Politik

Ein Hagestolz konnte nicht als Hahnrei enden

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Unser Wortschatz ändert und wandeltsich im Laufe der Zeit. Zurück bleibt dann ein Wort-Friedhof

Ein Ingenieur schrieb mir, er lese mit Begeisterung in jeder Woche meine „Deutschstunde“, könne aber mit den Regeln der Grammatik wenig anfangen, denn diesen Regeln fehle das Wesentliche: nämlich die Beweisbarkeit, wie sie den Naturgesetzen innewohne. Es gibt Augenblicke, da ist man versucht zurückzuschreiben, die Menschheit habe sich bereits mit den richtigen Worten und Formen verständigt, als die Naturwissenschaftler die Erde noch für eine Scheibe hielten. Aber ich will hier keinen Krieg der Fakultäten eröffnen. Natürlich brauchen wir die Technik, und irgendwann wird die Ingenieurskunst auch so weit sein, dass sie einen Flughafen bauen kann, der sogar benutzt wird.

Schon bei den ersten Grunzlauten, die unsere Vorfahren ausstießen, mussten sie bestimmte Regeln für den Bau der Sprache einhalten, denn sie wollten schließlich verstanden werden. Bis heute ist es zum Beispiel ein entscheidender Unterschied, ob der Hund den Briefträger beißt (Subjekt) oder ob nach dem 1001. Mal der Briefträger den Hund beißt (Akkusativobjekt).

Die deutsche Sprache ist kein ohmscher Widerstand und kein Hebelgesetz, sondern ein Füllhorn an Formen und Bausteinen, die allerdings untereinander verzahnt sind in der Notwendigkeit, dass das Gesprochene auch verstanden wird. Diese Verzahnung beruht auf keinem Naturgesetz, sondern auf einer jahrhundertelangen Übung und Entwicklung. Niemand braucht die Regeln der Grammatik zu kennen, er muss sie beim Sprechen und Schreiben nur richtig anwenden.

Vor allem benötigen wir eine Anzahl von Wörtern, denen der Sprechende und der Angesprochene jeweils dieselbe Bedeutung zuordnen. Wenn ich sage „Das Haus ist schön“, dann will ich, dass meine Begleiterin auf ein bestimmtes Gebäude mit Dach, Fenstern und Türen blickt und nicht auf die Katze, die davor durch den Garten läuft. Diesen Schatz an Wörtern gebrauchen wir beim Sprechen und Schreiben, doch dieser Schatz ist einem steten Wandel unterworfen. Was Großmutter wie selbstverständlich benutzte, versteht ihre Enkelin heutzutage gar nicht mehr.

Fragen Sie Ihren Nachwuchs doch einmal, was ein Backfisch ist. Wahrscheinlich werden die Kinder auf ein Sonderangebot von Burger King tippen und fragen, wo das Sesambrötchen und das Salatblatt blieben, aber nicht darauf kommen, dass es sich um eine junges Mädchen handeln könnte, das jetzt Teenie genannt wird. Und falls Sie eine promovierte Sozialpädagogin als Blaustrumpf bezeichnen sollten, würde Alice Schwarzer sofort eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Frauenrechte einreichen. Niemand nennt Heidi Klum noch Vorführdame oder ein Picknick im Freien eine Landpartie.

Viele Wörter verschwinden im Laufe der Zeit. Die Duden-Redaktion hat den „Wort-Friedhof“ veröffentlicht mit „Wörtern, die uns fehlen werden“. Fehlen werden uns wohl kaum die vielen Gallizismen, die französischen Wörter, die vor dem Ersten Weltkrieg die Alltagssprache beherrschten und heute von den Anglizismen abgelöst worden sind. Die Pièce de Résistance hat nichts mit dem Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht zu tun, sondern war schlicht das Hauptgericht und ein Thé dansant ein kleiner Hausball.

Natürlich sind dermalen zahlreiche deutsche Wörter von anno dunnemals verschwunden, die wir fürderhin und dieserhalb daselbst nicht mehr gebrauchen, etwa das Lämmerhüpfen, der Tanz junger Leute im Wirtshaussaal – das heißt, ähnliche Bewegungen kann man auch heute noch in der Disco beobachten. Verschwunden ist jetzo auch der Hahnrei, wie weiland ein Ehemann bezeichnet wurde, dem seine Frau Hörner aufgesetzt hatte (natürlich nur die Bezeichnung, nicht der Vorgang). Das konnte einem alten Hagestolz nicht passieren, denn der lebte allein, sintemal er sich von seiner Kollateralverwandtschaft zurückgezogen hatte. Milchgeschwister sind übrigens Personen, die als Säuglinge von derselben Amme gestillt wurden, ohne miteinander verwandt zu sein.

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