Terrorattacken

Die Anschläge von Paris – das Protokoll des Schreckens

Es sind die schlimmsten Anschläge in der Geschichte Frankreichs. In Paris starben mehr als 100 Menschen. Eine Chronik der Ereignisse.

Ein Mann gedenkt der Toten von Paris vor der französischen Botschaft in Prag.

Ein Mann gedenkt der Toten von Paris vor der französischen Botschaft in Prag.

Foto: Filip Singer / dpa

Paris.  Paris, Frankreich und die Welt sind geschockt. 129 Tote, viele Verletzte, rund 300 Menschen werden in Krankenhäusern versorgt und operiert – das ist die traurige Bilanz der Terroranschläge von Paris. Das Protokoll des Schreckens:

Freitag, 13. November

21:20 Uhr: Im Stade de France ist eine Explosion zu hören. Viele Zuschauer denken, es handle sich um einen lauten Böller. Es läuft das Freundschaftsspiel Frankreich gegen Deutschland. 78.000 Menschen befinden sich im Fußballstadion. Neben Staatspräsident François Hollande sitzt der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Nach einer zweiten Explosion nur fünf Minuten später lässt sich Hollande in der Schaltzentrale des Stadions telefonisch über die Detonationen informieren. Vor dem Stadion sind Bomben explodiert. Noch während des Spiels werden Hollande und Steinmeier aus dem Stadion gebracht. Um eine Massenpanik zu verhindern, wird das Spiel fortgesetzt. Um 21:53 Uhr kommt es zu einer dritten Explosion. Vier Menschen sterben, darunter drei Angreifer.

21:49 Uhr: Terroristen stürmen den Konzertsaal Bataclan in Paris. Es sind junge Männer, schwarz gekleidet. Sie schießen mit Maschinengewehren auf die Konzertbesucher. Es sind vier Angreifer. Sie rufen „Allahu akbar“ – „Gott ist groß“. Konzertbesucher Louis wird später sagen: „Mitten im Konzert sind Männer reingekommen, sie haben im Bereich des Eingangs zu schießen begonnen. Sie haben voll in die Menge geschossen.“ Der Mann berichtet, als er mit seiner Mutter den Saal verlassen habe, habe er über Leichen klettern müssen. 1500 Menschen sind gekommen, der Konzertsaal ist ausverkauft, die US-Band Eagles of Death Metal stand auf der Bühne. Bevor sie das Konzert stürmten, schossen die Terroristen auf der Straße auf Passanten. Ein bewaffneter junger Mann schrie laut Augenzeugen: „Es ist Krieg.“

23:05 Uhr: Die französische Nachrichtenagentur AFP meldet mindestens 30 Tote bei Terroranschlägen. Staatspräsident Hollande ist vom Fußballstadion zum Innenministerium gefahren worden. Hier verfolgt er die Geschehnisse in Paris, lässt sich von den Sicherheitsexperten der Regierung umfassend über die Anschläge informieren. Wahrscheinlich werden auch Optionen erörtert, wie der Staat die Terroristen stoppen kann.

23:17 Uhr: Der Fernsehsender BFM TV berichtet von 40 Toten. Im Bataclan haben die Terroristen die Überlebenden als Geiseln genommen. Julien Pearce, ein Reporter des Senders Europe 1, hält sich im Theater auf und sieht einen der Angreifer. „Er war sehr jung, keine 20 mit einem kleinen Bart“, erzählt Pearce später. „Zuerst dachte ich, das gehört zur Show, Pyrotechnik oder so etwas.“ Und Jérôme Barthélemy erzählt später: „Sie befahlen uns, uns hinzulegen, also hat sich der ganze Saal hingelegt. Ich war völlig unter anderen eingeklemmt, sie haben immer weiter geschossen. Von Zeit zu Zeit haben sie aufgehört.“ Der Konzertsaal ist ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. Dieser liegt nur ein paar Minuten von der „Charlie Hebdo“-Redaktion entfernt, einem der Orte der islamistischen Anschläge vom Januar. Manche Menschen können sich retten, rennen panisch aus dem Bataclan die Straße. Ein anderer Mann hat einen blutigen Handabdruck auf seinem Hemd. Krankenwagen rasen zum Bataclan.

23:29 Uhr: Das Freundschaftsspiel ist zu Ende. Frankreich hat 2:0 gewonnen. Doch über Fußball will so recht niemand reden. Bundestrainer Joachim Löw sagt in der ARD: „Wir sind alle erschüttert und schockiert.“ Teammanager Oliver Bierhoff spricht über die „große Angst“ der Nationalspieler in der Kabine. Die Weltmeister werden die Nacht im Station verbringen. Erst am Morgen werden sie zurück nach Deutschland fliegen.

