Kriminalität

Das ist heute noch von der Rote Armee Fraktion übrig

| Lesedauer: 6 Minuten
Christian Unger
Burkhard Garweg, Ernst-Volker Wilhelm Staub und Daniela Klette (von links) werden zur dritten RAF-Generation gerechnet. Sie werden nach einem Raubüberfall in Niedersachsen gesucht. Ihre genetischen Fingerabdrücke waren nach einem Überfall auf einen Geldtransporter am 6. Juni in Diepholz gesichert worden.

Burkhard Garweg, Ernst-Volker Wilhelm Staub und Daniela Klette (von links) werden zur dritten RAF-Generation gerechnet. Sie werden nach einem Raubüberfall in Niedersachsen gesucht. Ihre genetischen Fingerabdrücke waren nach einem Überfall auf einen Geldtransporter am 6. Juni in Diepholz gesichert worden.

Foto: Bka / dpa

Nach Überfällen in Niedersachsen führt die Spur zur RAF. Wie gefährlich sind die untergetauchten Mitglieder der Terrorgruppe noch?

Berlin.  Die Täter sind maskiert, tragen Tarnanzüge, sind schwer bewaffnet – mit Schnellfeuerwaffen und einer Panzerfaust. Mit einem VW-Kleinbus schneiden sie dem Geldtransporter auf dem Parkplatz des Supermarktes in dem niedersächsischen Ort Stuhr den Weg ab. Dann fallen die Schüsse. Doch die Kugeln bleiben im Reifen, im Blech der Tür und in der Scheibe des gepanzerten Geldtransporters stecken. Nur Splitter dringen durch. Der Überfall scheitert, die drei Täter springen in einen silbernen Ford Focus und fliehen – ohne die Beute von einer Million Euro. Alles geht sehr schnell an diesem 6. Juni 2015 auf dem Parkplatz eines Supermarktes nahe Bremen. Das geht aus Aussagen der Staatsanwälte, Aufnahmen von Überwachungskameras und Zeugenaussagen hervor.

Die Täter sind bis heute nicht gefasst. Dennoch haben die Ermittler nun eine neue Spur. Und die führt zurück in eines der blutigsten Kapitel der Geschichte der Bundesrepublik: zur Rote Armee Fraktion, der RAF. Allein 34 Morde gehen auf das Konto der Terrorgruppe. Die Beamten konnten in den vergangenen Monaten Spuren am Tatort sichern – die DNA ist den Ermittlern bekannt. Sie stammt von den RAF-Mitgliedern Daniela Klette, Ernst-Volker Wilhelm Staub und Burkhard Garweg. Die drei sind bis heute abgetaucht und jahrelang von den Sicherheitsbehörden unentdeckt geblieben.

Was wissen wir über die Täter?

Niemand weiß, wie Klette, Staub und Garweg heute aussehen – sie sind inzwischen 57, 61 und 47 Jahre alt. Nun führt eine DNA-Spur vom Tatort am Supermarkt zu dem Trio. Die Beamten verglichen die Spuren mit denen eines Überfalls 1999 in Duisburg. Auch damals griffen die Täter mit schweren Waffen an, erbeuteten eine Million Mark. Jetzt scheint klar, das Trio begeht weiter Raubzüge. Die Staatsanwaltschaft Verden geht davon aus, dass die drei Täter auch für einen Überfall auf einen Geldtransporter im vergangenen Dezember in Wolfsburg verantwortlich sind.

Wer war die „dritte Generation“?

Seit Anfang der 90er-Jahre ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft gegen die drei Terroristen. Sie sollen Mitglieder der sogenannten dritten Generation der RAF sein. Im März 1993 verübten sie gemeinsam mit weiteren Mitgliedern, darunter Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams, als Kommando Katharina Hammerschmidt einen Sprengstoffanschlag auf die Justizvollzugsanstalt Weiterstadt in Hessen. Fünf Bomben gingen hoch, 200 Kilo Sprengstoff. Niemand wurde verletzt. Die Täter nahmen die Beamten zuvor als Geiseln, brachten sie in Sicherheit.

Die dritte RAF-Generation hatte sich im Jahr 1984 im Untergrund formiert und agierte in kleineren „Kommandogruppen“. Doch von ihren 22 bekannten Taten bis 1993 konnte die Justiz nur zwei aufklären: Den Mord und den Mordversuch von Grams in Bad Kleinen. Klette soll zudem bei zwei weiteren Anschlägen dabei gewesen sein: 1990 auf die Deutsche Bank in Eschborn und 1991 bei einem Angriff auf die US-amerikanische Botschaft in Bad Godesberg. Seit 1975 war Klette in linksextremistischen Gruppen aktiv. Sie ging 1989 in den Untergrund, wenige Tage nach dem Attentat auf den Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen. Staub wurde 1957 in Hamburg geboren. Er studierte dort an der Universität Jura, brach das Studium aber 1982 ab. In dieser Zeit soll er sich der RAF angeschlossen haben. Auch der gesuchte Garweg ist in Hamburg aufgewachsen, zeitweilig lebte er in den besetzten Häusern der Hafenstraße. Dort soll er Staub und Klette kennengelernt haben. Insgesamt fünf Morde an Diplomaten und Wirtschafts-Chefs gehen auf das Konto unbekannter Täter aus dieser dritten RAF-Generation.

Entsteht ein neuer RAF-Terror?

Verfassungsschützer und Staatsanwaltschaften sehen auf Nachfrage unserer Redaktion derzeit nicht die Gefahr von Terroranschlägen durch das Trio oder andere frühere RAF-Mitglieder. Viele von damals haben sich von den Taten distanziert. Bei den Überfällen geht es den drei Tätern laut Experten jetzt darum, ihr Leben im Untergrund zu sichern – eine Art Altersvorsorge –, und nicht um die Vorbereitung eines Anschlags. Deshalb ermittelt zu den Überfällen die Staatsanwaltschaft Verden, nicht der Generalbundesanwalt. Die Ermittler werfen den drei Tätern versuchten Mord und versuchten Raub vor. Auch der Terrorexperte Butz Peters geht nicht von einer „vierten Generation“ der RAF aus. Der Sicherheitsberater Wolfgang Petri warnt dagegen: „Es geht nicht nur um die reine Geldversorgung. Die alte Idee lebt fort.“

Was ist von der RAF noch übrig?

Mehr als zwei Jahrzehnte lang war die RAF der Inbegriff von Terror und Mord. 1998 erklärte sie sich für aufgelöst. Noch immer sind mehrere Morde der RAF nicht aufgeklärt. Dennoch laufen Fahndungen der Behörden weiter, da Mord als Straftat nicht verjährt. Doch gehen kaum neue Hinweise ein, Verfahren liegen auf Eis. Einige der Terroristen hatten sich abgesetzt, etwa in die DDR. Heute leben manche nach Ende ihrer Haft und unter neuer Identität in Freiheit. Öffentlich fahndet das BKA nur noch nach Klette, Staub und Garweg. Laut Sicherheitsbehörden spielt die RAF für die Linksextreme heute so gut wie keine Rolle mehr. Und doch: Im November 2015 meldete sich eine anonyme Gruppe in Thüringen per Brief und kündigte 40 Morde an Richtern, Polizisten und Politikern an. Sie nennt sich „RAF 4.0“. In Thüringen erhöhten Behörden an Gebäuden die Sicherheitsvorkehrungen, Ermittlungen laufen. Doch schätzt man intern die Bedrohung nach Informationen unserer Redaktion als wenig konkret ein.

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