VW-Chef Martin Winterkorn gibt dem Druck nach. Sein Nachfolger soll am Freitag vorgestellt werden.

„Volkswagen war, ist und bleibt mein Leben“

| Lesedauer: 6 Minuten
Björn Hartmann

Wolfsburg/Berlin.  Am Ende ist es eine recht knappe Erklärung: Martin Winterkorn, Chef über rund 600.000 Mitarbeiter weltweit und bis vergangenen Freitag noch mächtigster Automanager weltweit, tritt zurück. „Volkswagen brauche einen Neuanfang – auch personell. Mit meinem Rücktritt mache ich den Weg dafür frei.“ Es ist 17 Uhr in Wolfsburg, als Winterkorns Erklärung veröffentlicht wird. Der vorläufige Höhepunkt der Manipulationsaffäre. Vorläufig, weil der Fall mit dem Abgang Winterkorns nicht ausgestanden ist. Das macht dann auch der amtierende VW-Aufsichtsratsvorsitzende Berthold Huber deutlich, der kurze Zeit später vor die Presse tritt und erklärt, wie die Führungsspitze des Konzerns die Krise in den Griff bekommen will.

Neun Punkte sind es, die das Präsidium des Aufsichtsrats verfasst hat. Die fünf Mitglieder haben seit 9.35 Uhr im Verwaltungsbau des Wolfsburger VW-Werks getagt und die Lage besprochen. Winterkorn muss Huber, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh, dessen Stellvertreter Stephan Wolf und Wolfgang Porsche als Vertreter der Anteilseigner die Lage erklären.

Wobei ziemlich klar ist, wie es steht: VW hat in den USA zwischen 2009 und 2015 rund 500.000 Dieselfahrzeuge verkauft, deren Software in Schadstofftests bessere Werte vorgegaukelt hat, als sie dann unter realen Bedingungen haben. Insgesamt sind sogar elf Millionen Fahrzeuge gängiger Marken des Konzerns betroffen – Audi, Seat, Skoda, VW. Die US-Justiz ermittelt, das US-Umweltamt EPA droht mit Strafen von bis zu 18 Milliarden Dollar (16 Milliarden Euro), mehrere US-Bundesstaaten bereiten Klagen vor, erste Kunden ebenfalls. Von 37 Sammelklagen berichten NDR und „Süddeutsche Zeitung“. In Deutschland laufen bereits Anzeigen wegen gewerbsmäßigen Betrugs.

VW hat den Verkauf von Diesel-Pkw in den USA gestoppt. Italien, Frankreich, Mexiko und Südkorea wollen Autos des Konzerns untersuchen lassen, auch die EU-Kommission hat sich eingeschaltet. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat eine Untersuchungskommission eingesetzt, die seit Mittwoch in Wolfsburg arbeitet.

US-Ratingagentur sieht Bonität des Konzerns in Gefahr

VW stellt 6,5 Milliarden Euro zurück, praktisch der halbe Jahresgewinn 2014. Damit kassiert der Konzern auch die Gewinnprognose für das laufende Jahr. Und der Börsenwert ist binnen zwei Tagen um 25 Milliarden Euro eingebrochen. Weltweit hat das Image VWs gelitten. Wegen des Kurseinbruchs ermittelt die Finanzaufsichtsbehörde Bafin, eine Routineuntersuchung angesichts großer Kursbewegungen, aber immerhin. Und die US-Ratingagentur Fitch denkt darüber nach, die Bonität des Konzerns herabzustufen, weil angesichts des Abgasskandals Mittelabflüsse von mehreren Milliarden Euro möglich seien. Kurz: ein Desaster.

Und so nützt es Winterkorn auch nicht, dass er den Konzern in den vergangenen Jahren überhaupt erst zu seiner jetzigen Größe geführt hat. Er war 2007 von der VW-Tochter Audi gekommen und hatte gemeinsam mit dem damaligen Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch aus VW einen Konzern mit mehr als 200 Milliarden Euro Umsatz und 600.000 Mitarbeitern geformt. Im ersten Halbjahr war VW sogar zum größten Autobauer überhaupt geworden und hatte Toyota überholt.

