Die Situation an der griechisch-mazedonischen Grenze wird immer dramatischer. Die Regierung in Athen rechnete am Dienstag mit Zehntausenden Flüchtlingen, die in dem Land festsitzen. Am Montag hatten Hunderte verzweifelte Migranten versucht, den mazedonischen Sperrzaun zu stürmen und in das Nachbarland durchzubrechen. Die mazedonischen Grenzpolizisten hatten daraufhin massiv Tränengas eingesetzt. Das Land lässt kaum noch Flüchtlinge durchziehen.
Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras kritisierte die Grenzblockade des Nachbarn scharf. „Diese Alleingänge sind inakzeptabel. Die Flüchtlingskrise kann nicht ein Land allein bewältigen“, sagte er in einem Interview des ZDF-Magazins „Frontal 21“. Tsipras: „Wenn wir es nicht schaffen, eine gemeinsame Lösung zu finden, dann wird das nicht nur ein Problem für Griechenland, es wird unsere gemeinsame Zukunft in Europa gefährden.“
Athen braucht 8200 Polizisten und Mitarbeiter
Die Athener Regierung rechnet damit, dass wegen der Grenzschließung in den kommenden Tagen mehr als 100.000 Migranten in Griechenland festsitzen könnten. Aus diesem Grund habe die Regierung ein EU-Hilfspaket in Höhe von 470 Millionen Euro beantragt, berichtete der griechische Fernsehsender ANT1 am Dienstag.
Der Plan sehe vor, dass etwa 50.000 Menschen in Aufnahmelagern und weitere 50.000 in einfachen Hotels untergebracht werden sollen. Es würden insgesamt 8200 Polizisten und zivile Mitarbeiter benötigt, um die Flüchtlinge zu registrieren und für Verpflegung, Gesundheit und Sicherheit zu sorgen, hieß es.
UNHCR warnt vor humanitärer Krise
Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) sind in diesem Jahr bis zum 28. Februar bereits 120.565 Migranten aus der Türkei nach Griechenland gekommen. In der griechischen Hafenstadt Piräus kamen am Dienstag an Bord einer Fähre wieder gut 1000 Migranten an. Sie hatten nach Angaben der Küstenwache in den vergangenen Tagen aus der Türkei übergesetzt.
Das UNHCR warnte eindringlich vor einer von der EU großteils selbstverschuldeten humanitären Krise in Europa. Immer mehr Männer, Frauen und Kinder säßen in Griechenland fest, das bereits jetzt mit der Situation zu kämpfen habe.
Unterdessen kündigte Tsipras an, er werde auf einer gleichmäßigen Verteilung von Flüchtlingen in allen Staaten der Europäischen Union bestehen. Andernfalls wolle er die Beschlüsse des EU-Türkei-Gipfels am kommenden Montag in Brüssel blockieren.
Angela Merkel will Politik des Durchwinkens beenden
Die Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl forderte am Dienstag die EU-Staaten zu sofortiger Hilfe auf. Die Evakuierung von Schutzsuchenden in Griechenland müsse sofort eingeleitet werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel lehnte eine schnelle Übernahme von Flüchtlingen aus Griechenland ab. Die Krise müsse direkt dort gelöst und die Politik des Durchwinkens beendet werden. „Es gibt Übernachtungsmöglichkeiten und Aufenthaltsmöglichkeiten auch in Griechenland. Die müssten auch von den Flüchtlingen genutzt werden“, sagte Merkel. Es gebe „eben nicht ein Recht, dass ein Flüchtling sagen kann, ich will in einem bestimmten Land der Europäischen Union Asyl bekommen“.
Die Europäische Kommission rief Mazedonien dazu auf, internationales Recht einzuhalten. „Die Kommission ist äußerst besorgt angesichts der Bilder, die wir gestern gesehen haben“, sagte Chefsprecher Margaritis Schinas am Dienstag in Brüssel. „Diese Bilder zeigen erneut, dass die einzige Lösung eine gemeinsame europäische Lösung ist.“ An diesem Mittwoch soll ein finanzielles Hilfskonzept für Griechenland vorgestellt werden.
Mazedonien verteidigt Grenzschließung

Der mazedonische Außenminister Nikola Poposki verteidigte die einseitige Grenzschließung. „Wir bauen einen 20 Kilometer langen Grenzzaun zu Griechenland, um die Flut von illegalen Migranten zu stoppen. Es handelt sich dabei überwiegend um Wirtschaftsmigranten und nicht um Kriegsflüchtlinge“, sagte Poposki.
Als Hintergrund des zunehmend härter werdenden Grenzregimes in Mazedonien gelten ähnliche nationalstaatliche Maßnahmen in anderen Ländern an der sogenannten Balkanroute. So lassen auch Serbien oder Österreich nur noch eine bestimmte Zahl an Flüchtlingen pro Tag ein- oder durchreisen. (dpa/epd)


