Obwohl Berlin sich zurzeit eher in einer weißen Pracht vorstellt, steht Grün diese Tage hoch im Kurs, vor allem unter dem Funkturm. „La semaine verte“, die Grüne Woche, die größte Messe dieser Art weltweit bietet alles von hübschen Kühen bis zu erlesenen Weinen.
Wer nicht tagtäglich in der Berliner gastronomischen Ali-Baba-Höhle, pardon, der Gourmetabteilung des KadeWe, einkauft, hatte vor allem in früheren Jahren auf der Grünen Woche die Möglichkeit, der hiesigen kulinarischen Ödnis zu entfliehen, und konnte einige Tage lang die Welt im wahrsten Sinne des Wortes auf einem Präsentierteller genießen.
Die Zeiten, in denen die Grüne Woche einmal im Jahr eine Oase unerreichbarer gastronomischer Schätze bedeutete, haben sich aber zum Glück verändert. Und der Exil-Franzose, wie einige andere auch, kann mittlerweile in dieser Stadt kulinarisch durchaus auf seine Kosten kommen. Berlin bietet mittlerweile die ausgefallensten Angebote, von den schicken Nobeltempeln bis zu exotischen Imbissbuden. Wer lieber selber zu Hause kochen möchte, findet leichter als früher Spezialitätenläden, wo der Kühlschrank mit Waren der anderen Art gefüllt werden kann. Vorbei die Zeiten, als ich noch mit dem Auto nach Frankreich fuhr und auf der Rückreise essbaren und flüssigen Proviant mitnahm.
Nichtsdestotrotz halten sich hartnäckige Klischees. Für den Durchschnittsfranzosen, der zugegeben von Deutschland keine Ahnung hat und gastronomisch sehr gallisch fixiert ist, gleicht das Nachbarland einer gastronomischen Wüste, wo wuchtige Teutonen Berge von fetten Würsten mit Sauerkraut fressen. Zwar will ich und kann ich solche Zustände nicht gänzlich ausschließen. Die Berliner Veganer haben die Republik noch nicht gänzlich erobert und überzeugt. Aber „bei Teutates“, wie man bei Asterix lesen kann, finden tektonische Veränderungen statt.
Der gastronomische Himmel ist noch nicht auf den Kopf der Gallier gefallen. Aber Horden von germanischen Köchen machen immer mehr von sich reden. Im letzten Jahr wurde ein neuer Rekord gebrochen, und 290 deutsche Restaurants wurden mit einem „Michelin“-Stern ausgezeichnet.
Hinter Frankreich rangiert Deutschland, auch auf diesem Gebiet mit mehr Selbstbewusstsein, auf dem zweiten Platz. Könnte irgendwann das „Michelin“-Männchen alias Bibendum nicht mehr weiß, sondern schwarz-rot-gold aussehen? Dann würden die zahlreichen Bücher über den Untergang Frankreichs in meiner Heimat neue Verkaufsrekorde erzielen.
Eine ähnliche Entwicklung lässt sich bei Getränken feststellen. Zugegeben, beim Bier konnten wir nie mithalten. Wenn wir in Frankreich davon trinken, dann kommt es aus dem Ausland oder aus dem Elsass, wie „1664“ oder „Kronenbourg“.
Beim Wein denke ich immer mit einem gequälten Grinsen an die freundlichen Geschenke unser Partnerfamilie aus Rheinland-Pfalz, die uns immer ein süßes Gesöff namens Weißwein überreichte. Mit Schutzhandschuhen brachten wir die Flaschen in den Keller, wo sie ein einsames Schicksal fristeten. Ich kann mich noch an das sirupähnliche Getränk erinnern, das ich Jahre später zu mir nahm, als ich eine dieser verstaubten Flaschen, erfüllt von einer tiefen Germanophilie, doch öffnete.
Mittlerweile sind Riesenfortschritte erzielt worden. Ich kann mich an ein Abendessen mit Franzosen in Berlin erinnern, bei dem meine mitgebrachte deutsche Rotweinflasche für Bewunderung sorgte. Alle schrieben sich die Angaben auf dem Etikett auf.
Stichwort Etikette. Am vorletzten Wochenende hatte ich einige Freunde zu Hause eingeladen. Ein deutscher – frankophiler – Gast zeigte mir, wie man richtig Sekt einschenkt. Klischees haben doch Grenzen!

