Präsidentschaftswahlen

Das unterscheidet die Kandidaten Hofer und Van der Bellen

Das Ergebnis der österreichischen Präsidentschaftswahlen wird äußerst knapp. Die beiden Kandidaten könnten kaum unterschiedlicher sein.

Der unabhängige Präsidentschaftskandidat Alexander Van der Bellen (l.) und der FPÖ-Mann Norbert Hofer stehen für zwei politische Lager: Willkommenskultur gegen Grenzzäune.

Der unabhängige Präsidentschaftskandidat Alexander Van der Bellen (l.) und der FPÖ-Mann Norbert Hofer stehen für zwei politische Lager: Willkommenskultur gegen Grenzzäune.

Foto: HEINZ-PETER BADER / REUTERS

Berlin/Wien.  Norbert Hofer war der Favorit. So war er gestartet – nach dem 24. April. So bestätigen es die ersten Hochrechnungen bei der österreichischen Präsidentschaftswahl am Sonntag. Aber sicher war sich der Kandidat selbst nicht. „Es könnte knapp werden“, sagte Hofer, als er seine Stimme abgab. Er sollte Recht behalten.

Hofer könnte der nächste, der siebte Präsident Österreichs werden. Aber gestern war der Siegeszug des Rechtspopulisten noch ein Triumphzug im Konjunktiv. Nach ersten Hochrechnungen kam er auf 50,2 Prozent der Stimmen, sein Gegenkandidat Alexander Van der Bellen auf 49,8 Prozent. Ein Foto-Finish-Finale. Wobei die Sieger beinahe stündlich wechselten. Die Ungewissheit passt zu den politischen Befindlichkeiten in der Alpenrepublik, die seit Monaten ein gespaltenes Land ist – spätestens seit der Flüchtlingskrise.

Der nächste Präsident Österreichs würde am 8. Juli vereidigt und die Nachfolge von Heinz Fischer antreten. Die Amtsdauer beträgt sechs Jahre. Das Staatsoberhaupt darf sich laut Verfassung einmal zur Wiederwahl stellen.

Erstmals eine Präsidentschaftswahl ohne SPÖ und ÖVP

In die Stichwahl vom Sonntag gegen den grünen Kandidaten Van der Bellen war Hofer mit deutlichem Vorsprung gegangen. Andererseits: Was besagt das schon bei einer Wahl, für die Erfahrungswerte fehlen und die in jeder Beziehung aus dem Rahmen fällt?

Denn: Erstmals haben es die Abonnement-Regierungsparteien, die sozialdemokratische SPÖ und die konservative ÖVP, nicht bis zum entscheidenden Wahlgang geschafft. Und erstmals auch könnte mit dem 45-jährigen Hofer ein Rechtspopulist an die Spitze eines EU-Landes gewählt werden. So hatte die Wahl denn auch weit über die Grenzen des Landes Aufmerksamkeit erregt.

Die vielen Briefwähler werden wohl den Ausschlag geben

Erste Wahllokale schlossen um elf Uhr am Vormittag. Endgültig Schluss war um 17.00 Uhr. Die Beteiligung lag über den 68,5 Prozent vom ersten Wahlgang. Bei den Hochrechnungen sind die Briefwähler noch gar nicht eingerechnet, sondern nur geschätzt. Das ist relevant. Immerhin hatten vor der Stichwahl rund 12,5 Prozent der 6,4 Millionen Österreicher über dem Wahlalter von 16 Jahren Briefwahl beantragt – der höchste Wert bisher und womöglich eine Folge der erwarteten sommerlichen Temperaturen am Wahltag.

Da hat man lieber vorher seine Stimme abgegeben. Das endgültige Endergebnis wird nun erst am Montag zweifelsfrei feststehen. Erst dann sind die Stimmen der Briefwähler ausgezählt.

Mit 35,1 Prozent der Stimmen hatte Hofer die erste Runde der Bundespräsidentenwahl am 24. April haushoch gewonnen. Der 72-jährige Van der Bellen war auf 21,3 Prozent gekommen. Seither hatten sich allerdings die Rahmenbedingungen dramatisch verändert. Nach dem Rücktritt von Bundeskanzler Werner Faymann genießt die neue Regierung unter Christian Kern (SPÖ) größeres Ansehen.

Der Präsident hat zahlreiche Befugnisse

Wer vorher aus Protest gegen Faymanns Koalition die FPÖ wählen wollte, der könnte gestern milde gestimmt gewesen sein. Hofer hatte damals in fast allen Wahlbezirken die meisten Stimmen bekommen. Van der Bellen ging unter den sechs Kandidaten nur in Wien als Sieger hervor. Der ehemalige Grünen-Chef hat seine Anhänger in den Städten, weniger auf dem Land.

