Syrienkonflikt

Sie kommen, um weiter nach Europa zu ziehen

Die EU will, dass die Türkei mehr Flüchtlinge als bisher bei sich aufnimmt. Kann das gelingen? Begegnungen an der syrischen Grenze.

Ein Flüchtlingslager in der Türkei. Die meisten warten hier darauf, in andere europäische Länder ziehen zu dürfen.

Ein Flüchtlingslager in der Türkei. Die meisten warten hier darauf, in andere europäische Länder ziehen zu dürfen.

Foto: Tolga Bozoglu / dpa

Diyarbakir/Akcakale.  Als Oberhaupt einer Großfamilie hat Mohamed Scheich Abdal bisher nicht so leicht die Fassung verloren. 27 Kinder hat er, mit zwei Frauen. Zu Hause, in einem Dorf nahe der syrischen Stadt Kobane, kamen noch 700 Schafe dazu. Scheich Abdal, ein hochgewachsener Mann mit grauen, buschigen Augenbrauen und einem ebenso grauen Bart hatte sein kleines Reich. Jetzt sitzt er im Schneidersitz in einem nur mit Matratzen möblierten Zimmer in einem Vorort der türkischen Stadt Diyarbakir. An der Wand eine rosa Tapete mit Palmenmuster, an der Decke eine Energiesparbirne. Auf dem Boden steht, unverzichtbar, ein Tablett mit süßem Tee.

Scheich Mohamed erzählt, wie die Terrormilizen des „Islamischen Staats“ (IS) seinem Dorf näher kamen. Wie er ihre Schüsse hörte. Wie er seine Familie nahm und sie vor gut einem Jahr zu Fuß über die Grenze in die Türkei flüchteten. Jetzt fegen drei seiner Söhne für umgerechnet zwei Euro am Tag den Park, einer sammelt Altmetall, denn die Wohnung kostet 150 Euro im Monat. Eine der beiden Frauen und die meisten Kinder leben im Flüchtlingscamp.

Dann wird seine Stimme lauter, die Bewegungen der Hände werden heftiger. Ein Mitglied seiner Familie hat der IS getötet, ein anderes entführt. „Sie behaupten, sie seien Muslime, aber sie sind es nicht“, sagt er. „Die Araber ins­trumentalisieren den Islam für ihre Politik!“ Der Glaube an Gott sei Privatsache, niemand könne dazu gezwungen werden. Dann erhebt er sich plötzlich. Ein stolzer, alter Kurde in einem langen, weißen Gewand, er verdeckt seine Augen mit der Hand und verlässt das Zimmer. Draußen donnern die Kampfjets der türkischen Armee vorbei.

Mohamed Scheich Abdal, 67 Jahre alt, hat auf der Flucht vor Krieg und Terror die Fassung verloren. „Er weint“, flüstert der Übersetzer und weiß nicht, wohin er gerade schauen soll.

Flüchtlinge sind in der Türkei nur als „Gäste“ anerkannt

In der Millionenstadt Diyarbakir kennen sie solche Schicksale, und nicht nur dort. Das ganze Gebiet an der 900 Kilometer langen Grenze zwischen der Türkei und Syrien kann Geschichten von Flucht und Gewalt, von verlorener Würde und Hoffnung auf ein neues Leben erzählen. Mehr als zwei Millionen syrische Flüchtlinge hat die Türkei binnen vier Jahren aufgenommen. Viele sind weitergezogen, aber viele sind geblieben. Genaue Zahlen kennt niemand.

Geht es nach der Europäischen Union, sollen noch mehr Flüchtlinge in der Türkei bleiben und den Weg nach Europa gar nicht erst antreten. An diesem Sonntag verhandeln beide Seiten darüber in Brüssel.

Doch obwohl die Flüchtlinge in der Türkei in Sicherheit vor den Bomben des syrischen Machthabers Assad sind und vor den Terroristen des IS: Die Türkei ist keine neue Heimat, sie will es auch nicht sein. Die Flüchtlinge sind „Gäste“, das ist die offizielle Sprachregelung. Sie sollen nicht bleiben, obwohl die meisten längst in normalen Wohnungen leben. Viele bekommen Hilfe von ihren türkischen Nachbarn, aber die Türkei will sie bisher nicht integrieren. Das Land hat die Genfer Flüchtlingskonvention nur zum Teil unterschrieben, was heißt, dass Flüchtlinge nicht bleiben können. Es ist ein Grund, warum viele weiter nach Europa ziehen.

