Berlin

Die Hoffnung auf viele neue Fachkräfte ist eine Illusion

Vielen Flüchtlingen droht Arbeitslosigkeit. Regierung und Wirtschaft versuchen, mit Integrationskursen gegenzusteuern

Berlin. Lange galt die Flüchtlingswelle als große Chance für den deutschen Arbeitsmarkt. Vor allem die Wirtschaftsverbände schwärmten vom Potenzial an qualifizierten Arbeitnehmern, mit denen sich die Fachkräftelücke schließen lasse.

Doch jetzt sind Politik und Unternehmen alarmiert angesichts der wahren Herausforderung – die Vermittlung in Jobs ist viel schwieriger als gedacht, vielen Flüchtlingen fehlt es an Qualifikationen. Die Regierung zieht die Notbremse: Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, wird nun gleich selbst Präsident des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, das die Aufnahme der Asylbewerber organisiert und steuert. Ein Expertenstab soll die Zusammenarbeit zwischen den Arbeitsagenturen und der Flüchtlingsbehörde enger verzahnen, die Asylsuchenden frühzeitig auf den Arbeitsmarkt vorbereiten.

Parallel berieten Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und die zuständigen Bundesminister gestern, wie sich die Jobperspektiven der Flüchtlinge verbessern lassen. Ihre gemeinsame Erklärung beginnt mit einer bitteren Diagnose: „Viele Flüchtlinge sind kaum oder gar nicht qualifiziert, etliche waren bisher bürgerkriegsbedingt ohne Chance auf kontinuierliche Schulbildung.“

Es ist das Ende der Fachkräfte-Illusion. „Die Ankunft von Hunderttausenden ist zunächst einmal eine Belastung für den Arbeitsmarkt“, sagt Arbeitsagenturchef Weise. Dass die Arbeitslosigkeit 2016 spürbar steigen wird, kalkulieren er und Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) bereits ein. Nahles rechnet mit etwa 330.000 Flüchtlingen, die 2016 zusätzlich Arbeit suchen und Anspruch auf Hartz IV haben; nur ein Drittel von ihnen habe eine Chance auf eine rasche Beschäftigung, kalkuliert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Auch die Forscher der Bundesagentur für Arbeit glauben, dass sich Flüchtlinge „erst schrittweise, mittel- und langfristig in den Arbeitsmarkt integrieren“. Denn den syrischen Arzt, der in Deutschland sofort eine Anstellung findet, gibt es tatsächlich – aber er ist die Ausnahme. Allenfalls ein Fünftel der Flüchtlinge hat einen Hochschulabschluss, mehr als der Hälfte aber fehlt eine abgeschlossene Qualifikation. „Die Geschichte vom gut ausgebildeten Flüchtling stimmt nicht“, sagt Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU). Die Konsequenz, die Regierung und Wirtschaftsverbände gestern in großer Einigkeit beschworen: „Flüchtlinge müssen schnellstmöglich in Schulbildung, Ausbildung und Beschäftigung kommen.“

Gabriel sagt: „Die Formel für gelungene Integration ist Sprache, Sprache, Sprache und Arbeit, Arbeit, Arbeit.“ Die Regierung will mehr Geld für die Sprach- und Integrationskurse ausgeben, bei Asylbewerbern mit Bleibeperspektive schneller als bisher mit Arbeitsvermittlung beginnen. Flüchtlinge sollen zügig nachgeschult werden. Und Willkommenslotsen sollen Unternehmen helfen, Hürden bei der Einstellung von Flüchtlingen zu nehmen.

Die größten Hoffnungen richten sich auf die Jungen – immerhin die Hälfte der Asylbewerber sei unter 25 Jahren, sagt Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU). Handwerk und Industrie bemühen sich längst, für unbesetzte Ausbildungsplätze junge Flüchtlinge zu werben – klagen aber, oftmals fehle es an Planungssicherheit, weil die Bleibeperspektive der Asylbewerber unsicher sei. Gabriel sagte zu, Ausbildungshemmnisse würden abgebaut: Er will in der Koalition durchsetzen, dass Jugendliche nach erfolgreicher Ausbildung zwei Jahre hier arbeiten dürfen, auch wenn ihr Asylantrag abgelehnt wurde.

Schließlich gebe es eine „riesige Bereitschaft der Wirtschaft,“ sich zu engagieren, lobte Gabriel. Dieses Bemühen erkannte gestern auch Bundespräsident Joachim Gauck an. Doch Gauck mahnte zu weiteren Anstrengungen: Er wünsche sich „noch mehr Initiative“ der Unternehmen. Weil viele der Flüchtlinge lange Zeit bleiben würden, sei es wichtig, sie auch ins Arbeitsleben aufzunehmen.