Berlin

Wie sieht Merkels Deutschland aus?

Wie sieht es eigentlich aus, das Deutschland der Kanzlerin? Unser Autor begibt sich auf Spurensuche

Berlin. „... dann ist das nicht mein Land.“ Diese sechs Worte der Kanzlerin haben die Republik aufgerüttelt. Selten hat sich Angela Merkel so klar und emotional auf einen Kurs festgelegt. Wir wissen nun, welches Land die Kanzlerin nicht will. Bleibt die Frage: Welches Land will sie? Eine Spurensuche.

Die Wertewelt in Merkelland

Angela Merkel vereint den klassischen Bildungskanon von Wagner bis Popper, von Weber bis Löw, vom Pfarrhaus bis Preußen. Sie will in einem Land leben, das wie sie von Zurückhaltung und Leistungswillen geprägt ist. Lärmende Angeber sind ihr zuwider, Pathos ist ihr unheimlich; sie wünscht sich mehr ruhige Weltneugier, weniger Ego-, Euro- oder Germanozentrismus. Merkels Deutschland verabscheut Extreme. Leben und Regieren bedeutet ihr Balance, mit dem Ziel, die Fliehkräfte zusammenzuhalten. Dazu passt ihr tapsiger Torjubel, der die Zerrissenheit zwischen Stolz und Bescheidenheit illustriert. Widersprüchliches wird ertragen, solange es Prioritäten folgt. So folgt die Kanzlerin Max Webers pragmatischer Zweckrationalität, solange es um Wahlen, Zahlen, Daten, Fristen geht. Doch Merkel schwenkt umgehend zu unverhandelbarer Weberscher Wertrationalität, sobald Leben betroffen ist. Mit Menschen spielt man nicht. Dieser Fundamentalhumanismus ist im protestantisch-preußischen Teil Deutschlands verwurzelt.

Die Rolle der Natur in Merkelland

Bei Helmut Kohl war der deutsche Wald spirituell aufgeladen, bei Angela Merkel ist es die Natur insgesamt. Ob an Mecklenburgs Seen oder beim Wandern in den Dolomiten, beim Gärtnern oder Gemüseziehen – zwischen Pflanzen, Gewässern, Bergen spürt sie Schöpfung, Harmonie, unberechenbare Gewalt, Unendlichkeit und schließlich des Protestanten Lieblingsemotion: Demut. Da ist sie eins mit Schiller, Goethe, Hölderlin.

Das Miteinander in Merkelland

Angela Merkel ist in einem ostdeutschen Pfarrhaus aufgewachsen. Stasi-Ohren waren überall. Gab es Wichtiges zu bereden, ging man in den Wald. Misstrauen war eine Überlebensfähigkeit. Mag Angela Merkel sich nach Vertrauen sehnen, so hat sie gelernt: lieber wenige Konfidenten, dafür 120-prozentige. So organisiert sie auch im kleinsten Kreis mit ihren Vertrauten die Macht. Wie also ist es um den Zusammenhalt in Merkelland bestellt? Weil Merkel selbst ein Vertrauensdefizit hat, kann sie nur schlecht definieren, was sie wann von wem erwartet. Wo darf etwa in Partei oder Koalition mit fast allen Mitteln gekämpft werden, ohne Vertrauen zu verspielen? Und wann ist jede Taktiererei einzustellen, weil es ernst wird? An diesem Dienstag ist zumindest klar geworden, wo im Merkelland die Grenzen der Illoyalität verlaufen, nämlich dort, wo mit Schicksalen auch um Wählerstimmen gekämpft wird. Sie hätte auch sagen können: „Seehofer-Bayern ist nicht mein Land.“

So sehen die anderen Merkelland

Was sollen die Nachbarn denken? Diese sehr deutsche Frage beantwortet Angela Merkel proaktiv. Sie wartet nicht auf Reaktionen, sondern definiert selbst, was ihr wichtig ist: Das klare Ja zur EU, ihre Freundschaft zu Israel, die sie sogar zur „Staatsraison“ erhob, das Bekenntnis zur Einwanderung. Mögen diese Haltungen nicht immer leicht zu vermitteln sein – opportunistisch sind sie nicht.

Vom Wert der Wissenschaft im Merkelland

Merkels Deutschland wird vor allem von Denkern geprägt. Wo andere einfach feiern, berauscht sie sich an klugen Köpfen. Zu ihrem 50. Geburtstag ließ die promovierte Physikerin den Hirnforscher Wolf Singer über die Illusion vom freien Willen vortragen. Zum 60. referierte der Historiker Jürgen Osterhammel über die „Zeithorizonte der Geschichte“ – eine Provokation für Vulgärliberale: Die Französische Revolution, gemeinhin als politische Geburtsstunde des freien Individuums wahrgenommen, sei historisch eher nebensächlich. Das Einreißen von Weltbildern gehört zu Merkels Lieblingsbeschäftigungen, gern gemeinsam mit ihrem Ehemann Joachim Sauer, einem weltweit anerkannten Grundlagenforscher. Wahr und gut ist in Merkelland eben nur, was sich immer wieder aufs Neue durchsetzt. Da scheint der poppersche Positivismus durch.

