Letzte Hoffnung Europa – der Atlas der Fluchtursachen

Schon 180.000 Menschen flohen 2016 nach Europa. Doch neue Konflikte flackern auf. Wir zeigen, woher die nächsten Geflüchteten kommen.

Geflüchtete aus Somalia harren in einem der großen Camps in Kenia aus. Viele leben schon seit Jahren unter teilweise unmenschlichen Bedingungen dort

Geflüchtete aus Somalia harren in einem der großen Camps in Kenia aus. Viele leben schon seit Jahren unter teilweise unmenschlichen Bedingungen dort

Foto: Dai Kurokawa / dpa

Berlin.  Kaum eine Frage beschäftigt Politiker so sehr wie diese: Wie hoch wird die Zahl der Flüchtlinge in den kommenden Monaten sein? Von den Vereinten Nationen bis zur Kleinstadt in Deutschland wissen alle: Flucht und ihre Ursachen bleiben – Kriege, Hungersnöte, Armut. 2015 flohen weltweit 60 Millionen Menschen. Nur ein Bruchteil kam nach Europa, 80 Prozent fliehen innerhalb der Landesgrenzen ihrer Heimat: eine hohe Belastung für ohnehin instabile Staaten wie Syrien. Doch welche Konflikte werden wachsen? Wo muss auch die deutsche Politik reagieren? Eine Prognose will die Regierung nicht abgeben. Zu vage, zu unvorhersehbar. Dabei zeichnen sich weltweit Notlagen ab, die Menschen zur Flucht bewegen – abseits der Dauerkrisen in Syrien und Irak: Hunger, Kriege, Klimawandel. Ein Überblick über Konflikte, die bald in den Fokus rücken können.

Äthiopien

Verdorrte Felder, unterernährte Kinder. Äthiopien erlebt die schlimmste Dürre seit 50 Jahren. Schon zum dritten Mal nacheinander blieb die Regensaison aus. Sechs Millionen Kinder haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Zehn Millionen Menschen sind von Hunger bedroht. Nicht nur in Äthiopien ist das ein Faktor für Flucht. Schon heute hungern im Senegal, Mali, Nigeria, Eritrea und Somalia laut Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR schätzungsweise 24 Millionen Menschen. Davon wurden bereits 2,8 Millionen zu Geflüchteten. Krisen wie in Äthiopien zeigen, dass nicht nur Kriege Ursachen für Flucht sind, sondern auch Auswirkungen des Klimawandels. 500 Millionen Menschen leben im Nahen Osten und in Nordafrika. Forscher des Max-Planck-Instituts warnen, dass sich die Zahl der extrem heißen Tage seit 1970 verdoppelt hat. Gegenden werden unbewohnbar, es droht ein „Klima-Exodus“.

Eritrea

Hunger und Dürre ist nur eine Fluchtursache in Afrika. Eine Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gibt an: 60 Prozent der Menschen aus afrikanischen Staaten flohen vor Gewalt – durch Milizen oder Diktatoren. Allen voran Menschen aus Kongo, Sudan und Somalia. In Somalia terrorisiert die al-qaida-nahe Islamistengruppe Al-Shabaab die Menschen. In Burundi, Uganda und Kongo sichern die Herrschenden mit brachialen Methoden ihre Macht. Auch in Eritrea herrscht ein diktatorisches Regime, das Menschen vertreibt. Laut UNHCR verlassen jeden Monat rund 5000 junge Eritreer ihr Land. In einem UN-Bericht heißt es, willkürliche Verhaftungen, Folter und Zwangsarbeit seien weit verbreitet. Die meisten Eritreer, Sudanesen und Somalier fliehen in Nachbarländer wie Kenia. Tausende machen sich aber auch auf in Richtung Europa. Kenia hat nun angekündigt, die großen Flüchtlingslager mit Hunderttausenden Schutzsuchenden zu räumen. Macht die Regierung die Drohung wahr, könnte sich der Drang von Geflüchteten nach Europa verstärken.

Türkei

Nur eine kurze Zeit hielt die Idee einer friedlichen Existenz der Kurden in Nahost. Denn Krieg und Terror sind zurück. An mehreren Fronten sind die Kurden bedroht: In Syrien und Irak durch den „Islamischen Staat“; in der Türkei durch Angriffe und Repressionen des Militärs. Denn der Konflikt zwischen Kurden und der Regierung spitzt sich zu. Militante Kurden reagieren ihrerseits mit Gewalt. Durch den Flüchtlingsdeal der EU mit der Türkei wirkt die Situation der Kurden auch auf die europäische Agenda. Denn mit Inkrafttreten der Visaerleichterungen für die Türken, könnten viele Kurden in die EU fliehen – mit ihrem türkischen Pass, und ohne Visahürde.

