Am Fuß der Mauer liegen die Überreste der vorigen Nacht. Kinderkleidung, Spielzeug. Alles feucht und etwas schmuddelig. Mitarbeiter in orangefarbenen Westen sammeln die Gegenstände auf und packen sie in Plastiktüten. Der gute Wille der Spandauer Bürger, er wandert auf den Müll.
Auf der anderen Seite der Mauer steht Susan Hermenau. „Das ist nicht hilfreich“, sagt die Sprecherin des Wohnheimbetreibers Prisod. „Das Spenden muss kontrolliert ablaufen.“ Um sie herum kommen die ersten Bewohner aus den weißen Zelten. Die meisten liegen noch im Bett, über der Zeltstadt liegt eine schläfrige Stille. Irgendwo springen Kinder auf einem Trampolin. Rund 140 Flüchtlinge erreichten die Schmidt-Knobelsdorf-Kaserne am Dienstag, ihre Registrierung dauerte bis um zwei Uhr nachts. „Die Leute waren extrem erschöpft, total fertig mit der Welt“, sagt Hermenau. Wie viele heute kommen, weiß niemand. „Wir erfahren das immer sehr kurzfristig“, so Hermenau. Bis zu 1000 pro Tag werden in Berlin in der nächsten Zeit erwartet.
Auf dem Gelände in Spandau leben insgesamt 1600 Flüchtlinge, zwischen 400 und 600 davon in den 71 Bundeswehrzelten. Ein genauer Überblick ist schwierig, die Belegung ändert sich permanent. Viele kommen aus Syrien, andere aus Afghanistan, dem Irak, Pakistan, Tschetschenien, Afrika. Während in den Backsteingebäuden der Kaserne viele Familien wohnen, sind in den Zelten überwiegend alleinstehende Männer untergebracht. „Ein bisschen Überredungskunst“ sei nötig gewesen, so Hermenau, damit die Männer in die Zelte ziehen. „Für die Kinder haben sie es am Ende aber gern gemacht.“
Das Leben in der Zeltstadt ist spartanisch. Es gibt vier Duschcontainer, nicht genug, aber bei Prisod sind sie froh, dass sie überhaupt welche bekommen haben. Die Zelte bieten nur das Nötigste: zehn Feldbetten, mittlerweile auch Beleuchtung, das wars. Beheizung soll im Laufe des Mittwochs kommen, dann wird eine Anlage aufgebaut, die warme Luft ins Zeltinnere leitet. Endlich eine Lösung, die den Brandschutzvorschriften genügt. „Ich habe heute Nacht sehr gefroren“, gesteht Hassan Ziwani. Der 16-Jährige kam allein, seine Familie ist immer noch in Syrien. „Unser Haus ist eingestürzt, ich bin vor dem Tod geflohen“, sagt er. In seinen Augen spiegeln sich Angst und Strapazen, der Händedruck ist kraftlos. Dass Hassan in Spandau bleibt, ist unwahrscheinlich, er ist ein sogenannter minderjähriger unbegleiteter Flüchtling. Für diese Menschen sucht das Land Berlin Vormunde.
Gegen zehn Uhr hat sich vor Block 46 eine Schlange gebildet. In dem Gebäude neben der Zeltstadt wird das Frühstück ausgeteilt. Zwei Brötchen, Butter, Käse. „Ein deutsches Frühstück, das mögen natürlich nicht alle hier“, sagt Hermenau. Dafür gebe es mittags drei warme Gerichte zur Auswahl. Im Keller von Block 46 sortieren freiwillige Helfer gespendete Kleidungsstücke. In einem Raum stapeln sich die Säcke bis zur Decke. „Die Hilfsbereitschaft in Spandau ist riesig, aber wir können derzeit keine Spenden mehr annehmen“, sagt Hermenau. „Erst recht nicht, wenn sie einfach draußen abgelegt werden. Dann werden sie entsorgt.“ Mit manchen Kleidungsstücken können die Helfer nicht viel anfangen. So gibt es zu viele Männerhosen in Übergröße. Andere Sachen werden dringend gebraucht. Die Freiwilligen der Initiative „Wilhelmstadt Hilft“, die sich in der Zeltstadt engagieren, haben im Internet eine Bedarfsliste zusammengestellt: Herrensocken Größe 40 bis 44, Unterwäsche, Wäscheklammern, Dreifachstecker oder Wundsalbe.
Viele der Menschen wollenin Deutschland bleiben
Es wird noch etwas dauern, bis sich das Leben auf dem Kasernengelände eingespielt hat. Zunächst müssen alle Flüchtlinge registriert werden, seit ein paar Tagen kümmert sich das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) darum. Manche fahren trotzdem zur Lageso-Zentrale an der Turmstraße, einfach, damit sie etwas zu tun haben. „Das Nichtstun ist am Schlimmsten“, sagt Ibrahim, ein syrischer Lehrer, der trotzdem zufrieden ist. „Es ist sehr schön hier, ich möchte bleiben, Deutsch lernen und arbeiten.“ Ibrahim ist nicht der Einzige. Als eine Gruppe Flüchtlinge zuletzt vom Lageso zurück in die Zeltstadt wollte, stiegen sie in den Bus, zeigten ihren Heimausweis und sagten: „Wir möchten nach Hause fahren, bitte.“