23:35 Uhr: Schießerei im Einkaufszentrum von Les Halles. Das berichtet der Radiosender Europe 1. An der Place de la République gibt es im Verlauf des Abends ebenfalls Angriffe auf Cafés und Restaurants. Auch im Café „Le Carillon“ und im Café“ La Belle Équipe“ werden Menschen getötet. An der Ecke Rue Bichat und Rue Alibert sterben mindestens zwölf Menschen auf der Terrasse des Restaurants „Le Petit Cambodge“.

23:42 Uhr: Mindestens 60 Tote, meldet BFM TV. Hollande ruft seine Regierung zu einer Sonderkabinettssitzung zusammen. Die Minister kommen im Präsidentenpalast in der Mitte von Paris zusammen. Die Stadtverwaltung ruft die Menschen in Paris dazu auf, zu Hause zu bleiben. Kurze Zeit später stellen Metrolinien in den betroffenen Arrondissements den Verkehr ein. Auch viele Busse fahren nicht mehr. Schulen und Universitäten bleiben am Sonnabend geschlossen. Große Sportereignisse werden abgesagt. Auch Touristenattraktionen wie der Eifelturm bleiben am Sonnabend geschlossen.

23:48 Uhr: Der US-Präsident steht im Weißen Haus vor der Presse und sagt den Angreifern den Kampf an. Die USA würden alles tun, um „diese Terroristen zur Rechenschaft zu ziehen“, sagt Barack Obama.

Sonnabend, 14. November

0.01 Uhr: Präsident Hollande verhängt den nationalen Notstand – zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Grenzen werden geschlossen, so soll die Fluch der Attentäter ins Ausland verhindert werden. Das Militär wird verstärkt. Kurze Zeit später sagt er im Fernsehen: „Die Terroristen wollen uns in Angst und Schrecken versetzen.“ Aber Frankreich sei eine Nation, „die weiß, wie sie sich verteidigt“. Später wird er seine Teilnahme am G20-Gipfel im türkischen Antalya absagen.

0:09 Uhr: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigt sich in einer ersten Reaktion „tief erschüttert von den Nachrichten und Bildern, die uns aus Paris erreichen“.

0:21 Uhr: Zugriff am Ort der Geiselnahme. Spezialeinheiten der Polizei stürmen den Saal. Schüsse fallen. Doch die Polizei ist zahlenmäßig weit überlegen. Mehrere Augenzeugen berichten von Explosionen in der Konzerthalle.

0:49 Uhr: Die Nato sichert Frankreich Unterstützung zu. Das macht Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg klar. Das Militärbündnis stehe im Kampf gegen den Terrorismus an der Seite Frankreichs, sagt Stoltenberg. Er gibt sich entschlossen: „Terrorismus wird nie die Demokratie besiegen.“

0:58 Uhr: Die Sondereinsatzkräfte der Polizei gewinnen die Übermacht. Drei Angreifer sprengen sich mit Bomben selbst in die Luft. Ein Terrorist wird von den Polizisten getötet. „Der Zugriff war für die Polizei extrem schwierig“, sagt Polizeichef Michel Cadot. „Die Terroristen, die sich auf einer Etage verbarrikadiert hatten, trugen Sprengstoffgürtel, die sie zündeten“. Der „Islamische Staat“ (IS), der später die Verantwortung für die Attentate übernehmen wird, spricht im Bekennervideo von „Brüdern mit Sprengstoffgürteln und Sturmgewehren“, die einen „gesegneten Angriff“ verübt hätten. Kurze Zeit später meldet AFP, dass Ermittler von etwa hundert Toten ausgehen.

1:31 Uhr: Die Behörden gehen jetzt laut Medienberichten von 140 Toten aus. Doch die Zahlen stimmen nicht. Am Sonnabend wird klar: Es gibt 129 Tote.

2:12 Uhr: Das Bataclan wird weiträumig abgesperrt. Staatspräsident Hollande und seine Minister fahren zum Konzertsaal. Die Sicherheitsleute der Politiker tragen kugelsichere Westen und Maschinenpistolen. Der Präsident sagt: „Wir wollten hier sein, zwischen denen, die grauenvolle Dinge gesehen haben, um zu sagen, dass wir den Kampf führen werden, der erbarmungslos sein wird.“

9:10 Uhr: Angela Merkel tritt im Kanzleramt vor die Presse. „Wir weinen mit ihnen“, sagt die Bundeskanzlerin. „Wir werden gemeinsam mit ihnen den Kampf gegen die führen, die ihnen so Unfassbares angetan haben.“

10:30 Uhr: Ein Terminal am Flughafen Gatwick in London wird wegen eines verdächtigen Gegenstandes evakuiert. Passagiere sitzen stundenlang fest. Sprengstoffspezialisten eilen zum Flughafen. Laut Polizei wird ein Franzose festgenommen.

