Berlin

Die nächste Flüchtlingswelle steht bevor

In Afghanistan und dem Irak werden auffällig viele Ausweispapiere beantragt

Berlin.  Der Flüchtlingsstrom wird nicht nachlassen. Allein in Afghanistan werden nach den Informationen der Berliner Morgenpost jeden Tag 7.000 Ausweispapiere beantragt. Ein ähnlicher Trend wird aus dem Irak gemeldet: Nach einem AP-Bericht aus Bagdad täglich bis zu 12.000 Passanträge. Der sprunghafte Anstieg in beiden Ländern ist ein sicheres Indiz dafür, dass immer mehr Menschen eine Ausreise ins Auge fassen. In Afghanistan könnte durchaus die nächste große Fluchtwelle ihren Ausgangspunkt nehmen.

Spürbar ist das (noch?) nicht. Im August registrierte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) genau 2270 Asylanträge aus Afghanistan – Platz drei nach Syrien und Albanien – und insgesamt 13.120 seit Jahresanfang. Zuletzt hatte der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, der Sozialdemokrat Wolfgang Hellmich, davor gewarnt, dass viele Afghanen „auf gepackten Koffern“ säßen. Die Beobachtung passt zum Lagebild der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). „Der Druck ist hoch in einer Reihe von Herkunftsländern“, heißt es in der Analyse, die am Dienstag präsentiert wurde. Die Motive ähneln sich, ob in Eritrea oder Afghanistan: Per­spektivlosigkeit, wirtschaftlicher Niedergang, am Hindukusch zudem die prekäre Sicherheitslage. In Nigeria geben laut OECD 44 Prozent der über 15-Jährigen an, dauerhaft auswandern zu wollen, in Albanien 39 Prozent, im Senegal 37 Prozent und in Syrien 31 Prozent. Laut OECD warten zwei Millionen syrische Flüchtlinge in der Türkei, weitere 300.000 Menschen aus Afghanistan, Irak und Pakistan. Sie alle sind auf dem langen Marsch Richtung EU.

Die OECD kalkuliert mit bis zu einer Million Asylanträgen in Europa. Davon würden schätzungsweise 350.000 bis 450.000 als Flüchtlinge anerkannt und auf Dauer bleiben. Nicht zuletzt bestätigt der Bericht die Schieflage bei ihrer Verteilung. Die meisten Asylanträge werden in Ungarn, Österreich, Schweden und Deutschland gestellt. Für Europa ist es nach Einschätzung des OECD-Migrationsexperten Thomas Liebig die größte Fluchtbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg.

Minderjährige Flüchtlinge sind eine leichte Beute der lslamisten

Zu den registrierten Asylbewerbern muss man noch die illegalen Zuwanderer hinzuzählen – mindestens 1,9 Millionen Menschen in der EU, worauf der Bundesnachrichtendienst (BND) in einer Analyse im Internet hinweist. „Die Nachfrage nach Schleuserdienstleistungen“ sei groß, schreiben die BND-Experten. Mit der Schleusung seien zumeist Straftaten verbunden: Betrug, Dokumentenfälschung, Geldwäsche, Menschenhandel, Zwangsprostitution. Für eine vierköpfige syrische Familie, die mit gefälschten Papieren per Flugzeug ausreisen will, kostet die organisierte Flucht 30.000 Euro.

Während der BND seit Jahren vor der illegalen Migration warnt, treiben den Inlandsdienst in der Flüchtlingskrise die Sicherheitsrisiken um. „Es bereitet uns große Sorge, dass Islamisten in Deutschland unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe versuchen, die Situation der Flüchtlinge gezielt für ihre Zwecke zu missbrauchen, Asylbewerber zu missionieren und zu rekrutieren“, sagte der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV), Hans-Georg Maaßen, am Montagabend in Berlin. Das Augenmerk seines Amts liege besonders auf jugendlichen unbegleiteten Flüchtlingen, „die eine leichte Beute der Islamisten sein könnten“.

Nach BfV-Angaben ist die Zahl der mit Kampferfahrung aus den Gebieten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien und dem Irak zurückgekehrten Islamisten in den vergangenen drei Monaten auf über 70 gestiegen. Vor drei Monaten waren es 50. Die Zahl der aus Deutschland ausgereisten Islamisten, die in beiden Staaten ums Leben gekommen sind, ist ebenfalls gestiegen. Ende April waren es 85, im Juni fast 100, inzwischen sind es 120. Abschreckend sind die Zahlen nicht. Es reisen immer mehr Islamisten von Deutschland in Richtung Syrien und Irak, aktuell 740 – im Juni waren es 700. Auch häuften sich die Hinweise, wonach mit dem Flüchtlingsstrom Dschihadisten nach Deutschland kommen. Man gehe jedem Hinweis nach, versicherte Verfassungsschützer Maaßen. Aber bislang lägen ihm „keine belastbaren Erkenntnisse“ über entsprechende Einzeltäter oder Gruppen vor.