Russland hat seine Luftangriffe in Syrien trotz internationaler Kritik fortgesetzt. Die Piloten der Kampfjets haben nach russischen Angaben auch andere Rebellengruppen als die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ins Visier genommen. Nach Angaben von US-Senator John McCain wurden tatsächlich Stellungen von Rebellen getroffen, die der US-Geheimdienst CIA trainiert hat.

Ein Regierungssprecher in Moskau sagte, die Bombardements richteten sich gegen bekannte Islamistenorganisationen, nicht nur gegen den IS. Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) kritisierte Russlands Eingreifen als „einsame Entscheidung“. Stattdessen brauche es den Einsatz Russlands für eine Transformation Syriens, sagte Steinmeier in seiner Rede vor den Vereinten Nationen in New York. Auch die USA und Frankreich fliegen Angriffe gegen den IS – die Krise eskaliert erneut. Ein Überblick über die Akteure des Konflikts:

Welche Interessen hat Russland?

Wie keine andere Nation greift Russland in Syrien ein und steht dabei an der Seite von Diktator Baschar al-Assad. Präsident Putin weitet mit dem Einsatz seine Macht aus und profiliert sich so als Akteur in Nahost – eine Region, die lange fast ausschließlich ein Feld amerikanischer und europäischer Außenpolitik war. Putin will das ändern. Russische Medien feiern die Militärschläge als Kampf gegen den Terror des „Islamischen Staates“. Nur wenige Informationen dringen aus dem Kriegsgebiet über die Angriffe nach außen. Doch klar ist: Nicht nur der IS ist Ziel russischer Kampfjets – sondern auch Truppen der Freien Syrischen Armee, gemäßigte islamistische Gruppen, auch Kurden. Werden sie getötet, stärkt das den IS – und Diktator Assad.

Was wollen die USA?

Das Ziel von US-Präsident Barack Obama: Assad muss weg. Ein weiterer Eckpfeiler seiner Politik: Den IS kann nur eine Allianz der muslimischen Nachbar-Staaten besiegen. Obamas Politik fußt auf der Überzeugung, dass sich Amerika in den Kriegen in Afghanistan und im Irak aufgerieben hat. Darum schickt Washington keine Bodentruppen in die Krisenregion. Obamas Strategie ist, den IS einzudämmen und „schließlich zu zerstören“. Parallel will er moderate sunnitische Kräfte unterstützen, um Assad aus dem Amt zu drängen. Beides scheitert bisher. Trotz 7000 Luftschlägen gegen den IS hat sich die islamistische Mischung aus Rebellion, Separatismus, Terror und Kriminalität etabliert. Trotz Putins Luftschlägen: Unter Obama bleiben die USA kriegsmüde.

Wie stark ist die Terrormiliz IS?

Der Islamische Staat beherrscht mittlerweile mehr als die Hälfte des syrischen Territoriums, auch wenn dort nur ein Zehntel der Bevölkerung wohnt. Nach der spektakulären Eroberung von Palmyra kämpfen sich seine Kommandos entlang der Überlandstraßen in Richtung Homs und Damaskus vor. Die Gotteskrieger sind an keinerlei Verhandlungen interessiert. Sie wollen den syrischen Staat zum Einsturz zu bringen, ein panarabisches Kalifat errichten und die von Europäern im Ersten Weltkrieg gezogenen post-osmanischen Grenzen von der Landkarte tilgen. Der Zustrom ausländischer Extremisten zum IS ist ungebrochen.

Welche Rolle spielt der Iran?

Für den Iran ist Syrien der wichtigste strategische Verbündete im Nahen und Mittleren Osten. Während des ersten Golfkrieges von 1980 bis 1988 unterstützte Syrien als einziges arabisches Land die Islamische Republik gegen den irakischen Angreifer Saddam Hussein – eine Allianz, die ungebrochen ist und dem alawitischen Baath-Regime von Damaskus im gegenwärtigen Bürgerkrieg das Überleben sichert. Iran liefert Waffen, Munition, Treibstoffe und Nahrungsmittel. Persische Kommandeure führen fast überall das Kommando, zum wachsenden Verdruss ihrer syrischen Offizierskollegen. Ohne die von Teheran mobilisierte schiitische Hisbollah aus dem Libanon hätte das Assad-Regime wohl kapitulieren müssen. Sein Sturz wäre ein Rückschlag für den Iran und sein Streben nach Hegemonie in der Region.

Greifen arabische Staaten ein?

Sämtliche arabische Staaten sind entweder passiv oder aktiv in den syrischen Bürgerkrieg verwickelt. Libanon und Jordanien tragen zusammen mit dem Irak und der Türkei die Hauptlast der Flüchtlinge. Aus Tunesien und Marokko stammen neben Saudi-Arabien die meisten ausländischen IS-Krieger. Und die Golfstaaten unter Führung von Riad wollen einen Sturz Assads, ohne selbst mit Bodentruppen einzugreifen. Stattdessen unterstützen sie die Rebellen der Eroberungsarmee („Jaish al-Fatah“) mit Geld. Militärisches Rückgrat dieser Brigaden ist die Al-Nusra-Front, die zu Al Qaida gehört. Ägypten dagegen sieht sich eher an der Seite des Assad-Regimes.

Und was macht Europa?

Die EU hat nie eine klare Syrien-Strategie entwickelt. Assad soll weg, das ist klar, aber wie? Eine militärische Intervention erscheint den Europäern noch immer zu riskant, lange setzten sie auf Sanktionen. Briten und Franzosen wollten die syrische Opposition mit Waffen beliefern, aber Deutschland war dagegen. Ehe der IS nun ganz die Oberhand gewinnt, gilt Assad vorerst als kleineres Übel. Jetzt will man mit ihm „reden“. Am heutigen Freitag sprechen erst einmal Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Francois Hollande mit Putin.