In der an Konflikten so überreichen Geschichte der Menschheit hat es zahllose Versuche gegeben, die eigenen Territorien durch das Anlegen von Sperrvorrichtungen gegen Angriffe oder Völkerwanderungen zu schützen. Alle diese Versuche waren letztlich erfolglos. Dies gilt selbst für das gewaltigste Bauwerk der Erde, die mehr als 21.000 Kilometer lange Chinesische Mauer.

Es ist eine zynische Fußnote der Geschichte, dass ausgerechnet Ungarn nun eine 175 Kilometer lange Stacheldrahtmonstrosität an seiner Außengrenze errichtet hat. Es war schließlich eine ungarische Regierung, die im Jahr 1989 die Grenzzäune zerschnitt, woraufhin 57.000 DDR-Bürger ihr sozialistisches Freiluftgefängnis verlassen konnten. Ungarns mutige Tat gab dem maroden DDR-Regime, wie wir wissen, schließlich den Rest.

Der Bau des neuen Grenzzaunes gegen Flüchtlinge ist ein politischer Offenbarungseid. Auch der rechtslastigen Regierung in Budapest dürfte klar sein, dass Mauern und Drahtrollen, Grenzer und Hunde den enormen Migrationsdruck nach Europa nicht aufhalten werden. Es ist das klassische St.-Florians-Prinzip: „Verschon’ mein Haus, zünd’ andere an“, das sich in Europa wieder durchsetzen will und in Ungarn in besonders eklatanter Weise offenbar wird.

Dabei wollen die wenigsten der bisher rund 140.000 Flüchtlinge, die über Serbien einreisen, in Ungarn bleiben. Ihr Ziel ist es, in reichere und gesellschaftlich tolerantere Länder zu gelangen, nach Deutschland etwa oder nach Schweden. Ungarn, der einstige Grenzöffner, hat seit einigen Jahren ein gravierendes Problem mit Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus entwickelt. Die einseitige Maßnahme der Ungarn verletzt die europäischen Prinzipien – und dies, nachdem das Land im Dezember 2007 als erstes Land der Europäischen Union den Vertrag von Lissabon ratifiziert und damit seine proeuropäische Haltung demonstriert hatte. „Fortschritt durch Kompromiss“ lautete das Motto der damaligen ungarischen Regierung. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Dabei hat unter anderem die Europäische Union den ungarischen Staat vor dem Kollaps in der Finanzkrise bewahrt. Aber auch die Haltung Mazedoniens, das die Flüchtlingsströme einfach an die serbisch-ungarische Grenze weiterleitet, ist in diesen Tagen nicht hilfreich.

Die Flüchtlingskrise ist auch eine Frage der politischen und gesellschaftlichen Reife. Die Politik muss den Bürgern ungeschminkt die Lage erklären. Zurzeit polarisiert sich die Diskussion oft zwischen rassistischen Rechten, die ihre elende Blut- und Bodenmentalität mit dem Baseballschläger durchsetzen wollen, und Gutmenschen, die den millionenfachen Zustrom an entwurzelten Menschen kritiklos bejubeln.

Richtig ist, dass diese schwierige Situation auch eine enorme Chance für das alternde und schrumpfende deutsche Volk darstellt. Richtig ist aber auch, dass viele der Flüchtlinge nie etwas anderes gekannt haben als Gewalt, Intoleranz, Fanatismus, Korruption und Kriminalität, dass sie jeden Polizisten aus bitterer Erfahrung als Feind betrachten. Und viele dieser Traumatisierten werden eine große, nicht nur finanzielle Belastung für unsere Gesellschaft darstellen. Die Bundesrepublik Deutschland hat nach dem Zweiten Weltkrieg mindestens zwölf Millionen Vertriebene in den Ländern und Städten aufgenommen und integriert. Diesmal wird die Aufgabe vermutlich deutlich schwieriger.

Doch eine Alternative zu der Doppelstrategie mit Investitionen in den Elendsländern und Integration von Flüchtlingen in Deutschland gibt es nicht. Zäune und Barrieren, das lehrt die Geschichte, vermögen Verzweifelte auf Dauer nicht aufzuhalten.

Das Volk der Magyaren übrigens verließ einst notgedrungen seine Heimat am Ural – und wanderte in das heutige Ungarn aus.