Die Flüchtlinge kommen schon Stunden vor der Eröffnung des Amtes – und warten vergeblich. Eine Nacht in Berlins Chaos-Behörde

„Zack, zack, beweg’ dich!“

Berlin.  „Welcome to Berlin“ steht auf den Bussen, die spät abends an der Turmstraße ankommen. Das klingt ironisch, hier vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso). Denn die Bilder sind, wie sie sind: wartende Menschen, die aus Syrien, Afghanistan und Albanien geflüchtet sind.

In den weißen Zelten vorne an der Straße sitzen die Neuankömmlinge. Busse sollen kommen, die sie in eine Notunterkunft bringen. An diesem Tag wurden sie erstmals registriert: Name, mitreisende Familienangehörige, Nummer – alles wird in eine Excel-Tabelle getippt. Dann das nummerierte weiße Bändchen ums Handgelenk. Fertig. „Ich fühle mich wie ein Schaf, dem eine Ohrmarke befestigt wird“, sagt der 29-jährige Melih aus Syrien. Doch es ist der erste Schritt in Sachen Chaosbewältigung.

Nur wenige Minuten dauert dieser Vorgang, der zwischen 6 und 14 Uhr unter der Woche stattfindet. Trotzdem kommen auch hier nicht immer alle dran. Ein junger Mann aus Afghanistan hält einem Securitymann seinen Arm hin. Er hat sich ein weißes Papier zurecht geschnitten und um den Arm geklebt. Die Bändchen sind die Eintrittskarte für die weitere Registrierung in Wilmersdorf, der nächste von vielen Schritten im Berliner Flüchtlingsprozedere. Der Versuch des Mannes geht daneben. Er muss draußen bleiben.

Seit 14 Uhr passiert hier bei der Registrierung schon nichts mehr. Trotzdem scheint es nicht möglich, die Menschen bereits am Mittag in Unterkünfte zu fahren. Häufig weiß morgens noch niemand, wohin es am Abend für die Flüchtlinge überhaupt gehen wird. Es heißt, Berlin fehlten Kapazitäten, Berlin fehle Personal, vor allem aber fehle ein echtes Konzept. Deshalb müssen sie warten. Warten – es sollte zum Wort des Jahres gewählt werden.

An diesem Dienstag heißt es, würden die Busse gegen 18.30 Uhr kommen. Dann 19 Uhr, 20 Uhr, 20.30 Uhr, 21.30 Uhr. Um 21.40 Uhr kommt dann der erste. So eine Verzögerung liege an dem jeweiligen Betreiber, sagt einer der Koordinatoren vor Ort. Er und Kollegen bauen einen Korridor mit Absperrzäunen, um die Menschen zu ordnen. Erst die Familien, Frauen, alte Menschen und die mit Handicaps. Später alleinreisende Männer.

In einer Turnhalle in Hohenschönhausen stehen dicht an dicht Hochbetten für sie bereit. Insgesamt 300 Flüchtlinge finden dort Platz, in dieser Nacht sind es nur knapp 250 Menschen, die mitfahren. Wohin? Wie lange? Und was passiert eigentlich danach? Viele Fragen. Aber die sind mittlerweile auch egal. Hauptsache raus aus dem Zelt.

Mütter mit ihren Kindern hechten Richtung Bus. Man sieht ihnen die Erschöpfung an. Gleichzeitig scheinen sie sich fast zu freuen, dass es endlich losgeht. Zwischendurch müssen die drängelnden Menschen im Zelt zurückgehalten werden. Viele stolpern heraus. Von hinten wird gedrückt. Jeder will mitkommen – aber niemand weiß, ob das klappen wird.

„Berlin hat Platz, aber keine Ahnung von Organisation“

Einer der Securitymänner sagt Sachen wie „Zack, zack“ oder „Beweg’ dich!“ „Je lauter ich spreche, umso mehr verstehen sie die Sprache, die sie nicht sprechen“, scheint er zu denken. Aber es gibt auch die anderen, die Freundlichen. Sie bezeichnen sich selbst als Babysitter und Auskunft. Einer von ihnen sagt: „Berlin hat Platz und Nahrung, aber keine Ahnung von Organisation.“ Die Obrigkeiten hätten versagt.

Die Zelte sind nun leer, der eine Teil auf der Turmstraße aber bleibt voll mit denen, die am nächsten Tag einen Termin haben und sich schon jetzt anstellen. Die schon registriert sind und trotzdem immer wieder zurück müssen zu diesem Lageso, dessen Name viele nur noch mit Verachtung aussprechen. Weil sie neues Geld brauchen oder einen Krankenschein. Weil der Betreiber ihrer Unterkunft es ihnen gesagt hat, dass die Kostengenehmigung für ihre Unterkunft ausgelaufen ist. Weil die Berliner Bürokratie es eben so will.

Deshalb will jeder der erste in Haus A sein. Nur wenige gehen zum Aufwärmen in die Turnhalle gegenüber. Lieber spielen sie Karten auf dem kalten Bürgersteig. Vielleicht vergessen sie ja irgendwann ihre unterkühlten Körper. Den Platz in der Schlange zu verlieren, wäre schlimmer, als bei vier Grad Celsius stundenlang auszuharren.

Es hat sich herumgesprochen, dass Berlin ein Organisationsproblem mit Flüchtlingen, also ihnen, hat. „Ich war schon vor ein paar Jahren mal hier, mag die Stadt, aber jetzt ärgere ich mich fast ein bisschen, dass ich mich dafür entschieden habe“, sagt Nabil. Er steht seit 23 Uhr an. Wer nicht früh genug da ist, hat Pech. Der Teil hinter den Absperrzäunen bleibt oft für Tage ihr Lebensmittelpunkt.

