Berlin/GütersloH –

Immer mehr Schüler haben Nachhilfe trotz guter Noten

Neue Bertelsmann-Studie: Jeder Siebte bekommt Förderung. In Deutschland geben Eltern fast 900 Millionen Euro dafür aus

Berlin/GütersloH. Eine Zwei in Mathe und trotzdem Nachhilfe? Es klingt absurd, ist aber Alltag in vielen Familien: Immer mehr Schüler bekommen Extraunterricht - und das trotz guter Leistungen. Das ist ein Ergebnis einer Studie der Bertelsmann-Stiftung. „Für viele Eltern ist Nachhilfe heute nicht mehr Gefahrenabwehr, sondern Chancenverbesserung“, sagt der Autor der Studie, Klaus Klemm. Der Grund für diese Entwicklung: Noten werden zunehmend wichtiger – beim Schulwechsel nach der Grundschule oder bei Bewerbungen um Lehrstellen und Studienplätze.

Am Freitag gibt es in Berlin Halbjahreszeugnisse und damit Gesprächsstoff in vielen Familien: Läuft alles rund oder braucht das Kind Nachhilfe? Laut Bertelsmann-Studie bekommt jeder siebte Schüler (14 Prozent) in Deutschland Nachhilfestunden. Pro Monat geben Eltern im Schnitt 87 Euro für die Förderung aus, insgesamt fast 900 Millionen pro Jahr. Die meisten Schüler bekommen Nachhilfe in Mathe, gefolgt von Fremdsprachen und Deutsch.

Kinder mit einem Zeugnisschnitt von 2,5 bekommen Förderstunden

Doch nicht jeder Nachhilfeschüler hat schlechte Noten: Fast 40 Prozent aller Kinder und Jugendlichen, die Nachhilfe in Deutsch bekommen, haben Schulnoten zwischen „sehr gut“ und „befriedigend“, in Mathe und den Fremdsprachen sind es immerhin mehr als 30 Prozent, in anderen Fächern sogar über 75 Prozent. „Den Eltern geht es nicht nur um die Fünf in Mathe. Viele buchen auch bei guten Noten Nachhilfe für ihr Kind – zum Beispiel, um den Übergang aufs Gymnasium zu schaffen oder um die Abschlussnoten zu verbessern“, sagt Dirk Zorn, Bildungsexperte der Bertelsmann-Stiftung.

Dabei geht es den Eltern oft um Kommastellen: „Kinder mit einem Zeugnisschnitt von 2,5 bekommen Nachhilfe, damit sie 2,3 schaffen“, bestätigt Klemm, Bildungsforscher an der Uni Duisburg-Essen. „Aus Sicht der Eltern ist das vernünftig. Doch insgesamt ist es hochproblematisch: Ein Schulsystem, das Kinder wegen einer Nachkommastelle zum Pauken verpflichtet, geht in die falsche Richtung.“

Viele Eltern schlüpfen selbst in die Rolle des Nachhilfelehrers

Zumal der Nutzen der privaten Förderung umstritten ist. „Es ist unklar, ob Nachhilfe wirklich hilft; die Befunde hierzu sind widersprüchlich“, sagt Bildungsexperte Zorn. „Eine neuere Studie aus 2014 zum Beispiel konnte keine gesteigerte Kompetenzentwicklung unter Grundschülern durch bezahlte Nachhilfe nachweisen.“

In Japan und Korea, aber auch in vielen anderen europäischen Ländern liegen die Nachhilfequoten noch weit höher. „Im internationalen Vergleich wirken die deutschen Eltern in puncto Nachhilfe recht entspannt“, sagt Zorn. Doch die Zahlen zeigen nicht das ganze Bild. Viele deutsche Eltern verzichten auf fremde Hilfe und schlüpfen selbst in die Rolle des Nachhilfelehrers: „Was die meisten Erhebungen nicht widerspiegeln, auch unsere aktuelle Studie nicht, ist das Ausmaß der elterlichen Unterstützung ihrer Kinder beim Lernen.“ Neben kostspieliger Nachhilfe sei das ein weiteres Einfallstor für Chancenungleichheit: „Wer keine Hilfe von den Eltern hat, hat es schwerer.“ Auch deshalb sei es wichtig, die Ganztagsschulen auszubauen und allen Kinder Zugang zu guten Lernangeboten zu geben.

Bereits jetzt zahlen nur zwei Drittel der Eltern für die Nachhilfe ihrer Kinder. Jeder Dritte nutzt kostenlose Angebote an der Schule. Die Studie zeigt, dass die private Finanzierung von Nachhilfeangeboten durch Eltern dabei auch von der Organisationsform der Schule abhängt, die ihre Kinder besuchen. So erhalten Schüler an Halbtagsschulen laut Elternangaben in 20 Prozent aller Fälle kostenfreie Angebote. An offenen Ganztagsschulen sind es 25 Prozent; an gebundenen Ganztagsschulen, wo feste Betreuungszeiten außerhalb des Unterrichts geregelt sind, profitiert sogar mehr als ein Drittel (34 Prozent) von kostenlosen Nachhilfeangeboten.

Der Ausbau von Ganztagsschulen müsse weiter vorangetrieben werden, fordert daher auch Bertelsmann-Vorstand Jörg Dräger. „Bildungschancen dürfen nicht von privat finanzierter Nachhilfe abhängen. Ganztagsschulen bieten einen guten Rahmen für zusätzliche und individuelle Förderung.“

Für die Studie wurden Anfang des vergangenen Jahres bundesweit mehr als 4000 Eltern schulpflichtiger Kinder im Alter von sechs bis 16 Jahren befragt. Fünf Prozent aller Schüler an Grundschulen und 18 Prozent aller Kinder an weiterführenden Schulen erhielten Nachhilfeunterricht. In den meisten Fällen haben die Nachhilfeschüler bis zu drei Stunden pro Woche – jeder Zehnte muss vier oder sogar noch mehr Stunden büffeln.

Und auch das ergab die Umfrage: In den neuen Bundesländern wird Nachhilfe heute häufiger in Anspruch genommen als in den alten. Eltern mit höherem Einkommen organisieren etwas häufiger Nachhilfe für ihre Kinder als Sozialschwache, und Schüler mit einem Migrationshintergrund nehmen etwas seltener Extrastunden als ihre deutschen Altersgenossen.