Als am 2. Oktober 1990 eine riesige Deutschlandfahne vor dem Reichstag gehisst wurde, stand ich in der Menschenmasse. Rund eine Million Personen waren vor dem Gebäude versammelt. Erst gegen Mitternacht als symbolisch die Einheit vollzogen wurde, war die Emotion spürbar. Vorher fand eine nette Kirmes statt. Viele Würste wurden verzehrt, viel Bier runtergespült. Same procedure as usual in Germany …
Für einen jungen Franzosen, der an die Pracht unseres Nationalfeiertags auf den Champs-Elysées gewöhnt war und ist, wirkte die Feier sehr blass in Anbetracht der historischen Dimension des Ereignisses. Wobei der Besuch eines jungen Ostdeutschen wenige Wochen vorher in Paris, der die Militärparade am 14. Juli erlebte mich nachdenklich machte. Er brachte seine gemischten Gefühle zum Ausdruck, weil das Zurschaustellen vieler Waffen ihn an die Propagandaaufmärsche seiner sterbenden Heimat erinnerte.
Auch wenn man die historischen Hintergründe kennt, die die Deutschen lange daran hinderten ein Nationalgefühl in Schwarz-Rot-Gold zu entwickeln, war diese Nüchternheit für mich stets ungewöhnlich. Spätestens mit dem Sommermärchen 2006 lieferte Deutschland Bilder, die im Ausland vertraut waren, ohne dafür nationalistisch zu wirken. Aber der 3. Oktober bleibt bis heute im besten Fall ein günstiger Brückentag. Viele Gefühle werden im Gegensatz zum 9. November bei den Menschen an diesem Tag nicht hervorgerufen.
Dieses letzte Datum hatte ein Jahr vorher in Frankreich ebenfalls viele Emotionen ausgelöst. Und wenn unsere Politiker gelegentlich gewisse Bauchschmerzen mit der deutschen Einheit hatten, überwog bei der Bevölkerung doch die Freude, dass eine Selbstverständlichkeit sich endlich verwirklichte. Sicher haben diese Monate meine „deutsche Karriere“ noch mehr verfestigt. Ich erinnere mich an einen damals jungen Studenten, der uns im Dezember 1989 im Zug von Dresden nach Berlin riet, unsere Bücher über die DDR zur Seite zu legen. Er könne uns viel mehr über sein Land erzählen. Mit Anselm durfte ich die Öffnung des Brandenburger Tors zwei Tage später erleben.
Früh am Morgen einen Monat später an einem Samstag klingelte bei mir in Paris das Telefon. Anselm war praktisch ohne Geld durch Europa unterwegs. Tagelang schlief er kaum, um diese neue Welt zu entdecken. Mit Kumpeln zeigten wir ihm Paris.
Im Frühjahr 1990 kam ich nach Ost-Berlin mit anderen Journalismusstudenten, um die ersten freien Volkskammerwahlen zu beobachten. Und einen ganzen Monat lang arbeitete ich dann als Praktikant bei der Berliner Morgenpost. Spannend war diese Zeit, spätestens nach meinem Umzug nach Berlin Ende Oktober 1990, um stiller Beobachter der mühsamen deutsch-deutschen Annäherung zu werden. Zwar ließen sich schon materielle Nöte wie die höhere Arbeitslosigkeit im Osten erahnen. Aber das langjährige Bestehen einer Mauer in den Köpfen zwischen Ost und West war für einen Ausländer nicht vorstellbar.
Meine erste Bleibe bei einer burschikosen Ost-Berlinerin – immerhin mit Telefon!! – trug dazu bei, mich aufzuklären. Zumindest nach einer Gewöhnungszeit, da die Gute stark berlinerte. Auch von anderen Ostdeutschen lernte ich viel über die frühere DDR.
Im früheren Haus der Ministerien traf ich einige junge Landsleute, frische Absolventen französischer Eliteschulen, die ohne Gewissensbisse für die Treuhandanstalt ostdeutsche VEB’s privatisierten, bevor sie dann auf der anderen Straßenseite im E-Werk die Berliner Nächte feuchtfröhlich unsicher machten. Ein französischer Käufer erzählte mir eines Tages von einem westdeutschen Konkurrenten, der das gleiche Unternehmen unbedingt ebenfalls erwerben wollte. Als dieser merkte, er würde den Ausländer nicht überreden können, das Objekt der Begierde abzugeben, rutschte ihm raus: „Als Ihr Franzosen in Algerien wart, haben wir Euch in Ruhe gelassen. Lasst uns nun im Osten alleine.“

