Muttertag

Das Mütterkabinett: So leben Ministerinnen mit Kindern

| Lesedauer: 9 Minuten
Julia Emmrich
Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig mit ihrem Mann Stefan Schwesig, Sohn Julian und neugeborener Tochter Julia bei ihrem ersten Ausflug zu viert in Schwerin.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig mit ihrem Mann Stefan Schwesig, Sohn Julian und neugeborener Tochter Julia bei ihrem ersten Ausflug zu viert in Schwerin.

Foto: Ute Grabowsky / photothek.net

In Angela Merkels Regierung haben fast alle Ministerinnen Kinder. Wie bringen sie den harten Beruf und die Familie unter einen Hut?

Berlin.  Das jüngste Kind ist neun Wochen alt, das älteste schon über vierzig Jahre: In Angela Merkels Kabinett sind fast alle Ministerinnen Mütter. Ursula von der Leyen hat fünf Mädchen und zwei Jungen, Andrea Nahles hat eine fünfjährige Tochter, Johanna Wanka zwei erwachsene Kinder und Manuela Schwesig ist gerade aus der Babypause zurückgekehrt. Auch Staatsministerin Aydan Özoguz hat eine Tochter – sie ist mitten in der Pubertät. Kinderlos sind neben der Kanzlerin nur Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) und Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). Zum Muttertag wollten wir wissen: Wie läuft es im Mütterkabinett? Wie gelingt der Spagat zwischen Mutterrolle und Ministeramt?

Ursula von der Leyen (CDU), sieben Kinder:

Die jüngste Tochter ist sechzehn, der älteste Sohn ist 28 Jahre alt: Die sieben Kinder, mit denen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (57) vor zehn Jahren als Familienministerin ins Bundeskabinett einzog, sind inzwischen fast alle erwachsen. Ihre Mutter hat seitdem nicht nur zweimal das Ressort gewechselt – sondern längst auch das Image. Während sie früher mit ihrer Rolle als erfolgreiche Supermutter heftig polarisierte, fragen sich die Deutschen heute: Wird sie die nächste Bundeskanzlerin? Reformiert sie die Bundeswehr? Es dauere „hoffentlich nicht mehr lange“, bis weibliche Generäle mit Familie bei der Truppe selbstverständlich seien, sagte sie dieser Zeitung. „Die Bundeswehr hat etliche fähige Offizierinnen, die auf dem Sprung ganz nach oben sind. Mich freut besonders, dass ein Viertel der Offiziersanwärter heute schon Frauen sind.“

Als Familienministerin hat von der Leyen viel von dem angestoßen, was Frauen heute den Spagat leichter macht – den Krippenausbau, die Elternzeit. Doch in welcher Phase war es für sie persönlich am schwierigsten, Mutter und Ministerin zu sein? „Ganz am Anfang als frischgebackene Landesministerin“, sagt sie auf unsere Frage. „Da musste ich in Amt und Partei erst durchboxen, dass ich mir auch als Ministerin Zeit für die Kinder nehme. Später eilte mir der Ruf schon voraus, dass ich kaum Abend- und Wochenendtermine annehme.“ Diesen Sonntag zum Beispiel will sie „gemütlich zu Hause mit möglichst vielen Kindern“ verbringen. „Zwei sind noch in der Schule und leben bei uns in Hannover. Die Großen gehen ihre Wege, kommen aber an den Wochenenden auch noch gerne an den Familientisch. Und die Kinder, die nicht zum Muttertag kommen können, werden mit mir skypen.“

Andrea Nahles (SPD), ein Kind:

Ella Maria ist fünf Jahre alt. Anfang des Jahres haben sich ihre Eltern getrennt – nach fünf Jahren Ehe ist Arbeitsministerin Andrea Nahles (45) jetzt die erste alleinerziehende Mutter in Merkels Kabinett. Als die Trennung bekannt wurde, klagte die „Bunte“: „Und wieder scheitert eine Frau offenbar an dem Versuch, Familie und Beruf so zu vereinbaren, dass alle glücklich sind.“ Nahles’ Modell mit einer Frau in Berlin, „die ihren Ehrgeiz und ihre Intelligenz nutzen will, um Geld und Anerkennung zu verdienen“ und einem Mann in der Eifel, der ihr den Rücken frei hält, – dieses Modell habe wohl nicht funktioniert.

Ella Maria war zwei Jahre alt, als Nahles Ministerin wurde. Schon nach zwei Monaten Babypause hatte sie, damals noch SPD-Generalsekretärin, wieder zu arbeiten begonnen. Ihre große Sorge: Dass eine längere Pause beruflich gefährlich sein könnte. Mit hundertprozentiger Unterstützung könne sie jedenfalls nicht rechnen: Es gebe Leute, von denen sie wisse, „bei der ersten Gelegenheit, in der es schwierig wird, kann ich mit deren Solidarität nicht rechnen“. So offen hatte bis dahin noch keine Spitzenpolitikerin über ihre Ängste gesprochen. Nahles fand auch später klare Worte: „Über dieses angebliche Ideal – beide arbeiten Vollzeit und sind glücklich dabei – kann ich nur lachen. Es ist für viele Paare schlicht eine Überforderung.“ Und: „Man bekommt doch kein Kind, nur um dann damit beschäftigt zu sein, es irgendwie weg zu organisieren, weil man arbeiten gehen muss.“ Nahles und ihr Ex-Mann wollen sich jetzt weiter gemeinsam um Ella Maria kümmern – auch die Großeltern sind eingebunden.

