Der deutschen Wirtschaft geht es prächtig. Doch bei armen Menschen kommt die gute Konjunktur offenbar kaum an. Wie aus einem Bericht des Paritätischen Gesamtverbands hervorgeht, lag die Armutsquote 2014 bei 15,4 Prozent, nur 0,1 Prozentpunkte weniger als 2013. Zumindest sieht Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, damit den Trend seit 2006 gebrochen. Doch Entwarnung könne man nicht geben. Ob es sich um eine Trendwende handele, müsse sich erst noch zeigen. Besonders betroffen sind Rentner.
Insgesamt gelten rund 12,5 Millionen Menschen bundesweit als arm. Das bedeutet, ihnen stehen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung. In Deutschland liegt diese Schwelle für Alleinstehende bei 917 Euro im Monat, für einen alleinerziehenden Elternteil mit einem Kind bis 14 Jahre bei 1192 Euro und bei einem Paar mit zwei Kindern bei ungefähr 2000 Euro.
Erfolge im Kampf gegen Armut verzeichnet Berlin. Nachdem die Armutsquote seit 2006 von 17,0 Prozent auf 21,4 Prozent in 2013 gestiegen war, ist sie 2014 um 1,4 Prozentpunkte gesunken. Beim Städtevergleich liegt Berlin in Nachbarschaft zu Dresden (19,4), Hannover (19,6) und Nürnberg (20,8). Trotz der Erfolge ist die Armutsquote in Berlin eine der höchsten der 16 Bundesländer. Die Hauptstadt liegt hinter Bremen (24,1), Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt (beide je 21,3) auf Rang vier.
Berlin ist zudem die Hauptstadt der Hartz-IV-Bezieher. Mit einer Quote von 20,2 Prozent rangierte Berlin an erster Stelle vor Bremen (18,1) und Sachsen-Anhalt (16,4). Die geringste Quote hat Bayern mit 4,2 Prozent. Der Bundesschnitt beträgt 9,5 Prozent. Drastisch auch die Unterschiede bei Kinderarmut: Sie reicht von 7,2 Prozent in Bayern bis zu 33,2 Prozent in Berlin. Damit lebte jedes dritte Kind unter 15 Jahren in der Hauptstadt von Hartz IV.
Überraschend ist die Entwicklung in Bayern. Dort stieg die Armutsquote gegen den Trend von 11,3 auf 11,5 Prozent an. Auch in Nordrhein-Westfalen steigt der Anteil der Armen seit 2006, zuletzt von 17,1 auf 17,5 Prozent. Im Ruhrgebiet zählt bereits jeder fünfte Einwohner zu den Armen.
Wenig überraschend ist, wer besonders von Armut bedroht ist. Mehr als 50 Prozent sind arbeitslos, rund 40 Prozent kümmern sich allein um ein Kind. Kinderreiche Familien, Migranten und schlecht qualifizierte Menschen gehören ebenso zu den armen Menschen in Deutschland. Alarmiert zeigen sich die Experten noch bei einer anderen Risikogruppe. Erstmals liegt die Quote der von Armut betroffenen Rentner mit 15,6 Prozent über dem Durchschnitt. „Das sind die Vorboten einer Lawine der Altersarmut“, sagt Schneider.

