Offshore-Firmen

Enthüllungen der „Panama Papers“ sorgen für Panik im Kreml

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Stefan Scholl
Der russische Cellist Sergei Roldugin (l.), Russlands Präsident Wladimir Putin (M.) und der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew (r.) bei einem Besuch in Sankt Petersburg.

Der russische Cellist Sergei Roldugin (l.), Russlands Präsident Wladimir Putin (M.) und der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew (r.) bei einem Besuch in Sankt Petersburg.

Foto: Dmitry Astakhov/Sputnik / Kremli / dpa

Ein Netzwerk aus Offshore-Firmen soll Milliarden Dollar aus Russland verschoben haben. Die Firmen sollen Putins Strohmann gehören.

Moskau.  „Schwachsinn“ sagte WTB-Bank-Chef Andrei Kostin, „eine Giftspritze“, schimpfte Duma-Abgeordnete Irina Jarowaja. Russlands Elite reagiert erbost auf die Presseberichte, die Wladimir Putin und andere russische Amtsträger mit einem Netzwerk von Offshore-Firmen in Verbindung brachten, durch das Milliarden Dollar geflossen sein sollen. Auch Kreml-Sprecher Dmitri Peskow beschwerte sich: „Die Putin-Phobie hat inzwischen einen Grad erreicht, wo es a priori unmöglich ist, gut über Russland, seine Erfolge und Aktionen zu reden.“

Nach den sogenannten Panama-Papieren, die „The Guardian“, die „Süddeutsche Zeitung“, die „Nowaja Gaseta“ und anderen Medien ausgewertet haben, besitzt Peskows Ehefrau Tatjana Nawka ihre eigene Offshore-Firma, so wie Dutzende russische Wirtschaftsoligarchen, Gouverneure und Senatoren. Aber im Mittelpunkt des Skandals steht ein Musiker: Der Cello-Solist Sergei Roldugin, Leiter der Musikhochschule „Haus der Musik“ in Sankt Petersburg. Und ein enger Freund Wladimir Putins, der Taufpate seiner älteren Tochter Maria. Roldugin erlaubte es sich 2014 sogar in einem Interview mit einer Kasuaren Zeitung auszuplaudern, Putin sei Großvater geworden, ein Verstoß gegen die eiserne Etikette des Kremls. Der „New York Times“ aber versicherte Roldugin, er sei kein Geschäftsmann. Das mag er aufrichtig gemeint haben, Roldugin ist Strohmann.

Wirtschaftsoligarchen stehen hinter Offshore-Firmen

Der Cellospieler mit dem Titel „Volkskünstler Russlands“ taucht in den an die Öffentlichkeit geratenen Dokumenten der panamesischen Anwaltskanzlei Mossack Fonseca als Besitzer mehrerer Briefkastenfirmen auf, die seit Jahren Millionentransaktionen mit russischen Staatsbanken veranstalten, mit ihren ausländischen Töchtern, mit vaterländischen Staats- und Privatkonzernen. Gemanagt wurden die Firmen von Angestellten der in Sankt Petersburg ansässigen „Bank Rossija“, die zum Großteil zwei alten Datschennachbarn Putins gehören.

Roldugins Briefkästen wiederum sollen Beteiligungen und Aktienoptionen an mehreren russischen Branchenführern halten und es ihnen erlauben, so ertragreiche Unternehmen wie den LKW-Hersteller Kamas zu kontrollieren. Sie kassieren angeblich auch Dividenden von „Video International“, die Firma gilt als faktischer Monopolist auf dem russischen TV-Werbe-Markt.

Außerdem sollen die Roldugin-Offshores routinemäßig rückdatierte Aktiengeschäfte abgewickelt haben, die es ihnen erlaubten, millionenschwere Gewinne einzustreichen. Oder „gescheiterte“ Aktiengeschäfte für die sie ähnlich hohe Entschädigungen kassierten. Oder einfach „Beratungshonorare“, auch sie in Millionenhöhe. Das Geld kam oft von Offshore-Firmen, hinter denen russische Wirtschaftsoligarchen stehen, etwa der Baumagnaten Arkadi Rotenberg, ein alter Judo-Partner Putins. Übrigens kassierte Rotenberg laut der Zeitschrift „Forbes“ vergangenes Jahr Staatsaufträge in Rekordgesamthöhe von über 7,1 Milliarden Euro.

Russischer Präsident sei Hauptziel der Enthüllungen

Sein Sprecher versichert jetzt, Rotenbergs 185-Millionen Dollar Kredite für eine der Roldugin-Firmen seien „geschäftlich“ gewesen. Aber doch glaubt ein Großteil der Beobachter eher, dass das „Roldugin“-Netzwerk Milliarden Dollar bei Scheingeschäften mit den Offshores russischer Wirtschaftsoligarchen kassiert hat, um sich bei dem Mann erkenntlich zu zeigen, der hinter Roldugin steht. Und dass dieser Mann Wladimir Putin heißt. Obwohl dessen Name in den Papieren nicht auftaucht und unklar bleibt, auf welchen Konten die Gelder letztendlich landeten.

Natürlich sei der russische Präsident das Hauptziel der Enthüllungen, sagt Kreml-Sprecher Peskow. In Russland wolle man Putins Ansehen vor den Dumawahlen im Herbst und den Präsidentschaftswahlen 2018 untergraben, in der Weltöffentlichkeit die Erfolge Russlands in Syrien durch Negativ-Schlagzeilen verdrängen.

Roldugin gilt als ehrliche Haut

„Jetzt muss der Kreml sich rechtfertigen“, sagt der Politologe Juri Korgonjuk unserer Redaktion. „Er ist wieder auf ein Themenfeld geraten, wo ihm auch das patriotische Publikum nicht traut, das Feld der Korruption. Alle wissen doch, dass die oben stehlen wie die Raben.“ Der Oppositionsabgeordnete Dmitri Gudkow aber bloggt, nun habe der Westen die Offshore-Schätze der russische Kleptokratie gefunden, ihr drohe in Zukunft Kontensperrungen und Haftbefehle. „Deshalb auch die Panik im Kreml.“

Und der Strohmann? Sergei Roldugin gilt als passionierter Musiker, als ehrliche Haut und als ausgesprochen bescheiden für jemand, der mit Putin auf Du steht. Laut „Panama Papers“ übersteigt sein Besitz keine zehn Millionen Dollar. Und ein Insider sagte der „Nowaja Gaseta“, Putin vertraue ihm, andere alte Freunde aus Petersburger Zeiten, die der Staatschef für seine Geschäfte einsetzte, hätten sich als zu geldgierig erwiesen. „In unserem Kreis wird Roldugin Fürst Myschkin genannt“. Wie der naive Titelheld des Dostojewski Romans „Der Idiot“.