Manuela Schwesig (SPD), zwei Kinder:

Manuela Schwesig hat die erste Woche hinter sich: Seit Anfang Mai ist die 41-jährige Familienministerin aus der Babypause zurück. Zu Hause in Schwerin kümmert sich Schwesigs Ehemann Stefan um den achtjährigen Julian und die neun Wochen alte Julia. Die Kleine kam am 8. März, dem internationalen Frauentag, zur Welt, ihre Mutter kam am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, zurück in die Öffentlichkeit, ihr Mann nimmt ein Jahr Elternzeit. Vorbildlicher geht’s nicht, so scheint es. Doch auch Schwesig spürt manchmal schmerzlich den Spagat: „Ich mag meinen Job sehr, aber natürlich vermisse ich meine Kinder, wenn ich in Berlin bin, und freue mich sehr, wenn ich dann wieder bei ihnen sein kann“, sagte sie dieser Zeitung. „Diese beiden widersprüchlichen Gefühle kennt wohl jede berufstätige Mutter.“ Sie finde es jedoch „unerträglich“, dass berufstätigen Müttern und Vätern dann auch noch ein schlechtes Gewissen eingeredet werde: „Mir geht es da nicht anders als der Verkäuferin oder Rechtsanwältin. Das muss aufhören.“

Für ihre Familie hält sich Schwesig den Mittwochnachmittag und den Sonntag frei. „Da ist es mir wichtig, dass ich auch wirklich für die Kinder und meinen Mann da bin, und nicht ständig aufs Handy gucke.“ Dass jetzt vor allem ihr Mann die kleine Tochter großzieht, sieht sie gelassen: „Väter sind nicht Mütter zweiter Klasse. Sie machen vielleicht einiges anders, aber nicht schlechter. An unseren Kindern merke ich, dass sie ihren Vater genauso wie ihre Mutter brauchen – nicht nur zum Herumtoben.“

Johanna Wanka (CDU), zwei Kinder:

Als Bildungsministerin Johanna Wanka (65) vor drei Jahren ins Kabinett kam, waren Sohn und Tochter längst erwachsen. Doch sie erinnert sich noch genau, wie hart der Spagat zwischen Kind und Karriere zu Anfang war: Die ostdeutsche Mathematikerin war 24 Jahre alt, als sie ihren Sohn bekam, mit acht Wochen brachte sie ihn in die Kita, um promovieren zu können. „Am ersten Tag ohne ihn habe ich auf dem ganzen Weg zur Arbeit geheult“, erinnert sie sich. „Jeden Tag habe ich versucht, später loszugehen und ihn früher wieder abzuholen.“ Sie wolle niemandem davon abraten, sein Kind in die Kita zu geben, im Gegenteil. „Aber für mich persönlich empfand ich es nach acht Wochen als zu früh.“ Wankas Sohn ist heute Anfang vierzig und hat selbst eine Tochter, Wankas Tochter ist Anfang dreißig.

Heute sagt die Ministerin: „Meine Kinder sind längst aus dem Haus und brauchen mich heute anders als früher. Aber grundsätzlich wird wohl jede Mutter, die berufstätig ist, zwischendurch auch einmal das Gefühl haben, dass sie gern mehr Zeit für ihre Familie hätte. Das wird auch so bleiben.“ Sie sei aber dankbar für die Doppelerfahrung: „Die Familie, die Kinder haben mich immer geerdet.“ Es sei wichtig, keine Distanz zum alltäglichen Leben zu haben. „Das bedeutet einen gewissen Pragmatismus, der mir auch als Politikerin nützt.“

Aydan Özoguz (SPD), ein Kind:

Aydan Özoguz, Staatsministerin für Integration, ist wie die meisten Mütter im Kabinett Pendlerin. Ihre Tochter und ihr Ehemann Michael Neumann, der ehemalige Hamburger Innensenator, leben in Hamburg. Hanna wird im nächsten Monat 13 Jahre alt. „Meine Tochter ist kein Fan meines Berufs – da braucht man sich nichts vorzumachen“, sagt die 48-Jährige auf unsere Frage. „Aber sie unterstützt mich trotzdem.“

Dass pendelnde Eltern auch ihre Vorteile haben, wissen Mutter und Tochter spätestens seit Beginn der Pubertät: „Es bleibt weniger Zeit für typische Mutter-Tochter-Diskussionen. Wir wissen die gemeinsame Zeit auf jeden Fall sehr zu schätzen.“ Im Kanzleramt ist Hanna inzwischen eine feste Größe – schon weil ihre Mutter bei ihrer Arbeitsplanung immer auch das Leben ihrer Tochter im Kopf behält: „Natürlich schaue ich auch sehr genau, wann ich keine Termine annehme, damit sie zu ihrem Recht kommt.“

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