Bald beginnt der Ernst des Lebens. Jedenfalls für uns Eltern von Fünfjährigen. Wir müssen unsere Kinder, diese kleinen Goldstücke, die wir ein halbes Jahrzehnt umsorgt und gehegt und gepflegt haben, in die raue Wirklichkeit entlassen. Achtung, Trommelwirbel: Sie kommen in die Schule! Kein „Ich will heute nicht in die Kita.“ – „Okay, dann bleibst du eben zu Hause.“ Ab sechs müssen sie funktionieren. Jeden Tag. Außer in den Schulferien und am Wochenende. Meine Tochter freut sich sehr auf die Schule. Ich mich nicht.
Bisher durften wir alles bestimmen, was das kleine Goldstück angeht. Ist ja schließlich unsere Tochter. Seit dem Einschulungsbescheid bin ich mir da nicht mehr so sicher. Vielleicht gehört sie doch auch ein bisschen dem Land Berlin. Man bekommt eine Schule zugewiesen. Und wenn man dort nicht hin möchte – weil zum Beispiel fast alle Klobrillen fehlen oder weil man in den Zwischenräumen der uralten zugigen Fenster alle Verwesungsstadien der heimischen Kleinstfauna beobachten kann und sich fragt, wie man dem Kind eigentlich erklären soll, warum es sein Zimmer aufräumen soll, wenn es den halben Tag in einer schmuddeligen Bruchbude verbringt? Oder weil sich die Schule auf die Integration von sozial-emotionalen Problemkindern spezialisiert hat, und man die Integration von sozial-emotionalen Problemkindern ganz toll und wichtig findet, aber bitte nicht in der Klasse vom Goldstück? Dann muss man beim Bezirksamt einen Umschulungsantrag mit ausführlicher Begründung stellen. Drei Wünsche hat man in diesem Fall frei. Wie bei einer Fee. Theoretisch. Praktisch aber nur einen, weil fast alle Schulen sagen: „Wer uns nicht als Erstwunsch einträgt, hat eh keine Chance.“ Und wozu dann überhaupt die drei Möglichkeiten? Die Antwort: „Das wissen wir auch nicht.“
Eine Freundin, die im Bezirk Prenzlauer Berg einige Schulen anschaute, sagte hinterher: „Nicht einmal am Tag der offenen Tür haben sie sauber gemacht. Ich habe doch nicht 14 Monate lang gestillt und dem Kind Wolle-Seide-Bodys aus artgerechter Tierhaltung angezogen, um sie jetzt in so ein Loch zu geben.“ Andererseits: Je mehr Schulen man sich anschaut, desto abgehärteter wird man: „28 Kinder in der Klasse? Ist doch super. / Dreck ist ja auch gut gegen Allergien. / Wenn sie später mal durch Borneo reisen, gibt es auch keine Luxusklos. / Turnhalle ist wegen Baufälligkeit gesperrt? Immerhin gab es überhaupt mal eine Turnhalle.“ So muss man das sehen. Bei der ungefähr vierten Schule hatte meine Freundin sich für eine entschieden. Da sind zwar etwa 150 Erstklässler, sechs erste Klassen, und ebenso viele zweite, dritte, vierte, fünfte und sechste, also ein richtiger Schülerbunker. Sie sagte: „Die haben sich in der Pause nicht geschubst und gehauen, obwohl es so viele sind. Das ist doch schon mal toll.“ Irgendwann ertappt man sich dabei, dass man den Gedanken von Homeschooling gar nicht mehr so absurd findet. Aber andererseits ist es ja auch ein Dienst an der Wissenschaft, sein Kind in Berlin zur Schule zu schicken. Wie sollen die denn sonst ausprobieren, ob nun Vorschule oder Kita, ob JüL oder JabL, ob Einschulung mit fünf oder sechs, ob Schreiben nach Gehör oder nicht und was es sonst noch für tolle pädagogische Versuchsideen gibt. Diese ganzen Schulexperimente kann man ja schlechterdings nicht ohne Kinder durchführen.
Es gibt natürlich auch jede Menge wirklich toller Schulen in Berlin. Viele davon sind privat und total überlaufen. Vor der Aufnahme haben die Kinder quasi ihr erstes Einstellungsgespräch. Carl, der fünfjährige Sohn einer Freundin, war kürzlich bei so einem Termin. „Was magst du denn am liebsten?“, fragte die Schulleiterin. Carl dachte kurz nach. „Würstchen, Pommes, Ameisen töten und Friedrich am Penis ziehen.“ Friedrich ist Carls kleiner Bruder. Carl wird seitdem für Einstellungsgespräche trainiert. Man kann gar nicht früh genug damit anfangen.