Österreichs Bundespräsident hat deutlich mehr Befugnisse als viele seiner europäischen Amtskollegen. Er hat nach Nationalratswahlen zumindest theoretisch freie Hand bei der Nominierung des Bundeskanzlers und darf einzelne Minister ablehnen, die er für ungeeignet hält. Außerdem ist er der Oberbefehlshaber des Heeres. Der Hausherr in der noblen Wiener Hofburg könnte sogar die gesamte Regierung – ohne weitere Begründung – entlassen. Das gab es aber noch nie. Der Bundespräsident wird in Österreich direkt vom Volk gewählt. Er nimmt im Alltag dennoch eher die Rolle als moralische Leitfigur und Repräsentant Österreichs im Ausland ein.

Hofer kündigte Entlassung der Regierung an

Beide Kandidaten hatten im Wahlkampf allerdings betont, ihr Amt aktiver als bisherige Präsidenten ausüben zu wollen. Hofer warb sogar mit der Ankündigung um Stimmen, die Regierung zu entlassen, wenn er mit ihrer Arbeit unzufrieden wäre.

Der FPÖ-Mann gilt in Wien als ein „Anti-Schickeria“ und macht gern auf „Mann des Volkes“. „Ich fahre mit dem Fahrrad zum Einkaufen und mähe am Wochenende meinen Rasen. Meine Frau ist Altenpflegerin und wir leben mit unserer Tochter in einem durchschnittlichen Einfamilienhaus im Burgenland – wir sind eine ganz normale Familie“, verriet er der Wochenzeitung „Junge Freiheit“.

Das Image des „Sorgenonkels“, der die Nöte und Sorgen der einfachen Leute versteht, hat der 45-jährige gelernte Flugzeugtechniker im Wahlkampf immer wieder strapaziert. So überrumpelte er zur ersten Runde der österreichischen Wahlen auch den Wirtschaftsprofessor Van der Bellen, der lange Zeit als Favorit galt. Der ehemalige Grünen-Chef tritt stets ruhig, sachlich und pragmatisch auf. Mit seiner Art punktete der deklarierte Europa-Freund weit über die grüne Kernwählerschaft hinaus.

Zahlreiche Prominente für Van der Bellen

Mithilfe vieler prominenter Namen aus Kunst, Kultur und Wirtschaft versuchte der gebürtige Wiener, die Aufholjagd am Sonntag zu gewinnen. Viele Politiker anderer Parteien haben sich für ihn ausgesprochen. Allerdings gilt das Wahlkämpfen nicht als größte Stärke des passionierten Rauchers. Der direkte Kontakt mit dem einfachen Bürger fällt ihm durchaus schwer. Er wirkt manchmal müde und etwas entnervt.

Nach einer langen Karriere an der Universität entschied sich der zweifache Vater spät für eine Laufbahn in der Politik. Die Besetzung der Hainburger Au von linken Aktivisten, die ein Wasserkraftwerk an der Donau verhindern wollten, wurde 1984 zum Wendepunkt für Van der Bellen. Zu dem Zeitpunkt noch Mitglied der Sozialdemokraten, entschied er sich, zu den Grünen zu wechseln.

Grüner setzt einen Kontrapunkt zu den EU-kritischen Tönen

1994 zog er für sie ins Parlament ein und wurde bald danach für elf Jahre Parteichef. Er schaffte es, die zerrissene Partei zu einen und vor allem zu ersten Erfolgen zu führen. Zur Bundespräsidentenwahl trat er als Unabhängiger an. Obwohl er finanziell und personell stark von den Grünen unterstützt wird, sei dies für ihn ein „symbolischer Unterschied“. Seine Gegner werfen ihm „Etikettenschwindel“ vor.

Van der Bellen hoffte auf einen Schulterschluss von Anhängern aller Parteien, um einen FPÖ-Bundespräsidenten zu verhindern. Er bezeichnete sich selbst für Unentschlossene als das „kleinere Übel“. Es war ein regelrechter, bisher beispielloser Lager-Wahlkampf. Sein Programm gilt als Kontrapunkt zur FPÖ mit ausländerfeindlichen, EU-kritischen Tönen. „Widerstehen wir der Versuchung, die alten Zäune wieder hochzuziehen“, sagte er zur Flüchtlingspolitik. Doch gebe es keinen Platz für Wirtschaftsmigranten, fügte er mit Blick auf konservative Wähler hinzu.