Gleich von drei Seiten nahmen die islamistischen Taliban die Stadt Kundus am Montagmorgen in die Zange. Nach schweren Gefechten sah es am Ende des Tages so aus: Die Islamisten haben die Provinzhauptstadt im Norden Afghanistans erobert. „Die Taliban haben ihre weiße Flagge im Stadtzentrum gehisst“, bestätigte Hamdullah Daneschi, Vizegouverneur der Provinz Kundus Reportern vor Ort.

Die Lage in der Gegend gilt seit Längerem als angespannt. Es gab bereits mehrere Taliban-Angriffe auf Kundus in diesem Jahr. Kundus ist die erste Provinzhauptstadt seit dem Sturz der Taliban im Jahr 2001, die wieder von den Islamisten erobert wurde – und das fast auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Abzug der Bundeswehr aus der 300.000-Einwohner-Stadt.

Die Islamisten drangen in das Gefängnis der Stadt ein, befreiten ihre Kämpfer, die sich dem Vormarsch anschlossen. Die Aufständischen eroberten auch ein Krankenhaus mit 200 Betten. Dort suchten Taliban-Kämpfer nach „verwundeten feindlichen Soldaten“, wie ein Taliban-Sprecher auf Twitter schrieb.

Ein afghanischer Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation schilderte seine Situation am Telefon: „Wir verstecken uns im Bad. Wir haben alle große Angst. Wir hören Schüsse rund 50 Meter entfernt von uns. Raketen fliegen durch die Gegend. Alle Ausländer sind zum Flughafen, die Einzigen, die noch hier sind, sind die Einheimischen.“

Deutschland betrieb ab 2003 in Kundus ein großes Feldlager

Die Islamisten riegelten mehrere große Zufahrtsstraßen in das Zentrum ab – und riefen die Menschen dazu auf, in ihren Häusern zu bleiben. Polizeisprecher Sajed Sarwar Hussaini sagte am späten Nachmittag, dass vier von fünf Polizeidistrikten der Stadt jetzt in den Händen der Taliban seien. Die Rebellen sagen, sie hätten die gesamte Stadt erobert. „Nach der Eroberung des Polizeihauptquartiers und des Gouverneursgebäudes ist nun ganz Kundus als erste Hauptstadt einer Provinz unter unserer Kontrolle“, teilte Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid am Abend mit. „Die Stadt ist unglücklicherweise an die Taliban gefallen“, sagte der Sprecher des afghanischen Innenministeriums, Sedik Sedikki, ein paar Minuten später. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen sprach von mehr als 100 Verletzten. Über Tote gab es keine Angaben.

Deutschland betrieb ab 2003 in Kundus ein großes Feldlager. Zehn Jahre später zogen die Bundeswehrsoldaten ab. Auch die USA und die übrigen Nato-Partner verließen das Land am Hindukusch. Afghanistan sei nun stark genug, um für sich selbst zu sorgen, hieß es. Dass das Land dazu nicht in der Lage ist, zeigt sich spätestens jetzt – mit der Eroberung von Kundus.

Deutsche Soldaten beraten noch afghanische Streitkräfte

Aktuell sind noch 850 Bundeswehrsoldaten am Hindukusch stationiert. Nach dem Ende der Kampfmission Isaf sind deutsche Soldaten heute im Rahmen der Mission „Resolute Support“ („Entschlossene Unterstützung“) in Afghanistan. Sie beraten die heimischen Streitkräfte. 100 deutsche Soldaten arbeiten in der Hauptstadt Kabul, 750 im Camp Marmal in Masar-i-Scharif, knapp 200 Kilometer von Kundus entfernt. Ein Sprecher des Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam sagte, deutsche Soldaten seien durch den Angriff der Taliban auf Kundus nicht gefährdet.

Oberstleutnant Michael Weckbach, Presseoffizier der Bundeswehr in Masar-i-Scharif, misst dem Angriff der Taliban Symbolkraft bei. „Für die Taliban ist ein solcher Sieg natürlich ein äußerst spektakulärer Erfolg“, sagte Weckbach der Morgenpost.

„Das Ende der Fighting-Season, also der Kampfsaison, rückt näher, der Winter steht vor der Tür.“ In den nächsten Monaten werde wegen der sinkenden Temperaturen viel weniger gekämpft. „In Kundus haben die Aufständischen schon in den vergangenen Wochen immer wieder für Unruhe gesorgt.“ Vor diesem Hintergrund sei erwartet worden, dass es zu Angriffen komme, sagte der Oberstleutnant. Informationen über die Lage vor Ort habe er nur über die Medien.

Unionsfraktionschef Kauder kritisiert frühen Rückzug der USA

Angesichts der Sicherheitslage in Afghanistan kritisierte Unionsfraktionschef Volker Kauder die Entscheidung der USA, ihre Streitkräfte abzuziehen. „Ich halte es für falsch, dass die Amerikaner jetzt aus Afghanistan abgezogen sind“, sagte der CDU-Politiker der Morgenpost. Das sei „viel zu früh“ gewesen. Zugleich sprach sich Kauder dagegen aus, den Einsatz der Bundeswehr zu verlängern. „Wir allein können nicht in Afghanistan bleiben.“

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington hatte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) den USA „uneingeschränkte Solidarität“ zugesichert. Die USA intervenierten in Afghanistan, weil die Drahtzieher des Anschlags, die Führung von al-Qaida, mit den Taliban verbündet waren.

2002 wurden erstmals Bundeswehrsoldaten im Norden des Landes stationiert. Kundus galt zunächst als relativ sicher, die Lage wurde aber gefährlicher. Der damalige Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) rechtfertigte den bei der deutschen Bevölkerung hochumstrittenen Einsatz mit dem Satz, Deutschlands Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt. 2010 nannte Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) als erster deutscher Verteidigungsminister den Einsatz einen „Krieg“. Im Mai 2011 spürte Washington schließlich den Al-Qaida-Chef Osama bin Laden im benachbarten Pakistan auf. Soldaten der US-Spezialeinheit Navy Seals erschossen den Terrorfürsten in Abbottabad.

Der Afghanistan-Einsatz war der bisher größte der Bundeswehr. Er kostete rund 8,7 Milliarden Euro. 135.000 deutsche Soldaten leisteten Dienst in Afghanistan, 55 starben dabei.