Berlin

Flughafen Tempelhof wird zur Notunterkunft

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Joachim Fahrun

Zwei leer stehende Hangars sollen Platz für bis zu 1500 Flüchtlinge bieten. Züge Richtung Berlin werden von der Bundespolizei permanent überwacht

Berlin. Die Berliner Behörden rechnen nicht akut damit, dass größere Gruppen von Flüchtlingen aus Erstaufnahmelagern oder von Bahnhöfen in Ungarn am Wochenende mit der Bahn in Berlin eintreffen. Alle zwei Stunden erfolgt eine Rückfrage bei Bundespolizei und Deutscher Bahn, ob sich Züge mit auffällig vielen Flüchtlingen der Stadt nähern. Aus Dresden kam die Meldung, dass am Freitag bis zum Abend nur einige Dutzend mögliche Asylbewerber aus den Zügen geholt worden seien.

Anstatt eines großen Zugs voller Menschen erwartet man nun, dass viele Menschen eher mit Bussen oder Kleintransportern in Berlin ankommen. Alle zwei Stunden stimmt sich das Landesamt für Gesundheit und Soziales mit der Polizei und den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) ab, falls irgendwo Gruppen von Flüchtlingen in der Stadt gesichtet werden. Dann soll die BVG die Menschen mit Bussen einsammeln und in eine der Notaufnahmestellen bringen. Dabei rechnen die Behörden nicht damit, schon an den nächsten Tagen die neue Zeltstadt in der Spandauer Polizeikaserne belegen zu müssen.

Noch schaffen es die Behörden, die rund 1000 pro Woche benötigten Unterkunftsplätze anderswo einzurichten. Im Kasernengebäude selbst waren am Freitag noch Plätze frei. Die landeseigene Immobiliengesellschaft BIM will kurzfristig drei weitere Objekte als Heime bereitstellen. Die Projektgruppen beschlossen am morgen offiziell, zwei Hangars des Flughafens Tempelhof zu nutzen, die bis zu 1500 Menschen Platz bieten. Mittelfristig gehen alle Beobachter davon aus, dass die festen Kapazitäten vollaufen werden. In der neuen Notunterkunft am Tempelhofer Weg sind am Freitag morgen 30 Menschen angekommen. Die zunächst 200 Schlafplätze auf Pritschen und in Stockbetten in der leer stehenden Schule sind damit belegt. Einige Räume sind verschlossen, sie gelten als schadstoffbelastet. Der Bezirk wollte das Haus sanieren und war erst angesichts der zugespitzten Lage bereit, es als Unterkunft freizugeben.

Die Geschichte der Notunterkunft illustriert die Not des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) und belegt die von der Kanzlerin angemahnte „deutsche Flexibilität“. Betreiber ist die Tamaja GmbH. Deren Chef Michael Elias war seit zehn Monaten bestrebt, beim Lageso mit einem Antrag für den Betrieb einer regulären Unterkunft in Neukölln zu landen. Das zog sich lange hin, ohne dass Elias einen Grund für die Zögerlichkeit erfahren hätte. In Leipzig und an der Müritz kam er mit seinem Konzept schneller zum Zuge. Erst Mitte August bekam er den Zuschlag für das Heim an der Karl-Marx-Straße, das derzeit entsteht.

Kurz darauf bekam er einen Anruf vom Lageso, berichtet Elias, während er zwischendurch mit seinen beiden Mobiltelefonen mal einen Zahnarzt für ein Kind organisiert und dann mit einem Architekten über Umbauten verhandelt. Ob er eine Notunterkunft betreiben könnte. Zum Ortstermin fehlte dann der Schlüssel vom Bezirksamt, es geschah erst einmal nichts. Dann musste alles schnell gehen. Wieder ein Anruf. Ob er die Unterkunft herrichten könnte. Elias besorgte über einen Dienstleister einen Trupp Gebäudereiniger und über einen Kontakt eine Gruppe Afghanen, selber Flüchtlinge, die die Notbetten aufstellten. Am Tag darauf, er war gerade in Mecklenburg unterwegs, kam nachmittags ein neuer Anruf. Ob er am selben Abend 150 Flüchtlinge einchecken und versorgen könne, die vor der Erstaufnahmestelle in Moabit eingesammelt werden sollten.

„Wir schaffen das“, sagte er seinen Leuten, die zum Teil lange Erfahrung haben mit der Betreuung von Flüchtlingen. Sofort organisierte er einen Sicherheitsdienst, Dolmetscher und Catering. 600 Liter Wasser kaufte er eigenhändig beim Supermarkt. „Alles lief reibungslos“, berichtet Elias. Das läge daran, dass er seine Prozesse genau geplant habe, so wie er bei seinen vorigen Jobs in der Industrie gelernt hat.

Auf dem Schulhof, den die Flüchtlinge selbst sauber halten, sollen noch Duschcontainer aufgestellt werden, sobald es wieder welche gibt auf dem Markt. So lange hat der Bezirk erlaubt, dass die Bewohner die Duschen der Sporthalle nutzen. Aber nur von sechs bis zehn Uhr. Und nur Frauen und Kinder dürfen durchs Gebäude zur Dusche gehen. Männer müssen über den Hof.

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