtlicher Liebe, hebt Amirpur hervor. „Tausende Liebesgedichte von Männern zu anderen Männern sind überliefert und zeugen von Homosexualität in der Geschichte des Islam.“

So lobte der bekannte arabische Dichter Abu Nuwas, der im Jahr 815 starb, ausschweifend über Wein, Gesang und Knabenkörper. Noch bis ins 19. Jahrhundert ist Erotik auch unter Männern Thema in arabischer Literatur. Dann griff die Zensur von solch frivolen Texten um sich – auch unter dem Einfluss europäischer Kolonialmächte.

Auch Neonazis hetzen gegen Homosexuelle

In der heutigen salafistischen Szene gelten dagegen andere Geschlechterrollen: Männer und Frauen sind strikt getrennt. In sozialen Netzwerken gibt es Gruppen „nur für Schwestern“, es gibt eigene Messen und Spendenaktionen, die nur von und für Frauen organisiert sind. Ihre radikale Lesart des Koran erlaubt dem Mann mehrere Ehefrauen. „Im Kampf gegen Islamismus treffen wir immer wieder auf junge Menschen, die sich aufgrund ihrer tabuisierten Sexualität radikalisieren“, sagt der Religionspädagoge André Taubert, der viele Jahre in der Präventionsarbeit gegen Islamismus tätig ist. Die salafistische Szene biete der komplexen Psychologie der Jugend simple Antworten: In dieser Ideologie seien Homosexuelle der Feind. Es heißt: „Wenn du Zweifel an deiner Identität hast, komm‘ zu uns. Hier gilt nur eines: das Gesetz Allahs.“ Das wirke auf Jugendliche kurzfristig wie ein Ausweg aus der schweren Suche nach der eigenen Identität. „Langfristig verstärkt es den persönlichen Hass.“

Radikale Christen wettern gegen die Opfer in Orlando

Weltweit greift dieser Hass. In anderen Weltreligionen gibt es homophobe Hetze. Und nicht immer sind Islamisten die Aggressoren: In Russland kommt es zu Übergriffen auf Schwulenparaden durch rechte Schlägertrupps, aber auch in Deutschland sind Homosexuelle Opfer von Gewalt und Diskriminierung, wie etwa zuletzt durch Rechtsextreme in Dortmund. Manche Regierungen verfolgen Homosexualität noch immer als Straftat – häufig berufen sie sich auf das islamische Gesetz.

Nach dem Anschlag auf den Nachtclub trauerten Menschen in Städten wie Berlin oder New York in Mahnwachen für die Opfer. Es ist ein Symbol westlicher Offenheit und sexueller Freiheit – und gegen Radikale. Nicht alle machen mit. Pastor Roger Jimenez tituliert die Opfer von Orlando als „Sexualverbrecher“ und sagte: „Ich glaube, Orlando ist nun ein wenig sicherer. Die Tragödie ist, dass nicht mehr von ihnen gestorben sind.“ Jimenez ist radikaler Christ.