Hauptsache Europa

„Gast zu sein bedeutet, dass man – zumindest theoretisch – jederzeit aus dem Land geworfen werden kann“, sagt Sema Karaosmanoglu, Mitgründerin der Hilfsorganisation Support to Life (STL), die sich im Südosten der Türkei um Flüchtlinge aus Syrien kümmert und mit der deutschen Diakonie Katas­trophenhilfe kooperiert. Aber einen Weg zurück nach Syrien gibt es oft nicht. Häuser sind zerstört und geplündert, Felder nicht mehr bestellbar. „Es geht keiner zurück“, sagt Karaosmanoglu.

Hadi Salih ist einer von denen, die weiter nach Europa wollen. Wohin genau, weiß er nicht. Hauptsache Europa. „Dort herrscht Zivilisation und wir können unser Leben leben“, sagt er und dreht sein Smartphone in der Hand. 1000 Dollar koste die Reise, hat er sich sagen lassen – Geld, das er nicht hat.

Der 28-Jährige ist Jeside, das ist eine religiöse und ethnische Minderheit aus dem Nordirak. Mit seiner Familie floh er vor gut einem Jahr aus der Stadt Sindschar vor den IS-Terroristen, erst nach Syrien und dann in die Türkei. „Die Araber respektieren unsere Religion nicht“, sagt er. „Sie sprechen arabisch, wir kurdisch.“ Seine Cousine sei vom IS entführt worden, sie hätten nie mehr etwas von ihr gehört.

Vorurteile, Misstrauen und Hass

Jetzt lebt Hadi in einem Flüchtlingscamp zehn Kilometer von Diyarbakir entfernt. Es ist ein ehemaliger Freizeitpark im Nirgendwo an einer vierspurigen Schnellstraße. Die Zelte sind solide, sie stehen auf gepflastertem Untergrund, sind einigermaßen gegen Kälte und Feuchtigkeit abgedichtet. Es gibt Strom für Kühlschränke und Fernseher. Die kurdische Stadtverwaltung von Diyarbakir hat das Lager nur für Jesiden errichtet.

Der türkische Staat gebe dafür kein Geld, sagt der Lagermanager, ein Kurde. Und dann behauptet er noch: „Die türkische Regierung unterstützt den IS. Deswegen trauen die Jesiden ihr nicht.“

Was die Flüchtlinge trennt, sind jahrhundertealte Vorurteile, Misstrauen und oft auch Hass zwischen Volksgruppen und Religionen. Eine explosive Mischung, die niemand entschärft, wie die Helfer von STL berichten. So haben Flüchtlinge in der Türkei Anrecht auf medizinische Versorgung und sie sollen ihre Kinder in die Schule schicken können. Faktisch aber geht von den geschätzt 800.000 syrischen Flüchtlingskindern nur jedes Dritte in die Schule. Türkischen Sprachunterricht gibt es kaum. In Krankenhäusern werden Flüchtlinge oft abgewiesen.

Flüchtlinge als billige Arbeitskräfte

Türkische Unternehmen nutzen das neue Angebot. Sie lassen Flüchtlinge zum Teil weit unter dem türkischen Mindestlohn von umgerechnet 300 Euro pro Monat arbeiten – meistens in Textilfabriken oder auf dem Bau. Auch viele Kinder sind darunter, als Schuhputzer oder Eisverkäufer oder in Bäckereien. In etwa jeder dritten Familie soll mindestens ein Kind arbeiten. So wie der zehnjährige Abdul Hakim, der in einem Lebensmittelladen in der türkischen Stadt Akcakale hilft, direkt an der Grenze zu Syrien. Als Lohn darf er das vergammelte Gemüse mit nach Hause nehmen. Seine Mutter Gazir Berhu war im Juni in die Türkei gekommen, sie lebte im syrischen Teil des Grenzortes. Seit dem Tod ihres Mannes ist sie alleinerziehend, und als in Syrien der IS-Terror regierte, hatte sie Angst, aus dem Haus zu gehen: „Unter der Scharia darf man als Frau nicht allein sein.“

Im Sommer musste die Mutter zusammen mit Tausenden anderen tagelang in sengender Hitze am Grenzzaun warten, um in die Türkei zu gelangen. Jetzt ist es hier ruhig. Kinder spielen auf den staubigen Straßen von Akcakale, die großen Tore der Grenzanlagen, einst für den florierenden syrisch-türkischen Handel errichtet, sind dicht.

Auch am anderen Ende der großen Flüchtlingsroute, an der Grenze zu Österreich, kommen immer weniger Flüchtlinge an. Von einer Trendwende will aber noch niemand sprechen.