Beerdigung

Emotionaler Abschied bei Trauerfeier für Guido Westerwelle

Seine Wegbegleiter nehmen Abschied: Im Trauergottesdienst in Köln ging es mehr um den Menschen als um den Politiker Guido Westerwelle.

Blumenkränze schmücken das Grab nach der Beisetzung des ehemaligen Außenministers Guido Westerwelle.

Blumenkränze schmücken das Grab nach der Beisetzung des ehemaligen Außenministers Guido Westerwelle.

Foto: Henning Kaiser / dpa

Köln.  Es ging viel um Freiheit in diesem Gottesdienst, auch die Musik sang vor allem davon. Noch mehr aber war die Trauerfeier am Samstagmorgen in Köln ein sehr persönlicher, emotionaler Abschied von dem Menschen Guido Westerwelle. Vom Partner, Bruder, Sohn und Freund. Und von „meinem Vertrauten“, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte.

„Vergesst mir das Lachen nicht“, steht über dem Programm der ökumenischen Feier, ein Vermächtnis des früheren Außenministers und FDP-Vorsitzenden, der vor zwei Wochen mit nur 54 Jahren an den Folgen seiner Leukämie-Erkrankung gestorben war. Nur fällt das den rund 1000 Trauergästen in der Kirche St. Aposteln schwer. Viele, vor allem junge Menschen, weinen bitterlich, gestandenen Politikern rinnen die Tränen über die Wangen. „Jeder trauert anders um ihn“, sagt der katholische Prälat Karl Jüsten in seiner Predigt über den Protestanten Westerwelle, „aber wir werden ihn alle vermissen.“

Den Menschen hinter dem Politiker entdeckt

Vielleicht auch deshalb steht der Mensch heute mehr im Mittelpunkt als der Staatsmann, weil er, wie der Pfarrer sagt, „als Schwerstkranker vielen im Land sehr nahe gekommen“ sei. „So mancher hat sein Bild von Westerwelle erneuert.“ Deutschland, wird die Kanzlerin später sagen, „hat den Menschen hinter dem Politiker entdeckt“. Das habe der „sehr wohl wahrgenommen“, weiß Jüsten, „und es hat ihm gut getan“.

Für viele sei der Rheinländer eine Identifikationsfigur gewesen, so der Prälat – „und für manche genau das Gegenteil“. Für alle aber, „die Rückgrat zeigen, wenn es Kritik hagelt, die Unentschiedenheit und Wankelmütigkeit verabscheuen“, werde Westerwelle ein Vorbild bleiben. Und dennoch: Bei aller Selbstsicherheit habe er im Privatmann Westerwelle auch einen Suchenden gesehen: nach „Anerkennung, Liebe und Geborgenheit“.

Orchester und Opernchor gestalten Gottesdienst musikalisch

Guido Westerwelle hatte das wohl vor allem bei seinem Lebenspartner Michael Mronz gefunden. Mronz, der auch ins Gottesdienstheft dieses Foto drucken ließ: Guido und Michael, Wange an Wange, lachend, darunter der Satz „Die Liebe bleibt“. Mronz, der gefasst durch die Kirche geht, Gäste umarmt und tröstet. Und Mronz, der diesen Tag in Guidos Sinne gestaltet. Mit klassischem Orchester und Opernchor – und der Musik, die er liebte: So ziehen Bundespräsident Joachim Gauck, Kanzlerin Angela Merkel, Bundestagspräsident Norbert Lammert, NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft zur Ouvertüre von Verdis „La Traviata“ in die Kirche ein.

Und zu Puccinis „Nessun dorma“ heißt es: „Die Arie, die Guido und Michael vereint“. Es solle „noch einmal ein schöner Tag für ihn werden“, sagt ein Vertrauter. Die Basilika ist mit weißen Blumen geschmückt, links neben dem Sarg aus edlem Holz liegen die Kränze der Politik, rechts die der Familie.

Viele Parteifreunde nehmen Abschied von Westerwelle

Viele sind gekommen, die an Westerwelles öffentlichem Leben teilgenommen haben: Alt-Bundespräsident Horst Köhler, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, CDU-Innenminister Thomas de Maizière, führende Köpfe aus allen Parteien; sogar Gregor Gysi von den Linken ist da. Dazu Parteifreunde wie der derzeitige FDP-Vorsitzende Christian Lindner, der frühere NRW-Innenminister Ingo Wolf, Rainer Brüderle und Ex-Gesundheitsminister Daniel Bahr, der nur noch einen Stehplatz bekommt.

Klaus Kinkel, einer der Vorgänger als Außenminister, kommt allein, mit einem Stapel Zeitungen unter dem Arm. Darin geht es an diesem Tag um einen anderen FDP-Granden: Hans-Dietrich Genscher, der am Vortag der Beerdigung verstorben ist. Man habe gehofft, ihn hier zu sehen, sagt Prälat Martin Dutzmann vom Rat der Evangelischen Kirche, der den Gottesdienst leitet. „Wir denken an seine Familie.“ Allein, Genscher wäre nicht gekommen zum Abschied von Westerwelle, der ihn als Ratgeber sehr verehrte: Aus gesundheitlichen Gründen hatte er bereits abgesagt.

Veronica Ferres übernimmt die Lesung

Viele sind aber auch da, die Guido Westerwelle privat verbunden waren. Schauspielerin Marie-Luise Marjan, Kabarettist Eckart von Hirschhausen, aber auch Komiker Oliver Pocher, in rotbesohlten Turnschuhen. Die Lesung übernimmt Schauspielerin Veronica Ferres, eine Fürbitte Nachrichtenfrau Sabine Christiansen.

Für den emotionalsten Moment aber sorgt Vicky Leandros: Die Sängerin, Freundin der Familie, hat für einen ihrer größten Hits einen neuen Text geschrieben. Statt „Ich liebe das Leben“ heißt es nun: „Wir wissen, du liebst das Leben. Und weinen heute sehr um dich.“ Die Künstlerin ist hörbar betroffen, aus dem Kirchenschiff ist lautes Schluchzen zu hören. „Du hast gekämpft und niemals aufgegeben …“

Kanzlerin Merkel hält bewegende Ansprache

Sie habe nicht glauben können und wollen, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Ansprache, „die ich niemals halten wollte“, dass es Guido Westerwelle nicht vergönnt sein sollte, „sein zweites Leben nach der Politik gebührend auszukosten“. Sein Tod sei „schwer zu akzeptieren und schon gar nicht zu fassen“. Auch Merkel verzichtet weitgehend darauf, politische Verdienste zu würdigen, findet warme Worte für ihren ehemaligen Vizekanzler. Sie erinnert daran, wie sie gemeinsam lachten, wie er es „schaffte, mich zur Weißglut zu bringen“, wie sie auch nach dem Ende seiner politischen Karriere „aneinander dachten“. Und wie Guido Westerwelle und Michael Mronz zur Feier ihres 50. Geburtstages zum ersten Mal als Paar auftraten.

„Ich persönlich werde dich als Menschen und Vertrauten vermissen.“ Als einen der besten Redner, als leidenschaftlichen Liberalen, als überzeugten Europäer. „Du warst streitbar, empfindsam, nachdenklich, verlässlich, treu“, sagt Angela Merkel über Westerwelle. „Du wirst sehr fehlen.“

Zum Auszug, bevor Guido Westerwelle auf dem Melaten-Friedhof bestattet wird, spielen die Musiker Verdis Gefangenenchor aus „Nabucco“. „Flieg Gedanke“, heißt das Lied eigentlich, das Programm erklärt: „Es gibt vermutlich keine bekanntere Oper zum Thema Freiheit.“