Dementsprechend richtet man sich ein. Die ersten in der Schlange sitzen auf dem Boden, die Rücken an der Wand, die Beine bis zum Kinn, von oben bis unten vermummt, oft gucken nur die Augen heraus. So verharren rund zwei Dutzend junge Männer regungslos. Einige schlafen. Bis um 4 Uhr morgens, wenn die Schranke aufgeht, werden sie hier nicht weggehen.

Hinter ihnen bricht gegen Mitternacht der erste Tumult aus. Gedränge, Geschubse. Die üblichen Platzhirsche machen sich Luft. Ein Sicherheitsmann läuft die Reihe ab und versucht verzweifelt, so etwas wie Ordnung herzustellen. „Nur in Zweierreihen, bitte“, ruft er immer wieder und muss dann sogar lachen, weil seine Bemühungen so vergeblich sind. An manchen Stellen stehen inzwischen sechs Mann dicht an dicht. Irgendwann kehrt dann Ruhe ein.

Das Lageso steht inzwischen auf einer Stufe mit dem BER – wenn nicht sogar darunter. Ein Abbild Berliner Unfähigkeit. Manche sind der Meinung, dass das gewollt ist. „Diese Schlange soll doch suggerieren: Seht her, wir haben einen Katastrophenzustand“, sagt Sven. Der Kreuzberger und seine Freunde haben ihren alten Mercedes-Transporter am Straßenrand geparkt, aus dem Fahrzeug heraus verteilen sie Hühnersuppe. Auf einem Pappschild steht „halal“. Seit zwei Monaten kommen sie jede Nacht, geben Hunderte Portionen Essen aus, sorgen für ein bisschen gute Laune. Sie selbst verlieren sie immer mehr. „Man verspürt Wut bei dem Anblick hier“, sagt Sven. Warum läuft es überall besser als in Berlin? Auch Britta Fust kann das nicht verstehen. Die junge Frau engagiert sich in der Initiative „Wismar für alle“. Dort ist ihre Arbeit inzwischen getan, jetzt kümmert sie sich um Berlin. Im Gepäck hat sie je 200 Decken und Schlafsäcke. Es dauert nicht lange und die Sachen sind verteilt. Sie haben eine Lebensdauer von nur wenigen Stunden. Später wird das meiste in den Müll wandern. Eine Möglichkeit zur Aufbewahrung bietet das Lageso nicht. Hygienegründe.

In Wismar werden die Decken nicht mehr gebraucht, alle Flüchtlinge sind untergebracht. „Bei uns musste niemand draußen stehen, es war auch keine Security nötig“, sagt Fust. Die Initiative habe von Anfang an mit der Stadt zusammengearbeitet. Wismar, eine 40.000-Einwohner-Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, zeigt der Bundeshauptstadt, wie es geht.

Trotz Termins klettern sie lieber über die Lageso-Mauer

Die Schlange ist länger geworden. Noch eine Stunde. Einigen ist klar, dass es keinen Sinn macht, sich noch anzustellen. Egal, ob mit Termin oder ohne. Die Termine sind ohnehin nur Makulatur. Ein junger Afghane zeigt seine Zettel. Er sollte Anfang November vorsprechen. Dann eine Woche später. Dann noch mal eine. Er und seine Freunde wollen später vielleicht auf der Hinterseite über eine Mauer auf das Gelände gelangen. Sie haben das schon einmal gemacht, sie wurden erwischt, rannten weg, probierten es erneut.

Die Gruppe Afghanen meidet die Schlange auch, weil sie sich benachteiligt fühlen. Sie sprechen kein Arabisch, die Wachmänner würden Syrer bevorzugen. Immer Streit. Die Syrer hingegen sagen, dass die Afghanen grob und unhöflich seien. Und da ist Krasnici aus Kroatien, der einzige Europäer hier draußen, der auf die Menschen um sich herum deutet und sagt: „Das ist nicht meine Kultur.“ Auch das ist die Warteschlange am Lageso: ein Ort, wo Kulturen aufeinanderprallen. Es ist leicht, alle Flüchtlinge in einen Topf zu werfen. Sie als homogene Masse zu verbuchen. Es ist falsch.

Die Sicherheitsmänner bringen sich in Stellung, wirken aber irgendwie unschlüssig und warten lieber noch auf einen gewissen „Andi“, der offenbar weiß, wie es jetzt laufen soll. Nebenbei wird ein älterer Mann vorgelassen. Zwei Helferinnen berichten, dass er einen Herzfehler habe und behandelt werden musste. Sie haben um Einlass gebeten, manchmal lassen die Aufpasser da mit sich reden.

Dann ist die Absperrung frei, zuerst vereinzelt, dann in Massen strömen die Leute hindurch, manche rennen in eines der nächsten Wartezelte. Das, wo man angeblich mit einem Termin drankommt. Oder das für Kranken- und Fahrscheine. Die Zelte leuchten auf dem dunklen Gelände, von weiter weg sehen sie sogar gemütlich aus. Die nächsten Stunden heißt es hier wieder: warten. Vor sechs Uhr macht das Lageso nicht auf. Sind nicht genügend Dolmetscher da, auch erst um sieben.

Drei Flüchtlinge sind draußen geblieben. Ein Arbeiter pustet per Luftdruck den Müll von der Straße, Decken werden in Container gestopft, der erste BVG-Bus rollt vorbei. Die Stadt erwacht. Die drei Männer bleiben hier, sie warten auf den nächsten Tag. Sie sind jetzt die ersten in der Schlange.

Lesen Sie das Protokoll der Nacht auf www.morgenpost.de oder auf Twitter unter dem Hashtag #NachtamLageso

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos

Beschreibung anzeigen