10:48 Uhr: Die Islamistenmiliz IS bekennt sich zu den Anschlägen. Ein paar Minuten später macht Hollande den IS für die Terrorserie verantwortlich. Es wäre der erste koordinierte Terroranschlag des IS in der westlichen Welt. Die französische Luftwaffe fliegt seit dem 27. September Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien.

12.50 Uhr: Hollande telefoniert mit Merkel. Die Kanzlerin versichert dem Präsidenten, dass Deutschland fest an der Seite Frankreichs steht. Berlin werde Paris bei der Bekämpfung des Terrorismus jede gewünschte Unterstützung zukommen lassen.

13:24 Uhr: Der syrische Präsident Bassar al-Assad macht den Westen für den Terror in Paris mitverantwortlich. Die Angriffe seien untrennbar damit verbunden, was seit fünf Jahren in Syrien passiere, sagt Assad bei einem Treffen mit einer Delegation französischer Politiker und Medienvertreter. „Die fehlgeleitete Politik der westlichen Staaten, vor allem Frankreichs, haben zur Expansion des Terrorismus beigetragen.“ In Wien suchen derzeit die Außenminister und Vertreter aus 17 Staaten Auswege aus dem Bürgerkrieg in Syrien.

13.30 Uhr: Das Café „Le Carillon“ in der Rue Alibert, hier starben 14 Menschen, noch mehr wurden verletzt. Männer in weißen Overalls spritzen mit Schläuchen das Blut der Opfer weg. Mensch legen Blumen nieder. Im Fenster des Cafés sieht man Einschusslöcher.

13.45 Uhr: Gegenüber des Café „Le Carillon“ stehen Menschen in einer Schlange, um Blut für die Verletzten zu spenden. „Das ist alles, was wir tun können. Wir leben“, sagt Yann Giberet. Der 34-Jährige lebt in der Nachbarschaft. Ihm kommen die Tränen, als er erzählt, dass er noch vor zwei Tagen mit Freunden im Café gesessen hat.

14.25 Uhr: Das Bataclan, wo die meisten Menschen starben: Vor dem Konzertsaal am Boulevard Voltaire hängt ein weißer Sichtschutz. An den Absperrzäunen legen Menschen Blumen nieder und zünden Kerzen für die Opfer an. Valeri Terre, 28, wohnt auf der anderen Straßenseite. Sie sah, was sich abspielte. „Es war grausam.“ Sie weint.

17.24 Uhr: Laut der griechischen Regierung könnte einer der mutmaßlichen Täter Anfang Oktober als Flüchtling aus der Türkei nach Griechenland gekommen sein. „Der Inhaber des Passes, der an einem Tatort (in Paris) gefunden worden ist, war am 3. Oktober 2015 nach den Regelungen der EU auf der Insel Leros (als Flüchtling) registriert worden“, teilt das Ministerium für Bürgerschutz in Athen mit.

18:02 Uhr: Einer der Terroristen hatte eine Karte für das Länderspiel. Das berichtet das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf einen französischen Polizisten. Der Attentäter trug eine Sprengstoffweste. Als die Sicherheitsleute das bemerkten, floh er.

18:33 Uhr : Schwer bewaffnete belgische Polizisten durchsuchen mehrere Wohnungen in Brüssel, nehmen Verdächtige fest. Die Aktion stehe im Zusammenhang mit einem Auto mit belgischem Nummernschild, teilt Justizminister Koen Geens über Twitter mit. Der Mietwagen war in der Nähe des Bataclan gesehen worden.

19:33 Uhr: Einer der Angreifer vom Bataclan wird als 29-jähriger Franzose identifiziert. Er war den Behörden wegen seiner Radikalisierung bekannt, sagt Staatsanwalt François Molins bei einer Pressekonferenz. Er sei mehrfach vorbestraft, allerdings niemals wegen Verbindungen in dschihadistische Netzwerke. Molin sagt auch, es habe drei Teams von Terroristen gegeben, die koordiniert vorgegangen seien.

20:10 Uhr: Von Gilles fehlt immer noch jede Spur. Er und seine Freundin Marianne freuten sich am Freitag auf einen schönen Abend. Kurz vor dem Konzert machten sie im Bataclan ein Selfie und posteten es bei Instagram. Sie halten Biergläser, im Hintergrund ist die leere Bühne zu sehen. „Die Eagles of Death Metal sind zurück!!!“ schrieben sie unter das Foto. Nach dem Anschlag wird das Bild im Netz bekannt. Marianne überlebte den Anschlag. Sie steht unter Schock, kann nichts sagen.