Die Verquickung des Fußball-Fan-Seins mit der Politik wird deshalb oft als problematisch empfunden, weil beiden Sphären unterschiedliche Wesenszüge nachgesagt werden. Politik ist in den allermeisten Fällen durch Interessen gesteuert, die manches Mal ziemlich undurchsichtig sind, ein anderes Mal aber auch ziemlich klar: Der Politiker hofft, dass der Glanz des erfolgreichen Sportlers auf ihn abstrahlt. Die Kanzlerin lässt sich nach Siegen der Nationalelf mit ihr in der Kabine fotografieren.

Fan-Sein wird dagegen nur von einem Interesse bestimmt: Der Anhänger will, dass sein Klub gewinnt und leidet, wenn nicht. Fanliebe ähnelt der romantischen Liebe: Beide verfolgen keinen anderen Zweck und sind deshalb schwer erklärbar. Aber der Liebende reagiert auch aggressiv, wenn seine Gefühle missbraucht werden. Das als Hintergrund.

Am Dienstag hat sich der erste Hertha-BSC-Fanklub im Bundestag gegründet. Der CDU-Mann Kai Wegner und Özcan Mutlu von den Grünen haben ihn ins Leben gerufen. Hertha-Präsident Werner Gegenbauer war da. Aus der Vereins-Geschäftsführung kamen Manager Michael Preetz und Thomas Herrich. Volle Kapelle. Man hat sich dort aber nicht nur gegenseitig auf die Schulter geklopft. Es wurde auch die gemeinnützige Arbeit des Vereins vorgestellt, die leider – auch von uns – viel zu selten gewürdigt wird.

Meine Kollegin Ninja Priesterjahn war da und schrieb darüber in unserem Blog „immerhertha.de“. Eigentlich ist es ja komisch, dass es bisher keinen Hertha-Fanklub im Bundestag gegeben hat. Von acht anderen Vereinen gab es schon welche bei den Abgeordneten und den Mitarbeitern. Den Anfang machten vor dreieinhalb Jahren die Anhänger von Eintracht Frankfurt. Im November 2014 folgten Bremen, Bayern und Dortmund. In diesem Jahr entstanden zudem Fanklubs vom VfB Stuttgart, Borussia Mönchengladbach, dem 1. FC Kaiserslautern und im September vom 1. FC Köln. Eine Vereinigung der Hertha-Fans allerdings gab es nicht, obwohl der Bundestag in Berlin wirkt.

„Hey, Moment mal, dachten wir. Wir sind hier in der Hauptstadt. Und Hertha gehört zur Hauptstadt wie der Bundestag. Wir wollten uns mit unserem Verein solidarisch zeigen“, erklärte mir Özcan Mutlu, wie es zur Hertha-Fanklubgründung kam. Der 47-Jährige kam im Alter von fünf Jahren nach Berlin. Er ist sportpolitischer Sprecher seiner Fraktion und sitzt im Sportausschuss. Er hat also im Moment mit der Glaubwürdigkeitskrise des Sports zu tun: DFB, Fifa, IAAF.

Aber ein Glaubwürdigkeitsproblem sahen auch manche Fans bei uns im Blog mit der Gründung des Hertha-Fanklubs selbst. Die Argumentation ging so: Jetzt, wo es bei Hertha läuft, kommen die Politiker aus ihren Löchern und wollen sich damit schmücken. Die Berliner stehen ja unerwartet prächtig da in der Tabelle. Platz vier. Aber wo waren die Abgeordneten, als Hertha in Liga zwei dümpelte? Mutlu schmunzelte, als ich ihn darauf ansprach: „Die Idee für den Fanklub hatten wir schon vor einem Dreivierteljahr“, sagte er. Damals entließ Hertha gerade Trainer Jos Luhukay, weil man Liga zwei wieder gefährlich nahe kam.

Mutlu sagte: „Das hat nichts mit der jetzigen Platzierung zu tun“ und sprach davon, wie es ihm der Klub als Fan in der Vergangenheit nicht immer einfach gemacht habe und dass er sich freue, wenn Herthas Mannschaft schön „hauptstädtisch“ sei. Er meinte damit vielfältig.

Wie man sich das überhaupt vorstellen müsse bei so einem Politiker-Fanklub, habe ich ihn gefragt: „Wir finden zusammen, um uns die Spiele im TV anzusehen. Oder wir gehen gemeinsam ins Stadion“, sagte Mutlu. Aber es soll auch darum gehen, soziale Projekte des Vereins zu unterstützen. Da sei zum Beispiel ein Antiaggressionstraining für Jugendliche. Und dann engagiere sich der Verein ja auch sehr bei der Flüchtlingshilfe. „Ich bin froh, dass sich unser Klub der gesellschaftlichen Verantwortung stellt“, sagte Mutlu. Er sagte „unser Klub“ und meinte Hertha.