VW zeigt die Verantwortlichen der Affäre in Braunschweig an

Jetzt also ein harter Schnitt: Winterkorn geht. Und das Präsidium des Aufsichtsrats erwartet in den nächsten Tagen weitere personelle Konsequenzen. Ein Sonderausschuss soll den Fall aufklären. Niedersachsens Ministerpräsident Weil, der das Land als VW-Aktionär im Aufsichtsrat vertritt, sagt, das Unternehmen werde gegen die Verantwortlichen Strafanzeige in Braunschweig erstatten. „Wir werden innerhalb des Unternehmens aufklären und dafür sorgen, dass die Beteiligten hart belangt werden.“ Auch in den USA hat VW die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Zuständig ist die Kanzlei Brunswick. Zuvor schon ist bekannt geworden, dass sich VW in den USA von der Großkanzlei Kirkland und Ellis aus Chicago vertreten lässt.

Wolfgang Porsche, Vertreter der Eigentümerfamilien, kündigt an, die Familien Porsche und Piëch stünden weiter zu VW: „Wir als größter Aktionär sind auf das Unternehmen stolz und stehen zu dem Unternehmen.“ Das hat eigentlich niemand bezweifelt.

Einen Nachfolger für Winterkorn will der Aufsichtsrat am kommenden Freitag auf seiner normalen Sitzung küren. Als Kandidaten werden neben Porsche-Chef Matthias Müller, 62, einem langjährigen Winterkorn-Vertrauten, auch VW-Markenvorstand Herbert Diess, 56, und Audi-Chef Rupert Stadler, 52, genannt. Dieser kam erst am 1. Juli von BMW und gilt als harter Kostendrücker. Stadler startete 1997 als Büroleiter von Firmenpatriarch Piëch und steuert seit 2007 Audi. Wobei vor allem Müller intern gute Chancen gegeben werden.

Noch im April hat Winterkorn im VW-internen Machtkampf über den Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch triumphiert. Damals versuchte Piëch, Winterkorn loszuwerden, den er jahrelang aufgebaut hatte. „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“, sagte er im „Spiegel“, Gründe nannte er nicht. Winterkorn setzte sich durch, weil auch die Eignerfamilien Piëch und Porsche, die mehr als die Hälfte der VW-Stimmrechte kontrollieren, sich nicht einig waren. Und der mächtige Betriebsrat nebst IG Metall hinter Winterkorn stand. Piëch zog sich aus dem Aufsichtsrat zurück. Richtig rund lief es seither aber nicht bei VW. Und 151 Tage nach Piëch muss nun auch der Sieger aussteigen.

Das Aufsichtsratspräsidium stellt übrigens noch ausdrücklich fest, „dass Herr Professor Dr. Winterkorn keine Kenntnis hatte von der Manipulation von Abgaswerten“, eine Aussage, die Insider bezweifeln. Schließlich gilt Winterkorn als äußerst detailverliebt und vor allem als jemand, der sich auch intensiv um Kleinigkeiten kümmert. Und er ist Volkswagens oberster Entwickler. Ohne Winterkorns Zustimmung sei wenig im Konzern gelaufen, sagt einer, der ihn lange Jahre begleitet hat.

An diesem späten Mittwochnachmittag ist Winterkorn „fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren“, wie es in seiner Erklärung heißt. Er ist „bestürzt“. Und sich keines Fehlverhaltens bewusst.

Dann kommt noch ein Satz, der zeigt, wie schwer der Rücktritt dem Machtmenschen Winterkorn fällt. „Volkswagen war, ist und bleibt mein Leben.“ Wobei der letzte Teil manchem, der den Konzern in den vergangenen Tagen beobachtet hat, auch als Drohung gelten kann.

( mit diha )

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos