Die Schulferien sind zu Ende. Die Kinder werden sich ab heute wieder auf den Weg zur Schule machen müssen. Die Kitas nehmen wieder wie gewohnt die noch Kleineren auf. Die Eltern haben alles sorgfältig vorbereitet. Und wenn sie das deutsche Schulsystem noch nicht so gut kennen, müssen sie wie ihre Jüngsten dazulernen.

Für französische Eltern in Deutschland trifft dies auch zu. Die Mütter, die Gewohnheiten à la DDR pflegen, laufen Gefahr, in ihrem Umfeld schief angesehen zu werden. Als ich vor Kurzem im ARD-Pressclub die Gemeinsamkeiten zwischen dem ostdeutschen und dem französischen Modell erwähnte, wurde ich von den westdeutschen Kollegen mit viel Skepsis angestarrt.

Französische Mütter, die ihr frisch geborenes Kind in einer Krippe „abgeben“ oder einer Pflegemutter den ganzen Tag hinterlassen, haben es in Deutschland schwer. Oft stoßen ihre Absichten, wenn sie vorher verraten werden, bei der deutschen Familie oder den deutschen Freunden auf Unverständnis. In Frankreich ist dies bei den zahlreicheren vollzeittätigen Müttern hingegen gang und gäbe. Und: Aus fremdbetreuten Kindern entstehen nicht zwangsläufig Monster.

Aber ich beobachte bei französischen Frauen in Deutschland nicht nur die standhafte Pflege französischer Gewohnheiten. Manche dieser Mütter entdecken durchaus die Vorzüge des deutschen Modells und basteln an einem Kompromiss, der an die zahlreichen Beispiele des deutsch-französischen Motors in der großen Politik erinnert. Sie genießen es doch, mehr Zeit in den Anfangsmonaten mit ihrem kleinen Kind zu verbringen, bevor sie in die Arbeitswelt zurückkehren.

Wenn die Kinder etwas älter werden, spätestens mit drei Jahren, kommen sie in Frankreich in die „Ecoles maternelles“, also in die Vorschulen. Fast alle werden in diesen staatlichen Einrichtungen von früh bis spät betreut. Und mehr als das. Denn im Gegensatz zum deutschen Modell, wo bis zur Einschulung mit sechs Jahren die Kinder vor allem sich frei und ohne Zwänge zuerst entfalten müssen, werden sie bei uns in Frankreich auf die Schule mit einer Art Unterricht vorbereitet, lernen zum Beispiel auf der Zielgerade rudimentär lesen und rechnen.

Neben diesen Mentalitätsunterschieden gibt es auch große Differenzen in der Infrastruktur. Und bei den Zahlen der Kitas und sonstigen Vorschulen, die eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Familie ermöglichen, denkt man unweigerlich auch hier an ähnliche Zahlen in Ostdeutschland. Weil Frankreich lange unter demografischen Problemen litt, hat der Staat in der Nachkriegszeit viel getan, um eine familienfreundliche Politik zu entwickeln. Dies drückt sich in der Infrastruktur bei den Vorschulen, aber auch in sozialen und steuerlichen Maßnahmen aus.

Die kulturellen Unterschiede, die für die frühe Kindheit gelten, setzen sich später fort. In Deutschland wird traditionell in der Grundschule und darüber hinaus die Gruppenarbeit und die Entwicklung mündiger Bürger bevorzugt. In Frankreich herrschte lange der Frontalunterricht, eine stärkere Disziplin und die Wiedergabe der Lerninhalte.

Ich kann mich immer noch sehr gut an meinen ersten Besuch als Student an der Freien Universität erinnern (zugegeben im damals noch mehr bewegten Otto-Suhr-Institut der späten 80er-Jahre). Aus einer französischen und doch sehr verschulten Elite-Uni kommend, kam ich mir wie in einer sympathischen Mischung aus Freizeitzirkus und Selbstverwirklichungsseminar vor. Alles erschien mir spontan und unstrukturiert, und ich fragte mich, welche Inhalte bei diesen wilden Veranstaltungen rübergebracht werden sollten.

Solche Unterschiede im Bildungsalltag zwischen Deutschland und Frankreich sind immer gute Beispiele, wenn man sich bemüht – und dafür sollte auch ein Auslandskorrespondent sorgen – fest verankerte Klischees abzubauen, in diesem Fall jene über die rigiden und disziplinierten Deutschen, die doch der Vergangenheit angehören.