Flüchtlinge

Merkel redet Deutschen Mut zu: „Wir schaffen das“

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Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet am Montag den spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy

Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet am Montag den spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy

Foto: AXEL SCHMIDT / REUTERS

In der Flüchtlingskrise redet die Kanzlerin Klartext. Sie macht den Deutschen Mut und verurteilt die rechten Proteste.

Hunderttausende Flüchtlinge drängen nach Deutschland. Vielen macht das Angst. Die Kanzlerin ist über Anfeindungen entsetzt - für sie ist der Zustrom ein Kompliment an die vereinte Republik.

Berlin (dpa) - Diesmal gibt die Kanzlerin ihre Zurückhaltung auf. Sie lässt keinen Spielraum für Interpretationen. Angela Merkel schärft der Bevölkerung ein, was die Flüchtlingskrise für das eigene Land bedeutet: die Pflicht zur Hilfe, das Verbot der Anfeindung, die Notwendigkeit der Flexibilität und die Chance auf Neues.

Bei ihrer politischen Bilanzpressekonferenz, die sie einmal im Jahr in Berlin vor Hunderten Journalisten gibt, beschreibt Merkel am Montag die Ankunft von vermutlich 800 000 Flüchtlingen in diesem Jahr schlicht als das, was es ist: „eine große nationale Aufgabe“. Selbstbewusst und bestimmt sagt sie: „Wir schaffen das, und wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden.“

Lange hat sie in der Flüchtlingsdebatte geschwiegen. Beim Besuch des von Rechtsextremisten angegriffenen Flüchtlingsheims im sächsischen Heidenau in der vorigen Woche blieb Merkel für viele hinter den Erwartungen an klare Worte zurück. Da sagte sie, dass es keine Toleranz gegenüber Menschen geben dürfe, die die Würde der anderen missachteten.

Merkel zeigt Gefühl

Nun spricht Merkel Klartext. Sie verurteilt die „Hetzer“ und macht den Helfern - „den vielen guten Bürgern“ - Mut. Überhaupt will sie Zuversicht verbreiten, dass das starke, reiche Deutschland dieser großen Herausforderung gewachsen ist - und das mit der gestiegenen Verantwortung in der Welt nach der Wiedervereinigung auch leisten muss. Das Besondere an diesem Auftritt ist, dass Merkel ganz anders als sonst Gefühl zeigt und drastisch formuliert.

Sie spricht von „unfassbaren Gräueln“ in Ländern wie Syrien, von „skrupellosen Schleppern“, die Flüchtlinge „zugrunde richten“, von persönlichen „Katastrophen“. Um den Deutschen ihren Wohlstand, ihre Sicherheit und womöglich ihre zum Teil auch gedankliche Trägheit klar zu machen, sagt sie: „Das geschieht, während wir in sehr geordneten Verhältnissen leben.“ Und sie traut sich zu sagen, dass meisten hiesigen Bürger eine Erschöpfung wie die der Flüchtlinge noch nie erlebt haben - „die uns zusammenbrechen lassen würde“. Damit fordert sie Demut vor dem Leid der anderen.

Anerkennung für das eigene Land

Sie macht die Flüchtlingskrise zum Hauptthema. Das dramatische Ringen um die finanzielle Rettung Griechenlands, der gefährlich stockende Friedensprozess in der Ukraine und ein mögliches erneutes Treffen mit den Präsidenten Russlands, Frankreichs und der Ukraine spielen an diesem Tag bei allem Gewicht insgesamt eine untergeordnete Rolle.

Während Merkel in Berlin Partei für Kriegsflüchtlinge ergreift und Engagement und Offenherzigkeit von Menschen in Deutschland herausstellt, kommen zeitgleich wieder Hunderte, wenn nicht Tausende in das Land. Merkel versucht, Anerkennung für das eigene Land zu vermitteln: „Das stellt uns nicht das schlechteste Zeugnis aus.“ Deutschland habe das, wovon viele Menschen im Krieg träumten: Bürgerrechte, Freiheit, ein geordnetes Zusammenleben. „Die Welt sieht uns als Land der Chancen. Das war nicht immer so.“

„Nichts rechtfertigt ein solches Vorgehen“

An Neonazis, Rechtsextreme und Rassisten in Deutschland sendet Merkel eine unmissverständliche Botschaft - deutlicher als in all den Monaten zuvor, als viele Bürger von der Kanzlerin „klare Kante“ verlangten. Nun spricht auch sie wie der Bundespräsident von Hetzern. „Nicht die Spur von Verständnis“ zeigt sie für diese Fremdenfeinde: „Keine biografische Erfahrung, kein historisches Erlebnis, nichts, aber auch gar nichts rechtfertigt ein solches Vorgehen.“

Als Regierungschefin für das ganze Land, aufgewachsen in der DDR, wehrt sie aber alles ab, was nach einer besonderen Schwäche Ostdeutschlands aussehen könne. „Wir sind ein Land“, betont die 61-Jährige. In Ost und West will sie es nicht aufteilen und „daraus keinen Ost-West-Konflikt machen.“

Sie will aber mit den Rechten in Sachsen, von denen sie bei ihrem Besuch der Flüchtlingsunterkunft in der Kleinstadt Heidenau auf das Unflätigste angepöbelt wurde, auch nicht in Kontakt kommen. „Ich habe nicht das dringende Bedürfnis, in eine Diskussion einzutreten.“ Es gehöre eben dazu, dass man als Politiker auch mal beschimpft werde. „Das ficht mich nicht weiter an.“ Sorgen mache ihr der Hass und die Kälte in den Herzen mancher Menschen. Sie mahnt: „Halten sie Abstand.“