Palästina

Auch die Lage im Konflikt zwischen Israel und Palästina verschärft sich seit Monaten. Anschläge durch radikale junge Palästinenser nehmen zu, das israelische Militär schlägt zurück. Derzeit hat kaum jemand Hoffnung auf Frieden. Unter den mehr als eine Million Flüchtlingen, die 2015 nach Europa kamen, waren auch Tausende Palästinenser. Viele kamen aus Lagern im Libanon und der Türkei. Nicht alle kamen aus Palästina, viele flohen auch aus Syrien vor dem IS. Die UN zählte in ihren Camps insgesamt 100.000 Palästinenser. Viele sind als Iraker, Syrer oder Libanesen registriert – denn die meisten Staaten erkennen Palästina nicht an.

Ukraine

Auch in der Nachbarschaft der EU sind gefährliche Krisenherde entstanden, vor allem in der Ukraine. Seit dem Krieg zwischen Separatisten, die im Osten von Russland unterstützt werden, und dem ukrainischen Militär sind mehr als eine Million Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht. Nachbarstaaten wie Polen, die kaum Flüchtlinge aus Syrien oder Irak aufnehmen, gaben nur wenigen asylsuchenden Ukrainern Schutz. Immerhin: Das Land hat mehrere Zehntausend Studenten und Gastarbeiter ins Land gelassen. Doch die Waffenruhe in der Ukraine ist brüchig, die Friedensverhandlungen stecken in einer Sackgasse und immer wieder kommt es zu Kämpfen zwischen pro-russischen Milizen und der ukrainischen Armee. Ist die wirtschaftlich schwache Ukraine mit der Masse an Binnenflüchtlingen dauerhaft überfordert, steht die EU unter Zugzwang.

Libyen

Das Land ist die große Unbekannte in der Fluchtkrise. Laut Italien warten in dem Land bis zu 200.000 Menschen auf eine Gelegenheit zur Flucht nach Europa. Doch valide Einblicke in das Bürgerkriegsland sind kaum möglich. Die Gebiete, die der IS kontrolliert, wachsen. Zwei konkurrierende Landesregierungen sind kaum fähig zur Gegenwehr. Menschenschmuggler haben es in dem zerfallenen Staat leicht. Und seitdem die Balkanroute geschlossen ist, gewinnt die Route über das Mittelmeer an Bedeutung. In diesem Jahr kamen rund 30.000 Menschen in Italien an, vor allem aus Libyen, Hunderte ertranken.

Gambia

Das kleinste Land Afrikas an der Westküste des Kontinents steht symbolisch für ein Phänomen, das Experten den „Exodus der Mittelschicht“ in Afrika nennen. Rund 1,7 Millionen Menschen leben hier – und doch jeder fünfte oder sogar vierte Mensch, der über das Mittelmeer flieht, soll aus Gambia kommen. Es gibt keinen Krieg, keinen Hunger. Die Menschen fliehen vor Armut – erst vom Land in die Stadt, dann für wenig Geld in Richtung Europa. Eine Flucht durch Afrika soll schon für 400 Euro möglich sein. Häufig ziehen Jugendliche los, oft verkaufen Familien ihr Haus, geben den Job auf – in der Sehnsucht auf ein besseres Leben in Europa. Ihre Abkehr von Gambia hinterlässt Lücken im Arbeitsmarkt – das wiederum verstärkt die Armut in dem Land. Auch in Senegal, Togo oder Guinea berichten Diplomaten von vergleichbaren Abwanderungswellen. Wie stark es die Menschen nach Europa drängt, hängt auch von den Perspektiven im eigenen Land ab. Doch Perspektivlosigkeit ist nur einer der Fluchtursachen aus Gambia. Wie in Eritrea herrscht auch in dem kleinen afrikanischen Land seit mehr als 20 Jahren ein brutaler Diktator, der die Meinungsfreiheit unterdrückt, Homosexuelle diskriminiert und Kritiker nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International foltern lässt. Wie Gambia sehr gut zeigt, gibt es häufig mehrere Gründe, die Menschen zur Flucht bewegen.

Afghanistan

Während manche EU-Politiker das Land am Hindukusch als „sicheren Staat“ bezeichnen, explodieren in Afghanistan Bomben bei Anschlägen der radikalen Taliban – vor allem in der Hauptstadt Kabul, aber auch in anderen (einst stabilen) Regionen sind Islamisten auf dem Vormarsch. Dennoch gelten Afghanen derzeit anders als Syrer oder Iraker in der EU als „Wirtschaftsflüchtlinge“ und nicht als „Kriegsflüchtlinge“. Manche Orte dort gelten als relativ sicher, im ganzen Land kann schnell wieder Gewalt ausbrechen. Dann käme auch die EU nicht mehr umher, Afghanen als Kriegsflüchtlingen Asyl zu gewähren.