Tödliche Fehlleistung der US-geführten Nato-Truppen in Afghanistan: Bei einem Luftangriff auf feindliche Taliban in Kundus ist am Sonnabend das Krankenhaus der seit Tagen umkämpften Provinzhauptstadt getroffen worden. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, die die Klinik betreibt, sprach von 19 Opfern. Zwölf Mitarbeiter, vier erwachsene Patienten und drei Kinder seien ums Leben gekommen. 37 Menschen seien schwer verletzt worden. Das Hospital, die einzig funktionierende Einrichtung ihrer Art im Norden des Landes, wurde teilweise zerstört.
Brian Tribus, Sprecher der Nato-Truppe, bestätigte den Vorfall, der international Empörung ausgelöst hat, im Militärjargon: „Der Einsatz könnte zu einem Kollateralschaden in einer medizinischen Einrichtung geführt haben.“ Aus Kabul wurden Experten der Nato nach Kundus geschickt, um den Vorfall zu untersuchen. Afghanistans Präsident Ghani erklärte, die Nato habe sich bei ihm umgehend entschuldigt.
Nach inoffiziellen US-Angaben waren am frühen Sonnabendmorgen amerikanische Soldaten gemeinsam mit afghanischen Spezialkräften am Boden im Einsatz. Seit die Taliban die 300.000-Einwohner-Stadt bei einem groß angelegten Überraschungsangriff vor einigen Tagen überrollt hatten, herrscht Krieg in Kundus. Inzwischen ist es der afghanischen Armee nach US-Angaben gelungen, weite Teile der Stadt wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Doch hielten die Gefechte auch am Sonnabend weiter an.
In der Nacht zu Sonnabend, so ein Militärfachmann in Washington, seien mehrere Taliban-Kämpfer in der Nähe der Klinik entdeckt worden, die plötzlich das Feuer eröffnet hätten. Um der Lage Herr zu werden, sei das Spezialflugzeug AC-130 („Spectre“) angefordert worden. Die aus der fliegenden Festung abgefeuerten 105-Millimeter-Geschosse hätten zwar nicht direkt das Krankenhaus getroffen. Allerdings sei es wahrscheinlich, dass Schrapnelle die tödlichen Kollateralschäden ausgelöst haben. Zur Zeit des Unglücks waren 105 Patienten und 80 Ärzte sowie medizinische Betreuer im Krankenhaus. Viele wurden am Abend noch vermisst. „Wir sind geschockt über diese Katastrophe“, sagte Bart Janssens, der ärztliche Direktor. Er schloss nicht aus, dass die Zahl der Todesopfer noch steigen könnte.
Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, die seit 1980 in Afghanistan im Einsatz ist, reagierte mit Wut und Enttäuschung auf den Zwischenfall. Ein Sprecher betonte, dass sowohl die Regierungsstellen in Kabul als auch in Washington präventiv mehrfach mit den GPS-Geo-Koordinaten der Klinik versorgt worden seien. Damit sollte ein irrtümlicher Beschuss ausgeschlossen werden, wie er in den 14 Jahren des Afghanistaneinsatzes des westlichen Bündnisses oft vorgekommen ist.
Als gegen 2.13 Uhr die ersten Schüsse fielen, sagte ein Funktionär der Hilfsorganisation, sei der Fehler „sofort telefonisch nach Kabul und Washington durchgegeben worden“. Ohne Erfolg. Über eine Stunde sei die Bombardierung weitergegangen. Das US-Verteidigungsministerium wollte dazu am Sonnabend keine Stellungnahme abgeben. Kongressabgeordnete fordern bereits eine intensive Untersuchung.
Jean-Nicolas Marti, Koordinator des Roten Kreuzes in Afghanistan, zeigte sich unversöhnlich: „Solche Angriffe gegen Ärzte und Krankenhäuser unterlaufen unsere Anstrengungen, dem afghanischen Volk humanitäre Hilfe zu gewähren.“ Er forderte die Militärführung auf, mit mehr Akribie für die Sicherheit von Zivilisten und Helfern zu sorgen. Die US-Botschaft in Kabul erklärte, dass „wir um die Opfer dieses tragischen Zwischenfalls trauern“.
Die Tragödie im Krankenhaus von Kundus kann nach Ansicht von Afghanistanexperten in Washington zu einem „weiteren Vertrauensverlust der Bevölkerung in die westlichen Truppen führen“. Die Taliban, heißt es in der Denkfabrik Brookings, „werden die Bombardierung jetzt propagandistisch ausschlachten und sich als Beschützer andienen“. Ähnlich sei es gewesen, als im September 2009 unter dem Kommando des deutschen Oberst Georg Klein bei Kundus zwei Tanklastzüge bombardiert wurden. Dabei starben 137 Afghanen, darunter 48 Kinder.