Die Kultur in Merkelland

Nein, Fernsehen spielt in Merkels Deutschland keine große Rolle. TV-Shows unterfordern sie, Comedians meist auch. Wenn überhaupt, dann Kinofilme. Am liebsten aber wird in ihrem Land der echte, harte Stoff verabreicht, Wagner zum Beispiel, natürlich live in Bayreuth, dem Wacken der Bildungsbürger. Wenn’s was Leichteres sein soll, geht es in die Berliner Philharmonie. Wer Bach, Beethoven und Wagner drauf hat, kann daraus allerlei Aspekte deutscher Gedanken- und Kulturgeschichte ableiten, versteht den Herrn der Ringe ebenso wie menschliche Abgründe in Dichtung und Wahrheit. In Merkels Deutschland unterhält man sich mit selbst gemachtem Denken und nicht mit Konservenkonsum.

Freizeit in Merkelland

Ginge es nach ihr, gäbe es in diesem Land weniger Freizeitparks und mehr Schnitzmesser, keine Indoorspielplätze, sondern Gummistiefel, überhaupt viel weniger eventisierte Beschäftigung und mehr Bücher. Wandern, Schwimmen im See, Roulade und Kartoffelsuppe, Kuchen mit reichlich Streuseln, ein Glas Riesling oder zwei, Gitarre am Lagerfeuer – und dann ab ins Bett, um noch ein paar Seiten zu lesen. Selbst auf der Ferieninsel Ischia muss Bildung sein; ihr kleines Hotel liegt ganz in der Nähe archäologisch bedeutender Ausgrabungen.

Die Familie in Merkelland

So traditionell ihr Bildungsverständnis, so liberal die Ansichten von Männer-, Frauen-, Familienbildern. Merkel, selbst ohne Kinder, hasst moralisch oder klerikal geladene Debatten, wie Menschen denn zu sein und zu leben hätten. Wenn sie sich, zumal in ihrer Partei, dafür entschuldigen muss, dass sie ihre ganze Kraft dem Regieren widmet und nicht einer Familie, dann ist das nicht ihr Land.

Wie in Friedrichs Preußen soll auch in Merkelland jeder nach seiner Fasson glücklich werden, mit einer Einschränkung: Die christliche Ehe möchte sie dem Hetero-Paar vorbehalten wissen. Begründen kann sie das nicht, aber ihr Bauchgefühl und der Blick auf die konservativen Reste der Partei fordern: So viel Tradition muss bleiben.

Einwanderer im Merkelland

Sie sagt es nicht so deutlich, aber sie meint es so: Natürlich erwartet die Kanzlerin von jedem Einwanderer, dass sie oder er sich ziemlich genau so verhalten, wie die junge Angela Merkel nach dem Mauerfall. Also: informieren, Chancen prüfen, entscheiden, und dann los, voller Leistungswillen, Fleiß und Ehrlichkeit.

Die Zukunft in Merkelland

Helmut Kohl war ein großer Bewahrer. Er versicherte den Deutschen, dass immer alles bleiben werde wie gewohnt: Rente, Kirche, Schule, Familie, Kanzler. Angela Merkel wünscht sich das Gegenteil: mehr Flexibilität, Veränderungsfreude, größere Risikobereitschaft, was wiederum mehr Vertrauen ins eigene Land und die eigenen Fähigkeiten voraussetzt. Das unreife Wanken zwischen Selbstverzwergung und Selbstüberschätzung quält die Kanzlerin. Wir haben die Einheit geschafft, die Finanzkrise, wir haben Europa zusammengehalten, und die Energiewende hat uns auch nicht umgebracht. Wie kann man daran zweifeln, dass die Flüchtlingsfragen zu lösen seien.

Angela Merkel hat auf der Hälfte ihres bisherigen Lebenswegs gelernt, wie sich ein Land, zumindest ein großer Teil, neu erfindet. Natürlich kann man die deutsche Wiedervereinigung nicht mit der globalen Migration vergleichen, dennoch: Es werden Sicherheiten infrage gestellt, juristische, emotionale, ökonomische, regulatorische. Gut so. Nur in Ausnahmesituationen ist Veränderung möglich. Erst die Finanzkrise hat Bewegung gebracht bei europäischer Bankenaufsicht und den Wunsch nach gemeinsamer Finanzpolitik befeuert.

Ebenso verhält es sich mit der Migration: der echte und gefühlte Druck, den die Flüchtlinge auf Behörden, Gesetzgeber, Länder, Kommunen, Schulen, Sozialsysteme und jeden einzelnen Bürger ausüben, verlangt nach schnellem, pragmatischem Handeln, nach Entscheidungen, die außerhalb jener Komfortzone getroffen werden, in der sich ein sattes Land eingerichtet hat. Für Merkel-Deutschland gilt: nur Krisen schaffen die Aktivierungsenergie für ein modernes Land. Als Chancen sind Krisen in Merkels Deutschland aber herzlich willkommen.